Impulse zum Lesen

Wie nun? Habe ich was falsch verstanden? In allen biblischen Texten des heutigen 3. Ostersonntags ist von Sünde und von nötiger Umkehr die Rede. Ist das nicht eher Thema der österlichen Bußzeit?

Ich möchte jetzt lieber etwas zu anderen Themen hören: zu neuem Leben, zu Befreiung, zur Osterfreude.

Nun, vielleicht ist das zu naiv, zu sehr schwarz-weiß gedacht. So, wie sich in den Osterberichten stets Erschrecken, Furcht und Unverständnis in die Freude über die Auferstehung mischt, so gehört zum menschlichen Leben auch immer Unvollkommenes und Fehlerhaftes dazu – selbst in den Phasen eigener Zufriedenheit.

Und dann erinnere ich mich an das Wort aus dem Johannesevangelium, in dem Jesus uns „Leben in Fülle“ verheißt. Und dann denke ich: „Leben in Fülle“ gibt es erst, wenn das neue Leben, die Befreiung und die Osterfreude, wovon ich gerne hören möchte, allen zuteilwird. Das ist aber erst der Fall, wenn wir nicht mehr egoistisch, gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer, gleichgültig gegenüber dem Gebot der Nächstenliebe sind. Freude über eine ausschließlich mir geschenkte neue Perspektive ist unvollkommen, ein Gotteslob, das den Notleidenden vergisst, ebenso. Und vor diesem Hintergrund ist die Aufforderung zum Überdenken und Korrigieren des eigenen Handelns wichtig und sinnvoll. Um die Osterfreude noch tiefer empfinden zu können….

Elisabeth Hunold-Lagies

Hinter verschlossenen Türen sitzen – ein Bild für unsere aktuelle Situation?

Die Jünger saßen aus Furcht hinter verschlossenen Türen. Gewiss, sie hatten Angst vor den Juden. Sie haben sich versteckt und abgesondert. Ähnliches passiert gerade in unserer Gesellschaft mit einem ganz anderen Hintergrund, der Pandemie.

Die Sorge um die eigene Gesundheit und die der Mitmenschen führt zu einer Vereinzelung der Menschen. Versammlungen werden kritisch betrachtet. Nähe und Begegnung werden schmerzlich vermisst.

Ich wünsche uns die Begegnung mit Jesus als dem Befreier von Sorgen und Ängsten. Jesus sagte zu den Jüngern: ‚Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.‘

Lasse ich mich in seinem Sinn senden? Oder brauche auch ich zunächst noch mehr Klarheit, so wie Thomas, ein Jünger, der bei dieser Begegnung nicht anwesend war?

Annette Prevot

Die Schrift ist erfüllt.

Das Leiden und Sterben Jesu vollbracht.

Manche Jünger haben es beobachtet, manche sind geflohen. Die Angst: sie könnten in Mitleidenschaft gezogen werden. Aus Enttäuschung, dass Jesus nicht der mächtige Herrscher war, den sie sich so vorgestellt hatten. Dann waren da die Frauen, die erzählten, dass sie am Grab waren, aber den Leichnam nicht fanden. Dafür sei ein Engel erschienen und hat verkündet: Er lebt!

Zwei von den Jüngern machen sich auf den Weg nach Emmaus und reflektieren das Geschehen. Da gesellt sich ein Fremder zu ihnen und sie erzählen aufgeregt das Geschehen der letzten 3 Tage. Der Fremde legt ihnen die Schrift aus und erklärt das Geschehene.

Sie laden ihn ein, zu bleiben und mit ihnen zu essen. Gemeinsam sitzen sie am Tisch und der Fremde nimmt das Brot, spricht den Lobpreis, bricht das Brot und gibt es ihnen. Dann ist er verschwunden.

Da gehen ihnen „die Augen auf“ und der Verstand begreift.

Eilig gehen sie zurück nach Jerusalem zu den anderen Jüngern und legen Zeugnis ab: Der Herr ist wirklich auferstanden. Wir erkannten ihn am Brotbrechen (Lk 24,13-35).

Miteinander auf dem Weg sein, sich austauschen, Gastfreundschaft anbieten, miteinander das Brot brechen, erkennen und wieder auf den Weg machen, um das Erkannte weiterzugeben, Zeugnis abzulegen. Da ist Jesus unser Begleiter und Beistand, unser Inspirator, unsere Wegzehrung, bis wir angekommen sind in dem neuen, ewigen Leben bei seinem und unserem Vater.

