Berichte

Liturgietag in St.Raphael
Samstag, 16. Februar 2013

1. Impulsreferat zum Liturgietag

Das Wort „Liturgie" kommt aus der griechischen Sprache. Es kommt von „laon" (das Volk, die Vielen) und „ergon" (tun). Es ist also das, was Viele (gemeinsam) tun. Ein erster wichtiger Hinweis: Liturgie kann man „nicht allein" tun. Liturgie benötigt also immer eine Versammlung von Vielen, bei der alle mittun. Im Griechischen hat das Wort „Liturgie" auch die Nebenbedeutung von „Spiel". Ein zweiter wichtiger Hinweis, denn mit dem Begriff „Spiel" kommt ebenso die Dimension Ernsthaftigkeit als auch Leichtigkeit „ins Spiel". Der holländische Soziologe Johan Huizinga definiert „Spiel" so: Spiel ist eine freiwillige Handlung, die ihr Ziel in sich selbst hat, bindenden Regeln unterliegt und begleitet wird von Gefühlen des Gespanntseins und der Freude und einem Bewußtseins des Andersseins als das gewöhnliche Leben. Wichtige Stichworte, die uns heute durchaus erneut begegnen werden: freiwillig; Regeln; Gespanntsein; Freude; sich vom Alltag abheben. Heute bezeichnet man mit „Liturgie" den gesamten öffentlichen Kult der Kirche, also nicht nur Eucharistie- oder Wortgottesfeiern, sondern auch Andachten, Wallfahrten, Taufen, Beerdigungen, Stundengebet usw. Anders aber als das, was wir sonst unter „Spiel" kennen, hat die Liturgie ihr Ziel natürlich nicht in sich selbst, sondern weist weit darüber hinaus auf den „Größeren", den wir dabei in den Blick nehmen.

Am 4.Dezember 1963 wurde die Konstitution über die Liturgie als erster Text vom 2.Vatikanischen Konzil beschlossen. Das war eine glückliche und eine unglückliche Situation zugleich. Eine glückliche Situation, weil es die Erneuerungen, die hier eingebracht wurden, die Gedanken insgesamt weit machte für alle folgenden Konzilstexte. Eine unglückliche Situation, weil Impulse und theologische Einsichten aus späteren Konzilstexten sich aber nicht mehr in die Gestaltung von liturgischen Feier niederschlagen konnten. Das Datum der Beschlußfassung (1963) hat uns angeregt, jetzt im fünfzigsten Jahr nach der Liturgiereform einen „Liturgietag" in unserem pastoralen Raum St.Raphael zu halten. Im Vorfeld zum Konzil gab es etwa 9000 Seiten Vorschläge, womit sich das Konzil befassen sollte. Allein über ein Viertel davon beschäftigte sich mit der Liturgie, wie sie bis dahin gefeiert wurde: Sie war voll von sehr weihevollen und würdigen Riten. Die liturgische Sprache war das (unverständliche) Latein. Alles ging allein vom Priester (oder den Leviten) aus. Zwischen den Klerikern und den Laien gab es eine tiefe Kluft (sichtbar in der Kommunionbank bzw. viel früher dem Lettner). Von der Gemeinde kamen nur einzelne Gesänge, aber selbst die wurden oft noch von einem Chor vorgetragen. Die Gemeinde betete während der Meßfeier oft etwas ganz anderes, nämlich den Rosenkranz. Vieles davon wurde zunehmend als Ärgernis erlebt. Schon lange vor dem Konzil gab es eine breite (auch von Deutschland ausgehende) „Liturgische Bewegung", die auch schon einiges in Veränderung gebracht hatte, beispielsweise in der Gestaltung der Osternacht. Der Theologe Romano Guardini schrieb schon viele Jahre vor dem Konzil, daß die „Kirche in den Seelen erwacht".

Das Konzil hat die Liturgie sehr umfassend erneuert. Ich kann mich noch gut erinnern, wie es vorher war. Das „Geheimnisvolle" (Unverfügbare) kam früher sicherlich stärker zum Ausdruck, vielleicht auch das „Erhabene". Aber sie blieb unverständlich und wirkte sich für die Woche eigentlich nicht mehr aus, setzte für den Alltag kaum Impulse. Es war (in einem guten Sinn) ein „Schau-Spiel", aber ich fühlte mich dabei nicht tätig eingebunden, auch nicht als Meßdiener. Das Konzil nun versteht „Liturgie" als Vollzug des Priesteramtes Christi, und zwar zugleich als Tat Christi und seiner Kirche. In ihr kommt die Heiligung des Menschen zum Ausdruck und wird sie zugleich auch bewirkt. Damit ist die Liturgie Höhepunkt und Quelle für das ganze Tun der Kirche. Deshalb müssen alle Gläubigen sehr sorgfältig zur Liturgie hingeführt werden.

