Impulse zum Lesen

„Jemanden in die Wüste schicken“ heißt ein altes Sprichwort und bedeutet, sich endgültig von ihm zu trennen. Jede Verbindung abbrechen, ja, ihn dem Tod preiszugeben. Diese Redewendung führt uns zurück in das 3. Buch Mose, Kap. 16,20 ff. An Jom Kippur, dem Versöhnungstag im Judentum soll der Priester Aaron einem Bock die Hände auflegen als Symbol für alle Sünden des israelitischen Volkes. Dann soll er in die Wüste gejagt werden, damit er umkommt (und die Schuld getilgt ist). Er wird zum Sündenbock.

Im heutigen Evangelium treibt der Geist Jesus in die Wüste. Es ist der Anbeginn seines restlichen Lebens, in dem er die Schuld der Welt auf sich nimmt und mit dem Tod am Kreuz sühnt, um die Welt mit Gott zu versöhnen.

Die Schuld der Welt – welch ein Ausmaß hat diese Schuld!

In jedem Gottesdienst beten wir: „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt“. Ist uns eigentlich bewusst was wir da beten?

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa…..

Edeltraud Lange-Mock

Papst Franziskus hatte vor einigen Jahren dazu aufgefordert, barmherzig zu sein. Er hatte ein „Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen, vielleicht, weil er dem Gedanken immer schon auf der Spur ist und weiß, wie wichtig es für uns ist, ein Herz für andere zu haben. Für die Aussätzigen unserer Zeit, die Menschen am Rande der Gesellschaft, die Einsamen, die Gefangenen in ihren Gedanken oder Wohnungen, die Wohnungslosen und vielen mehr.

In der evangelischen Kirche lautet die Jahreslosung 2021 „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“.

In dem Wort Barmherzigkeit steckt das Wort Herz… und das ist ja bekanntlich das Symbol für die Liebe. So passt es heute wunderbar, dass wir auch eines Heiligen gedenken können, der geradezu als „Patron der Liebenden“ bekannt ist, der Hl. Valentin.

Angeblich soll Valentin, ein Priester aus Ternia, am 14. Februar im Jahr 269 n. Chr. hingerichtet worden sein. Später wurde er als Märtyrer heiliggesprochen. Sein Vergehen war: Er soll illegale Trauungen nach christlichem Ritus vorgenommen haben.

Damals wurden in Rom Trauungen nicht nach christlicher, sondern nach römischer Sitte vorgenommen – das heißt: im Namen der römischen Götter und vor allem, des römischen Kaisers. Und es gab Menschen, die durften gar nicht heiraten – zum Beispiel Soldaten oder Sklaven. Valentin soll sie dennoch getraut und mit Blumen aus seinem Garten beschenkt haben.

Diese und andere Legenden ranken um den Hl. Valentin – und so haben die Christen jedes Jahr am 14. Februar – dem Tag seiner Hinrichtung – an den heiligen Valentin gedacht und Gott dafür gedankt, dass es ihn gegeben hat.

Es ist gut, immer wieder von Zeit zu Zeit auf die Barmherzigkeit hingewiesen zu werden. Ich könnte heute mal Herz zeigen für…?

Annette Köhler

Zwischen der Weihnachtszeit und der Fastenzeit hören wir in den Sonntagsevangelien zunächst Berufungs-, dann Heilungsgeschichten. Und in den Heilungsgeschichten Jesu geht es nicht immer um akut auftretende Krankheiten wie das Fieber, unter dem die Schwiegermutter des Simon Petrus leidet, von der wir im heutigen Evangelium hören. In Heilungsgeschichten trifft Jesus auch auf Menschen, die seit Jahren unter Beeinträchtigungen, Resignation oder Perspektivlosigkeit leiden. Einem solchen Menschen begegnen wir mit Hiob auch in der alttestamentlichen Lesung dieses Sonntags. Enttäuschung, Mühsal, Unrast sind seine täglichen Begleiter. „Nie mehr schaut mein Auge Glück“ lautet der deprimierende Schlusssatz.

Was brauchen Menschen, denen aus welchen Gründen auch immer eine Perspektive fehlt? Auf das Wunder, dass auf ein Zeichen hin alles wieder gut wird, müssen sie wohl vergeblich warten. Auch Jesus schwingt nicht nur kurz den Zauberstab. Die Heilungen vollziehen sich in mehreren Schritten: Jesus sieht den Betroffenen (also auch seine Situation), geht hin, spricht an, berührt, richtet auf (macht dadurch wieder selbständig). Oft fragt er nach den Wünschen (lässt also ein eigenes Ziel formulieren) und fragt nach dem Glauben seines Gegenübers, letztlich nach der Bereitschaft, sich Hoffnung zusprechen zu lassen.