Edeltraud Lange-Mock

In den Evangelien begegnen uns mehrere Ostererzählungen, die bei allen Unterschieden eins gemeinsam haben: sie berichten nicht von ungetrübter, ungestörter Freude, sondern sie berichten zunächst von Erschrecken, Entsetzen, Furcht und Nicht-verstehen.

In diesem Jahr sieht die Leseordnung für die Osternacht die Schilderung des Evangelisten Markus vor. Zu einer Begegnung mit dem auferstandenen Jesus kommt es im entsprechenden Abschnitt noch nicht. Aber die Frauen, die zum Grab gehen, machen eine ganz andere Hoffnungserfahrung. „Wer wälzt uns den schweren Stein weg?“ ist die sorgenvolle Frage auf dem Weg zum Grab. Und dann das: der Stein („er war sehr groß“ betont Markus noch einmal) ist bereits weggewälzt! Und dann ist da „ein junger Mann im weißen Gewand“, ein Bote, der die Situation erklärt, der erste Schritte aufzeigt, wie es weitergehen kann. Auch wenn die Frauen vielleicht nicht alles sofort verstehen, auch wenn es Zeit brauchen wird, bis sie dem Boten bzw. der Botschaft vertrauen können – eines ist doch klar: es wird weiter gehen, irgendwie, ihr Weg mit Jesus ist noch nicht zu Ende; der schwere Stein, alles, was als Last, Angst, Sorge auf ihnen lastet, ist schon zur Seite gerückt. Er ist nicht weg, er ist noch sichtbar, aber zur Seite gerückt.

Wo ist mein Platz bei diesem Ostertext?

Wem traue ich zu, die „großen Steine“ wegzuräumen? Lasse ich mich vielleicht selbst auf den Weg schicken, um eine Botschaft von neuen Perspektiven und von Hoffnung weiterzutragen?

Ich wünsche uns allen, dass wir Wörter hören oder anderen sagen können, die neues Leben und neue Wege zeigen – im persönlichen Lebensweg, im Glauben und in der gegenwärtigen Krise, die uns alle betrifft. Ich wünsche uns allen das Vertrauen, dass EINER all diese Wege mitgeht: Jesus – für uns. Gesegnete Ostern!

Elisabeth Hunold-Lagies

Warum? Dieses Wort habe ich oft gehört im Gespräch mit sterbenskranken Menschen, in der palliativen Betreuung, bei der Überbringung einer Todesnachricht in der Notfallseelsorge , bei der Vorbereitung der Beerdigung eines plötzlich Verstorbenen.

Die Frage ist fast unausweichlich, wenn Menschen etwas Schlimmes begegnet.

Warum? Selbst stelle ich mir die Frage oft, wenn ich dramatische Situationen der Geschichte ansehe oder von schrecklichen Ereignissen in den Nachrichten höre oder auch nur die aktuelle Situation bedenke. Warum?

Persönlich bin ich zu der Einsicht gekommen, dass es keine überzeugende Antwort auf die Frage „Warum“ gibt! Und was dann?

Mir hilft der Blick auf das Kreuz Jesu, verbunden mit der Erinnerung an den brennenden Dornbusch. Jahwe stellt sich dort vor: “Ich bin der, ich bin da!“ Stimmt der Satz auch noch mit Blick auf den am Kreuz grausam und gequälten Menschen-/ Gottes- Sohn? Für mich stimmt er – auch deshalb, weil das Kreuz nicht das Ende ist!

Die Zusage Gottes: Ja, ich bin da! In deiner größten Not. Ich bin da, dann, wenn alles herum zerbricht, wenn alle dich verlassen haben. Ich bleibe da. Der Blick auf die Gestalt am Kreuz mit seinen ausgebreiteten Armen sagt mir: Du bist nicht allein.

Manchmal kann ich das mit Menschen in Not auch ansprechen. Manchmal spüre ich auch, es gibt Ruhe, Annahme und Trost. Auch mir.

Bernard Tenberge

In der Nacht, bevor Jesus ausgeliefert wurde, versammelte er seine Jünger um den Tisch, um das Pascha-Fest zu feiern.

Er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sprach: Das ist mein Leib für Euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!

Ebenso nahm er den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!