In vielen Artikeln beschäftigt sich die Liturgiekonstitution mit der Erneuerung der Liturgie:
• Es gibt einen kraft göttlicher Einsetzung unveränderlichen Teil; daneben gibt es gibt Teile, die einem (notwendigen!) Wandel unterworfen sind.
• Alle müssen in voller, tätiger und gemeinschaftlicher Weise mitfeiern können.
• Bei den liturgischen Feiern soll jeder, sei er Liturge oder Gläubiger, in der Ausübung seiner Aufgabe nur das, aber auch all das tun, was ihm zukommt (Artikel 28)
• Auch die Ministranten, Lektoren, Kommunionhelfer, Organisten, Kantoren und Chormitglieder vollziehen einen wahrhaft liturgischen Dienst (Artikel 29)
• Texte und Riten müssen zum Ausdruck bringen, wofür sie stehen; sie sollen den „Glanz edler Einfachheit" an sich tragen; sie sollen also knapp, durchschaubar und frei von unnötigen Wiederholungen sein.
• Die Heilige Schrift soll größeres Gewicht bekommen.
• Die Muttersprache wird zugelassen.
• Wiederaufgenommen werden die Fürbitten.
• Mit Nachdruck wird der Kommunionempfang empfohlen.
• Zu fördern sind Wortgottesdienste.

Ich freue mich darauf, daß wir heute miteinander überlegen:
• Wie erlebe ich die Liturgie, wie wir sie in St.Raphael feiern?
• Gelingt es uns, Liturgie als wirkliche „Feier" zu gestalten?
• Können sich alle in ihren „Rollen" einbringen?
• Können sich alle (und nicht nur die Priester) als „Träger" der Liturgie erfahren?
• Welche Aufgabe(n) und Stellenwert hat die musikalische Gestaltung?
• Welche Gottesdienstelemente haben Spielraum und welche nicht?
• Welchen Einfluß hat der Kirchenraum auf mein Empfinden und damit auch auf mein inneres Beteiligtsein?

 

2. Anschließend wurden die über 30 Teilnehmer/innen gebeten, ihre Erfahrungen stichwortartig zu Papier zu bringen: Was hilft mir einen Gottesdienst zu mitzufeiern? Was hindert mich daran? Hier die Auflistung aller Antworten:

 

 

Was hilft mir dabei, einen Gottesdienst gut mitzufeiern?

 

• Meine eigene innere Einstellung
• Meine innere Ruhe
• Eine sorgfältige und ruhige persönliche Vorbereitung
• Der Glaube, dass Gott in der Heiligen Messe lebendig wirkt
• Ruhe
• Offenheit
• Der schöne Kirchenraum
• Wenn die Gestaltung des Kirchenraumes Liebe und Geborgenheit vermittelt
• Gestaltung des Kirchenraumes (warme Farben, Bilder, Transparente)
• Helligkeit und Wärme des Kirchenraumes
• Helle Kirche, warme Farben
• Helligkeit und Farben
• Licht
• Blumen
• Blumen und Kerzen erfreuen mich und bringen Feierstimmung
• Das Ewige Licht, der Kreuzweg, das Kreuz, der Marienaltar, der Kirchenpatron
• Der unmittelbare Eindruck, dass alles gut vorbereitet ist (der Raum, die Liedauswahl, die Predigt)
• Das Gefühl, dass alle Beteiligten gemeinsam geplant haben
• Das Gefühl, dass alle Beteiligten „Hand in Hand" arbeiten
• Selbst mitbeteilt zu sein (als Lektorin, Kommunionhelferin, Kantorin...)
• Wenn ich mich ernst genommen fühle
• Miteinander Gemeinde leben
• Eine Gemeinschaft erfahren
• Ich freue mich über Menschen, die ich in der Sitzbank wiedersehe
• Wenn ich die Mitfeiernden sehen kann
• Aufgeschlossene und interessierte Gesichter
• Ich freue mich über Gemeinsamkeiten, die alle Mitfeiernden verbinden, z.B. Antwortgesang, Agnus Dei, Kommuniondank
• Der Gottesdienst bietet auch Gelegenheit, gute Bekannte zu treffen; daher ist auch das Treffen nach der Feier wichtig.
• Frohe Gestaltung
• Abwechslungsreiche Gestaltung
• Aufeinander abgestimmte Texte und Lieder
• Wenn Inhalt, Sprache, Musik, Gestaltung und Beteiligung stimmig sind
• Klare Strukturierung mit eindeutiger klarer Sprache und Impulsen
• Wenn Texte, Lieder und Gesten stimmig sind
• Wenn ich die Sprache gut verstehe
• Gut und deutlich gesprochene Gebete und Lesungen
• Verständliche Sprache (des Wortes Gottes) hier und jetzt
• Klarheit in den Gedanken
• Der Bezug zur Realität und auf mein Leben
• Musik
• Musik und Gesang
• Musik, Orgel, Gesang
• Orgelmusik
• Meditative Musik
• Angemessene musikalische Gestaltung
• Wenn die Orgel in Meditation oder Gemeindegesang einfühlsam und stützend spielt
• Wenn die Lieder das Thema aufnehmen
• Singen
• Bekannte Lieder
• Lieder zum Mitsingen
• Lieder, die ich gerne mitsingen kann
• Eine gut durchdachte Liedauswahl
• Mitgestaltung der Musik und Lieder (Mitsprache)
• Wenn ich die Lieder gut mitsingen kann
• Ich freue mich über Chorgesang, aber trotzdem auch die Gemeinde singt
• Chorgesänge
• Gesungene Psalmen
• Gute Predigt
• Wenn der Priester verständlich predigt (in Sprache und Inhalt)
• Eine Predigt, die verständlich und zeitbezogen ist
• Predigt, die die heutige Zeit ausgelegt
• Eine Predigt, die den Bezug des Evangeliums zu Heute herstellt und zum Nachdenken anregt
• Wenn Lebenserfahrungen, Alltag und biblische Botschaft aufeinander bezogen sind
• Predigt mit Impulsen für den Alltag
• Ich freue mich, wenn die Lesungen oder das Evangelium verständlich erklärt werden und auf den Alltag bezogen werden
• Gute Bibeltexte und die dazu vorbereiteten Gedanken
• Überraschende Gedanken in der Predigt