„Und er richtete sie auf“. Wer sich auf die verschiedenen Schritte der Hilfe Jesu einlässt, kann sein Leben als „geheilt“ empfinden, auch wenn nicht alle äußeren Anzeichen von Krankheit oder Mühsal aufgehoben sind.

Elisabeth Hunold-Lagies

Immer wieder die gleichen Themen in den Nachrichten, in Kommentaren, in Talkshows: Corona und die Maßnahmen und Auswirkungen, Amerika und die Entwicklungen dort – zumindest bis vor kurzem -, Kilmaschutz und was alles nicht geschieht und so weiter und so fort. Ich kann es manchmal kaum noch aushalten. Wenn ich dann auch noch von den Kommunikationsformen in den „Sozialen Medien“ höre: die vielen Infos, Meinungen, Wahrheiten, Halbwahrheiten, Lügen. Oft denke ich dann: Gut, dass mein Handy eine Teilnahme daran technisch nicht zulässt.

Dennoch komme ich um die Frage nicht herum: Was ist denn wahr? Wem kann ich trauen? Was ist meine Position in der Fülle von Meinungen und Kommentierungen?

Wie gerne hätte ich so jemandem heute, wie wir im Evangelium dieses Sonntags über Jesus hören: “… denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.“ (Mk 1,22) Und dann lesen wir weiter von der Austreibung eines unreinen Geistes und die Menschen staunen: „…Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.“ (Mk 1,27)

Ich hätte sie gerne, Menschen, die in der politischen, gesellschaftlichen und auch kirchlichen Situation nicht nur wie Schriftgelehrte reden und deuten, sondern wahr und wirklich die Dinge nennen und benennen. Ich hätte sie gerne, Menschen, denen es gelingt, unreine Geister auszutreiben. Wir kennen alle – auch in uns selbst – diese unreinen Aber-Geister, die inneren Bedenkenträger, diese inneren Saboteure und Verhinderer, auch wenn Vernunft und Gewissen, Gefühl und Sehnsucht eine andere und längst klare Sprache sprechen.

Was mich tröstet: Es gibt sie, diese Menschen, auch heute. Für mich haben sie Anteil am Auftreten und am Erscheinungsbild Jesu, der die Menschen erstaunen lässt: „ Er lehrte wie einer, der Vollmacht hat.“

Bernard Tenberge

24.01.2021 Jona erhält einen Auftrag

Das Buch Jona ist ein sehr kurzes, aber auch sehr bekanntes Buch des Alten Testaments. Wer kennt nicht die Geschichte dieses Mannes, der vor seiner Aufgabe fliehen will und dann im Bauch eines Wales landet. Die Lesung des Tages setzt an der Stelle an, an der Jona schon wieder an Land ist (Jona 3,1-5.10). Ein zweites Mal wird Jona aufgefordert, der Stadt Ninive die Drohung Gottes zu übermitteln. Dieses Mal nimmt er den Auftrag an. Seine Botschaft wird gehört. Die Menschen in der Stadt Ninive bekehren sich. Am Ende wird die Drohung Gottes, die Stadt zu zerstören, nicht ausgeführt. Beeindruckend ist, dass es Gott reute. Er setzt seine schreckliche Androhung nicht um, sondern verschont die Menschen. Ist jetzt alles gut?

Die Fortsetzung ist wohl weniger bekannt oder wird aus meiner Sicht schnell aus dem Gedächtnis verdrängt. Jona wird als eher schwierige Person beschrieben, engstirnig, zornig, uneinsichtig. Er verlässt nach der Rettung die Stadt Ninive und zieht sich zurück. Gott möge ihm das Leben nehmen, so wird es beschrieben. Aber er wird von Gott nicht in Ruhe gelassen, sondern zum Umdenken aufgefordert. Das Buch endet mit einer Frage Gottes. Sollten Gott die Menschen egal sein, die in Ninive leben? Meint Jona, Gott solle nicht barmherzig sein? Diese Frage bleibt unbeantwortet.

Hat Jona sich am Ende vom Heilswillen Gottes überzeugen lassen?

Die Jünger, die Jesus am See von Galiläa anspricht (Mk 1,14-20), verhalten sich eindeutig kooperativer. Sie gehen ohne Wenn und Aber mit und lassen alles zurück.

Annette Prevot

Mit diesem Wochenende sieht die Leseordnung für die Gottesdienste nach der besonderen Advents- und Weihnachtszeit wieder die normale Zeit im Jahreskreis vor. Und sie beginnt mit zwei sehr anschaulichen und interessanten Berufungsgeschichten.