Dies ist das älteste Zeugnis für die Einsetzung der Eucharistie (1. Kor. 11, 23-26)

Sein Vermächtnis. Seine Aufforderung, ja Weisung, dieses Geschehen immer wieder zu tun! Nicht ab und zu, nicht wenn wir nichts anderes zu tun haben, sondern immer wieder: In der direkten Gemeinschaft mit Ihm und miteinander um den Tisch versammelt, um den Übergang vom Tod zum Leben, das Gott uns schenken will, zu feiern, damit es Wirklichkeit unseres Lebens wird.

Dieses Geschehen beinhaltet den Kern unseres Glaubens: Gott schenkt seinen Sohn, um uns freizukaufen aus der Knechtschaft der Sünde und das Leben neu zu ermöglichen.

Denn wenn der Vater den Sohn für uns hingegeben hat und ihn durch den Tod hindurch gerettet und in sein Reich geholt hat, dann wird er auch uns durch den Tod hindurch retten und heimholen in das ewige Leben.

Das ist unser Glaube. Das ist Ostern!

In der Nacht, bevor Jesus ausgeliefert wurde, versammelte er seine Jünger um den Tisch, um das Pascha-Fest zu feiern.

Er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sprach: Das ist mein Leib für Euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!

Ebenso nahm er den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!

Dies ist das älteste Zeugnis für die Einsetzung der Eucharistie (1. Kor. 11, 23-26)

Sein Vermächtnis. Seine Aufforderung, ja Weisung, dieses Geschehen immer wieder zu tun! Nicht ab und zu, nicht wenn wir nichts anderes zu tun haben, sondern immer wieder: In der direkten Gemeinschaft mit Ihm und miteinander um den Tisch versammelt, um den Übergang vom Tod zum Leben, das Gott uns schenken will, zu feiern, damit es Wirklichkeit unseres Lebens wird.

Dieses Geschehen beinhaltet den Kern unseres Glaubens: Gott schenkt seinen Sohn, um uns freizukaufen aus der Knechtschaft der Sünde und das Leben neu zu ermöglichen.

Denn wenn der Vater den Sohn für uns hingegeben hat und ihn durch den Tod hindurch gerettet und in sein Reich geholt hat, dann wird er auch uns durch den Tod hindurch retten und heimholen in das ewige Leben.

Das ist unser Glaube. Das ist Ostern!

In der Nacht, bevor Jesus ausgeliefert wurde, versammelte er seine Jünger um den Tisch, um das Pascha-Fest zu feiern.

Er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sprach: Das ist mein Leib für Euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!

Ebenso nahm er den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!

Dies ist das älteste Zeugnis für die Einsetzung der Eucharistie (1. Kor. 11, 23-26)

Sein Vermächtnis. Seine Aufforderung, ja Weisung, dieses Geschehen immer wieder zu tun! Nicht ab und zu, nicht wenn wir nichts anderes zu tun haben, sondern immer wieder: In der direkten Gemeinschaft mit Ihm und miteinander um den Tisch versammelt, um den Übergang vom Tod zum Leben, das Gott uns schenken will, zu feiern, damit es Wirklichkeit unseres Lebens wird.

Dieses Geschehen beinhaltet den Kern unseres Glaubens: Gott schenkt seinen Sohn, um uns freizukaufen aus der Knechtschaft der Sünde und das Leben neu zu ermöglichen.

Denn wenn der Vater den Sohn für uns hingegeben hat und ihn durch den Tod hindurch gerettet und in sein Reich geholt hat, dann wird er auch uns durch den Tod hindurch retten und heimholen in das ewige Leben.

Das ist unser Glaube. Das ist Ostern!

Edeltraud Lange-Mock

(Heribert Arens)

Trotz des umjubelten Einzugs in Jerusalem, den wir am Palmsonntag feiern, weiß Jesus, was dort auf ihn wartet, darauf hat er seine Jünger:innen immer wieder hingewiesen: sein Leiden und sein Tod. Und trotzdem zieht er mit seinen Freund:innen nach Betfage und Betanien und von dort reitet er auf einem jungen Esel über den Ölberg nach Jerusalem.

Was hätte ich an seiner Stelle getan?