 

Was hindert mich daran, einen Gottesdienst gut mitzufeiern?

 

• Unruhe
• Unruhe
• Unruhe im Kirchenraum
• Innere und äußere Unruhe
• Persönliche Sorgen
• Durch Alltagsprobleme nicht abschalten bzw. zuhören zu können
• Wenn das „Sacrum" verloren geht
• Kalte Kirche
• Kalter Raum
• Schmucklose Gestaltung des Kirchenraums und kalte Farben
• Schlechte Akustik
• Wenn die Kirche halbleer wirkt
• Keine ansprechende Einladung zum Gottesdienst
• Der Schein der „Anwesenheit"
• Wenn ich mich „fremd" fühle inmitten der Menschen (fehlende Gemeinschaft)
• Zu wenig Offenheit (die Türen stehen für jeden offen!)
• Schlechte Beteiligung der Gemeinde
• Geringe Beteiligung der Gemeinde
• Unaufmerksame und „stockende" Abläufe
• Es stört mich, wenn ich den Eindruck bekomme, der Gottesdienst wird vom Priester „automatisch abgefeiert"
• Automatische Ausübung der Riten (auch durch Kirchenbesucher)
• Wenn der Eindruck entsteht, dass ein festes Programm abgearbeitet wird (ein Festablauf ist dagegen freier)
• Wenn ich den Eindruck von „Theater" habe
• Ritualismus
• Klerikalismus
• Unvorbereiteter Priester
• Lektor ohne Gefühl
• Unverständliche Sprache (auch in Liedtexten)
• Harte und schwer verständliche Sprache
• Zu wenig „Alltagssprache" (d.h. konkrete Formulierungen)
• Formulierungen, die mit dem persönlichen Glauben nicht (mehr) im Einklang stehen
• Schlechte Aussprache
• Geringe musikalische Gestaltung
• Wenn man das Gefühl hat, dass die Orgel nur zum künstlerischen Selbstzweck spielt und keine gemeinsame Linie mit dem Gemeindegesang findet
• Wenn unbekannte Lieder gesungen werden
• Zu viele selten gesungene Lieder
• Langweilige und zu alte Lieder
• Eine misslungene Predigt
• Wenn ich die Predigt nicht gut verstehe
• Wenn die Predigt für den Status einer Gemeinde unverständlich ist
• „Vorkonzilare" Predigtgedanken
• Formulierungen im Schuldbekenntnis
• Formulierung nach der Lesung („Wort des lebendigen (?) Gottes")
• Formulierung beim Lamm Gottes („...geschlachtet am Stamme des Kreuzes": Gott braucht keine Schlachtopfer)