In der alttestamentlichen Lesung wird von dem jungen Samuel erzählt, der sich im Tempel schlafen gelegt hat. Als Gott ihn ruft, antwortet Samuel „hier bin ich“. Damit endet das Gespräch. Gott reagiert nicht weiter. Also läuft Samuel zum Hohenpriester Eli, in der Erwartung, von diesem gerufen worden zu sein. Eli erwidert nur, er habe ihn nicht gerufen und schickt ihn wieder schlafen. Und Gott ruft ein weiteres Mal – mit dem gleichen Ergebnis. Als Samuel ein drittes Mal den Ruf hört und sich bei Eli meldet, ist diesem klar, dass Gott selbst es ist, der sich an Samuel wendet. Und Eli kennt die Antwort, auf die Gott wartet. „Rede, Herr; denn dein Diener hört“. Als nun Gott erneut Samuel anspricht, antwortet dieser mit den ihm aufgetragenen Worten. Daraufhin nimmt sich Gott in besonderer Weise dieses neuen Dieners an und lässt ihn Zeit seines Lebens sein Wort verkünden.

Bemerkenswert finde ich an dieser wunderbar erzählten Berufungsgeschichte zwei Gedanken:

Erstens: Es reicht nicht, dass Samuel antwortet. „Hier bin ich“. Gott weiß, dass wir da sind, schließlich hat er uns ins Dasein gerufen. Er will mehr! Er will, dass wir uns in seinen Dienst stellen und auf ihn hören. Im Hören auf das Wort Gottes werden wir zu seinem Werkzeug, mit dem er in der Welt wirkt.

Zweitens: Gott ruft Samuel, aber dieser erkennt ihn nicht. Es bedarf der Unterstützung von Eli, damit Samuel seinen Weg in den Dienst Gottes findet. Es gibt die Menschen mit dem besonderen Gespür für Gott. Sie können uns sein Wort und seinen Willen erschließen.

Dieser zweite Gedanke taucht auch in der Berufungsgeschichte des heutigen Evangeliums auf: Johannes der Täufer weist seine Jünger, die bisher ihm nachgefolgt waren, auf die außerordentliche Bedeutung der Person Jesu hin, als dieser an ihnen vorüberging. Und sofort verlassen ihn diese Jünger und folgen Jesus.

Leider erfahren wir nicht, ob Jesus darüber erfreut ist, oder sich vielleicht eher belästigt, bedroht und verfolgt fühlt. Er wendet sich den Beiden zu und fragt sie: „Was sucht Ihr?“ Diese Frage berührt die Existenz der beiden Männer: sie sind Suchende; Menschen, die dem Leben einen tieferen Sinn geben wollen, die an etwas Größeres glauben, den Verheißungen vertrauen.

Sie antworten mit einer Gegenfrage: „Rabbi, wo wohnst du?“ Jesus lässt die beiden Jünger gewähren. Er sucht sie nicht um jeden Preis für sich zu gewinnen. Sie sollen kommen, sich bei ihm umschauen, ihn erleben, prüfen, wer er ist, und dann entscheiden, ob sie bleiben oder wieder gehen wollen. „Kommt und seht!“ antwortet er ihnen. Dies ist die Haltung, die Jesus jedem Menschen gegenüber einnimmt.

Die Jünger von damals zeigen einen Weg auf, den auch wir einschlagen können. Sie bleiben nicht nur an jenem Tag der Erstbegegnung bei Jesus; sie gehen künftig alle Wege an seiner Seite mit.

Auch für uns ist dies der Weg. Über das Denken können wir uns zwar an Gott herantasten, aber intensiv spüren und erfahren werden wir das Wirken Gottes und seines Sohnes erst, wenn wir uns mit ihm auf den Weg machen und uns treu – ohne abzuweichen – an seiner Seite halten.
War es in der Berufungsgeschichte von Samuel, das Hören auf Gott, das ihn in den Dienst genommen hat, so ist es in dieser zweiten Berufungsgeschichte die Einladung, mitzugehen, sich voll und ganz auf Jesus einzulassen.

Andreas Egbers-Nankemann

Bei der Taufe am Jordan wird Jesus mit Wasser und im Geist getauft. Er wird von Gottes Geist erfüllt und zum Sohn Gottes deklariert und inthronisiert.

Er wird zur Rechten des Vaters sitzen. Von dort wird er kommen, zu richten, die Lebenden und die Toten….

Wenn ein Kind getauft wird, nehmen wir es auf in die Gemeinschaft der Glaubenden. Es erhält einen Namen, eine Identität. Die Einzigartigkeit seiner Person wird damit bestätigt.