Irgendwann wird es auch in meinem Leben Leid geben. Irgendwann komme auch ich in mein Jerusalem – vielleicht mit dunklen Vorahnungen, mit Ängsten, vielleicht verdränge ich diesen Teil meines Lebens, vielleicht habe ich aber auch die Kraft, diesem Teil meines Lebens ruhig entgegen zu schauen.

Vielleicht werde ich Menschen haben, die mich auf meinem Leidensweg begleiten. Aber am Ende, ganz am Ende weiß ich, dass ich allein sein werde, denn niemand wird diesen Weg ganz mitgehen können.

Werde ich dann auch „Ja“ sagen zu diesem, meinem Weg? Ihn annehmen und mich SEINER Fürsorge anvertrauen?

Der Franziskaner Heribert Arens schreibt dazu:

Jerusalem: für Jesus Ort seines Leidens – aber auch Ort der unverlierbaren Nähe Gottes, Ort unzerstörbaren Lebens:
Verheißung ist das für mich in meinem Jerusalem.

Annette Köhler

„Es geht! Anders.“ So lautet das Leitwort der diesjährigen Misereor-Fastenaktion ein. Ein Impuls von Andreas Paul, veröffentlich im Heft „Fastenaktion 2021. Grundlagen & Praxistipps. Liturgische Bausteine.“ verweist auf den, der es auch von Anfang an anders gemacht hat und damit eine ganze Bewegung ausgelöst hat. Auch wir können und dürfen es anders machen. Was genau, muss jede*r selbst für sich entscheiden. Im Sinne Jesu ist anders machen vielleicht immer lebensbejahend, solidarisch, Möglichkeiten schaffend, heilend und heiligend.

Viel Freude beim Anders-machen!

Andrea Grote

Immer am 5. Sonntag der Fastenzeit wird in den Gottesdiensten um Spenden für die Projekte von Misereor gebeten. Wenn Sie auch einen kleinen Beitrag dazu leisten möchten, klicken Sie hier.

*Impuls entnommen aus: Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR e.V.: Fastenaktion 2021. Grundlagen & Praxistipps. Liturgische Bausteine. Aachen 2021, S. 51

„Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“ ist im Evangelium des heutigen 4. Fastensonntags zu lesen.

Dieser Vers hat mich irritiert. Ich hätte ja ein anderes Verb gewählt, nämlich die Wahrheit sagen.

Der Vers könnte dann lauten: Es erhellt unser Leben, wenn wir die Wahrheit sagen. Doch diesen Gedanken darf man natürlich nicht zu ernst nehmen. Es macht manchmal ja einfach keinen Sinn, die Mitmenschen gleich mit der Wahrheit zu konfrontieren. Wer wird denn die Frage „Wie geht es dir“ ehrlich beantworten? Wo kämen wir hin, wenn ich jedem, der mir diese Frage stellt einen ausführlichen Einblick in meine emotionale Verfassung gäbe?

Gerade in der Medizin wird gelegentlich sogar damit argumentiert, dass es Sinn machen kann, eben nicht die“ ganze Wahrheit“ zu sagen. Wenn die Wahrheit über seine Krankheit beim Patienten einen Schock auslösen würde, wenn dadurch der Krankheitsverlauf vielleicht sogar massiv erschwert würde, wird sich der Arzt zum Schutz des Patienten  eher zurückhalten und dem Kranken nicht alles erzählen. Ein weiterer irritierender Aspekt: Gibt es ganze und halbe Wahrheiten?

Und manche Unwahrheiten gehören sogar zu unserem Kulturgut, wie z.B. der Osterhase. Den Kindern zuliebe wird geschwindelt und die unwahre Geschichte vom Osterhasen erfunden, der Eier und kleine Geschenke in die Osternester legt. Die Freude der Kinder beim Ostereiersuchen scheint diese Lüge zu rechtfertigen. …

Kleine Lügen sind schon okay – sagen die einen, sie erleichtern vielfach den Alltag und stellen oft eine Art diplomatische Höflichkeitslüge dar.

Lügen sind das größte Laster der Menschheit. Sie zerstören Vertrauen und machen ein Zusammenleben unmöglich – meinen die anderen. Gerade in Familien wird immer wieder um die Wahrheit gerungen; Eltern können nicht akzeptieren, von ihren Kindern angelogen zu werden; und eine Ehe ist zum Scheitern verurteilt, wenn Lügen die Beziehung beherrschen.

Ja, eigentlich ist allen klar, dass die Wahrheit sagen und die Wahrheit tun, der richtige Weg ist, auch wenn dies nicht immer ganz so genau bzw. nicht ernst genommen wird.

In vielen Situationen bleibt ein ungutes Gefühl, ein Schatten im Miteinander, ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns gegen die Wahrheit entscheiden und der Lüge den Vorrang geben. Außerdem gesellt sich zu Lüge wie selbstverständlich die Angst vor ihrer Entdeckung. Lüge und Angst führen in eine emotionale Enge, in eine Unfreiheit, die das Leben „verdunkelt“.

Auch wenn der Weg der Wahrheit nicht immer von jubelnder Freude begleitet wird, ist er der Weg, der erleichtert und erhellt. Ehrlich, offen, wahrhaftig sein zu dürfen, ist ein Geschenk. Wo mir auf diese Weise begegnet wird, erfahre ich Gemeinschaft und innige Lebensfreude.

Der Theologe Eugen Drewermann beschreibt unseren Auftrag zur Wahrheit so:

„Es gibt für uns Menschen keine andere Form von Wahrheit als die Wahrheit unseres Herzens – sie hat Gott uns gegeben, als er uns erschuf, und es kommt einzig darauf an, gegen alle Vorstellungen der Angst zu dieser Wahrheit, in der Gott und gemeint hat, als er uns ins Dasein rief, zurückzufinden.

Andreas Egbers-Nankemann

Viele haben in der Zeit der Corona – Beschränkungen auch die Gelegenheit genutzt, aufzuräumen.

Eigentlich war es dringend mal wieder dran, aufzuräumen, in der Wohnung, im Büro, und zwar einmal gründlich: Dinge neu sortieren, damit es übersichtlicher wird, wegwerfen, was unnütz herumsteht und loslassen, was nicht mehr gebraucht wird. Eigentlich ist es immer wieder mal nötig zu ordnen, wegzugeben, umzustellen. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich das Evangelium von der „radikalen Aufräumaktion Jesu im Tempel“ lese.

Natürlich brauchten die Pilger, die zum Teil nach langer Reise Jerusalem erreichten, auch die Händler und sonstigen Anbieter von Lebensnotwendigem, wenn sie am Tempel ankamen. Dennoch darf das Ziel nicht aus dem Blick geraten: Der Tempel ist und bleibt der Ort des Gebetes, der Ort der Gottesverehrung. „Das Haus meines Vaters ist keine Markthalle“ (Joh. 2,16) Ich ertappe mich bei der Vorstellung, derartige „radikale Aufräumaktionen“ auf kirchliche und gesellschaftliche Strukturen und Verfestigungen hin zu denken. Es gäbe schon etliches, was durch die Zeit überholt ist, schon lange verändert werden müsste, neu gedacht werden kann. Lassen wir doch immer wieder die Frage zu: Wofür ist all das, was wir tun und organisieren, jetzt und heute sinnvoll und hilfreich? Behalten wir so das „Zentrum“, die „Mitte“ im Blick? Mit dieser Frage könnte dieser Impuls beendet sein.

Allein, so leicht kann ich es mir nicht machen. Ich will und muss mich schon selbst mit einbeziehen. Was muss eigentlich an innerer Aufräumarbeit bei mir geschehen, damit das Wesentliche, damit Gott nicht verstellt und zugestellt wird? Was muss auf meinem Marktplatz von Meinungen, Gedanken und Haltungen, Einstellungen weggeräumt werden, damit klarer der Tempel Gottes sichtbar wird und zum Leuchten kommt? Manchmal wünsche ich mir, es möge von außen jemand kommen, dem es gelingt, kräftig in mir aufzuräumen … wenigstens manchmal.

Bernard Tenberge

Es gibt nur wenige Menschen, die die Geschichte von Abraham, Isaak zu opfern noch nicht gehört haben. Und jeder reagiert wahrscheinlich auf seine eigene Weise: mit Wut, Erstaunen, Ekel oder einfach nur sprachlos. Sofort fällt die erschreckende und rücksichtslose Bitte, die Gott an Abraham stellt, auf. Die Forderung, dass Abraham sein Kind opfert, wiegt viel schwerer als die Forderung, beispielsweise das eigene Leben zu opfern. Manchen fragen sich: Gibt es im Leben eines Menschen nichts, worauf Gott keinen Anspruch hat? Kann Gott vom Menschen alles verlangen? Im Lichte dieser Geschichte erscheint Gott als ein grausamer und rücksichtsloser Meister, der nimmt, was er will.