Durch die Salbung mit Chrisam wird der Mensch wie Christus Gesalbter und Gesandter Gottes,  um sein Heil in der Welt zu verkünden.

Edeltraud Lange-Mock

Im Anfang war Gott. Den Anfang machte Gott. Gottes Wort aus Liebe zu uns Menschen ist unsere Sehnsucht von heute. Wer auf Gottes Wort hört, vertraut auf die Macht des neuen Anfangs. Aber Gott agiert auf eine für uns unbegreifliche Weise, weil sein Anfang keineswegs mächtig oder gewaltsam ist. Viel mehr hält Gott sein Wort und startet mit uns neu in einem ärmlichen, hilflosen Menschen-Baby. Wer hätte so etwas gedacht?

Die Liebe Gottes zu uns wird in der Sendung des Sohnes sichtbar und dies darf auch unsere Zuversicht heute sein. Wenn Gott Mensch geworden ist, dann kann uns nichts mehr von ihm trennen. Ich kann schwach sein, ich brauche nicht von oben herab zu kommen, sondern kann Anderen auf Augenhöhe begegnen. Ich kann bei allem, was Menschen einander antun, trotz allem Hass und aller Ungerechtigkeit an die Kraft der Liebe glauben – und so einen neuen Anfang wagen. Gott sprach sein Wort, er wurde Mensch und die Welt fing an sich zu verändern. So können auch wir heute im Jahr 2021 unserer Sehnsucht trauen und Licht in finsterer Nacht erkennen. Wenn damals in Betlehem plötzlich war alles möglich war, dann kann das doch auch heute sein.

Den Anfang macht Gott. Vielleicht wage ich den nächsten Schritt?

Ula Hecht

„Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr!“ Wie oft habe ich diesen Wunsch um die Jahreswenden Menschen zugesprochen oder in der Weihnachtspost geschrieben. Aus meiner Kinderzeit kenne ich diesen Wunsch deutlich christlicher ausgedrückt: ein Gottgesegnetes neues Jahr: Glüksäilig ni Jaor! Antwort: Guod giёw et wät waor! (Frohes neues Jahr. Antwort: Gott gib, es wird wahr!)

Glüksäilig / Gottgesegnetes, es ist ein Wort, das für mich all die anderen Wünsche zusammenfasst, die wir uns zum Jahresbeginn gegenseitig sagen: Freude, Zufriedenheit, Glück, Erfolg, Gesundheit …

 

Sehr passend dazu ist die erste Lesung des heutigen Festtags, in der uns der Text des aaronitischen Segen vorgestellt wird:

Der HERR segne dich und behüte dich;

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Und die Dienstanweisung Gottes an Mose heißt: Sag zu Aaron und seinen Söhnen: Mit diesen Worten sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen. (Num 6,22-27)

Fast 3000 Jahre alt, in den evangelischen Gottesdiensten ein Kernpunkt der Feier, auch bei den Katholiken eine von verschiedenen Möglichkeiten zum Abschluss der Eucharistiefeier, bringt dieser Segen zum Ausdruck: der liebende Gott begleitet dich, er gibt dir Zuversicht und Geborgenheit, unter seinem Segen darfst du dich sicher fühlen.

Wie steht es dann mit der Sicherheit und dem Zuspruch angesichts der Sorgen z. B. wegen Corona oder bei den vielfältigen weiteren Ängsten und Nöten, die uns persönlich und gesellschaftlich bedrängen und belasten? Traue ich diesen Worten? Mag ich ihnen trauen?

Gerne verbinde ich die Segenszusage des aaronitischen Segens mit einem Text des Mystikers Andreas Gryphius.

Mein sind die Jahre nicht,
die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht,
die etwa mögen kommen;
der Augenblick ist mein,
und nehm ich den in acht,
so ist der mein,
der Zeit und Ewigkeit gemacht.

Das Vergangene ist vergangen, unwiederbringlich, das Zukünftige unklar. Die Herausforderungen des Augenblicks habe ich zu bestehen, das Heute zu gestalten, jetzt Gottes Auftrag zu tun. Jetzt ist die Zeit. Jetzt ist die Stunde, so singen wir manchmal!

Wie gerne hätte ich, dass mir der Augenblick gut gelingt, tiefer, ehrlicher, direkter und gottbewusster in dem Glauben und der Sicherheit: das Vergangene ist bei Gott gut aufgehoben, das unbekannt Zukünftige liegt bei ihm, das heutige – mein Tun – von ihm segnend begleitet.

In diesem Sinne wünsche ich auch Ihnen: Glüksäilig ni Jaor! Guod giёw et wät waor!

Bernard Tenberge