Aber nicht nur Gottes Bitte ist erschreckend. Abrahams Bereitschaft, Gottes Bitte zu erfüllen, ist ebenso unvorstellbar. Durch diese Bereitschaft erweist sich Abraham als ein monströser Mann, ein Sklave, der keine standhafte Haltung hat. Der moderne Mensch kann selbst mit den besten Wünschen weder Gott verstehen, der Isaaks Opfer sucht, noch Abraham, der bereit ist, Isaak zu opfern. Es gibt überhaupt keinen Platz für eine solche Möglichkeit im Bewusstsein eines modernen Menschen. Weil der moderne Mensch sowohl den Menschen als auch Gott auf signifikant unterschiedliche Weise versteht. Der moderne Mensch beschreibt seine Beziehung zu Gott selbst in größter Güte als eine Partnerschaft, als eine Beziehung zwischen zwei Subjekten, die einander respektieren und schätzen. Gott ist größer, aber er kann nichts wollen, was seiner Natur widerspricht. Eine Bitte, Isaak zu opfern, widerspräche in diesem Verständnis Gottes Natur.

Dieses Verständnis zeigt jedoch die ganze Oberflächlichkeit des modernen Bewusstseins. Die Idee der Partnerschaft verbirgt genau die Wahrheit des biblischen Verständnisses der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Eine moderne Partnerschaft setzt voraus, dass beide Partner ihre eigenen starken Ansichten haben. Sie können nur bedingt miteinander kommunizieren, so dass jeder seine Position beibehält. Der grundlegende moderne Begriff für gegenseitiges Verständnis heißt „Kompromiss“ und bedeutet, dass Partner im Prinzip nur einen Teil, niemals alles von sich selbst in die Kommunikation investieren. Kompromisse als Kommunikationsprinzip bringt der moderne Mensch sogar in seine Liebesbeziehungen. Da er immer und überall nur die Hälfte investiert, erzielt er notwendigerweise nur die Hälfte des Erfolgs: Er wird immer für den Teil getäuscht, den er in der Kommunikation leugnet.

Die Geschichte von Abrahams Opfer Isaaks erzählt von einer anderen Erfahrung. Sie spricht davon, radikal alles Mögliche als Schlüssel zum vollständigen Glück zu geben. In diesem Sinne würde jede Minderung der erschreckenden Bitte Gottes und ebenso erschreckende Bereitschaft Abrahams die Wahrheit verdunkeln. Die Geschichte macht nur in ihrer völligen Radikalität und ihrem Entsetzen Sinn. Von der Partnerschaft von Mensch und Gott nach dem Prinzip des Kompromisses kann überhaupt nicht gesprochen werden. Im Gegenteil, hier geht es darum, dass man alles verpfänden muss, um alles zu bekommen. Und es gibt ein unermessliches Missverhältnis zwischen dem, was investiert wird und dem, was empfangen wird, denn wer alles verspricht, „wird hundertmal mehr erhalten und das ewige Leben erben“ (Mt 19,29).

P. Ivica Studenovic

„Jemanden in die Wüste schicken“ heißt ein altes Sprichwort und bedeutet, sich endgültig von ihm zu trennen. Jede Verbindung abbrechen, ja, ihn dem Tod preiszugeben. Diese Redewendung führt uns zurück in das 3. Buch Mose, Kap. 16,20 ff. An Jom Kippur, dem Versöhnungstag im Judentum soll der Priester Aaron einem Bock die Hände auflegen als Symbol für alle Sünden des israelitischen Volkes. Dann soll er in die Wüste gejagt werden, damit er umkommt (und die Schuld getilgt ist). Er wird zum Sündenbock.

Im heutigen Evangelium treibt der Geist Jesus in die Wüste. Es ist der Anbeginn seines restlichen Lebens, in dem er die Schuld der Welt auf sich nimmt und mit dem Tod am Kreuz sühnt, um die Welt mit Gott zu versöhnen.

Die Schuld der Welt – welch ein Ausmaß hat diese Schuld!

In jedem Gottesdienst beten wir: „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt“. Ist uns eigentlich bewusst was wir da beten?

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa…..

Edeltraud Lange-Mock