Impulse zum Lesen (Archiv)

Frauen und Männer verkünden das Wort.“ Nach den bewegenden Erfahrungen des vergangenen Jahres wird in unserem Bistum nun zum zweiten Mal diese Aktion durchgeführt.

Auch in St. Raphael werden an diesem Wochenende Frauen und Männer aus der Mitte der Gemeinde das Wort Gottes auslegen und die Predigten halten. Ich freue mich sehr, dass sich Menschen bereit erklärt haben, sich mit den biblischen Texten auseinanderzusetzen und uns mitzuteilen, was sie in diesen Texten entdeckt haben.

Das Wort Gottes spricht zu uns, spricht uns an, wirkt in uns, wenn wir selbst in der Bibel lesen, oder aufmerksam zuhören, wenn uns ein biblischer Text vorgelesen wird. Die Frage: Was macht der Text mit mir, kann nicht erst nach der Auslegung durch eine professionelle Theologin oder einen professionellen Theologen beantwortet werden. Das Hören auf Gottes Wort fordert uns heraus.

Im Brief des Apostels Jakobus heißt es:

Werdet aber Täter des Wortes und nicht nur Hörer, sonst betrügt ihr euch selbst!

Wer nur Hörer des Wortes ist und nicht danach handelt, gleicht einem Menschen, der sein eigenes Gesicht im Spiegel betrachtet:

Er betrachtet sich, geht weg und schon hat er vergessen, wie er aussah.

Wer sich aber in das vollkommene Gesetz der Freiheit vertieft und an ihm festhält, wer es nicht nur hört und es wieder vergisst, sondern zum Täter des Werkes geworden ist, wird selig sein in seinem Tun. (Jak 1,22-25)

In diesem Sinn erlebe ich es als bereichernd, wenn andere mir mitteilen, wie sie einen biblischen Text verstehen, wie sie versuchen, ihn in ihr Leben umzusetzen und persönliche Schlussfolgerungen zu ziehen.

Ich stelle mir vor, dass gerade in den Anfängen der Christenheit, in der Urkirche das Glaubenszeugnis einzelner viele andere in seinen Bann gezogen hat. Zur Weitergabe und Lebendigkeit unseres Glaubens gehört die Verkündigung des Wortes und die Übersetzung ins eigene Leben, die dann auch für andere zum ermutigenden Glaubenszeugnis werden kann.

Die Gläubigen, die zerstreut worden waren, zogen umher und verkündeten das Wort.

Philippus aber kam in die Hauptstadt Samariens hinab und verkündete dort Christus.

Und die Menge achtete einmütig auf die Worte des Philippus; sie hörten zu und sahen die Zeichen, die er tat.

Als sie jedoch dem Philippus Glauben schenkten, der das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi verkündete, ließen sie sich taufen, Männer und Frauen.

(Apg 8, 4-6.12)

In diesem Sinn freue ich mich über die Aktion unsers Bistums und wünsche allen Getauften, die sich einbringen, viel Freude und ein gutes Gelingen ihres Engagements.

Andreas Egbers-Nankemann

Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Mk 8,34

Nachfolge: nicht nur ein bisschen, nicht nur ein klein wenig, nicht nur sonntags, sondern mit der Gewissheit des Kreuzes und dann los. Mir kam der Markus-Text des heutigen Sonntags immer ein wenig düster und wenig hoffnungslos vor. Klar, Jesus ist uns in seinem Leiden vorausgegangen und hat uns erlöst. So weit, so positiv. Aber nach lustigem, fröhlichem oder gar erfüllten Leben klingt das in meinen Ohren nicht. In einem Gespräch in dieser Woche wurde mir aber noch eine andere Facette dieser eigenen Kreuzesnachfolge bewusst. Ich habe neu verstanden, dass es bedeutet, quasi überhaupt in Bewegung zu kommen. Wenn ich Jesus seine Botschaft vom Reich Gottes glaube, dann lässt mich das nicht kalt. Dann bleib ich nicht auf dem Sofa sitzen, sondern die Botschaft bekommt eine Relevanz für mein Leben. Sie verlangt nach Handlungen. Diese Handlungen bringen mich vielleicht zu ganz neuen Erfahrungen. Und die müssen nicht düster und hoffnungslos sein. Sondern können auch ganz fröhlich und bunt daher kommen. Wenn ich allein daran denke, wie bunt, meistens fröhlich und vielfältig all die Menschen sind, die mir auf meinem Glaubensweg begegnet sind. Da bekommt Kreuzesnachfolge noch einmal ein ganz anderes Licht.

Eine gesegnete Woche wünscht Ihnen und Euch,

Andrea Grote

Nicht sehen oder nicht hören können, ist eine massive körperliche Beeinträchtigung, und jede/r Betroffene wird dankbar sein, wenn Heilung versprochen wird. Heilung, die der Prophet Jesaja als Vision verspricht oder die der Taubstumme im Evangelium des heutigen Sonntags durch Jesus erfährt. Die Heilungsgeschichten durch Jesus berichten von ganz außergewöhnlichen Erfahrungen im Leben einzelner Menschen – Erfahrungen, die der größte Teil blinder und gehörloser Menschen nicht machen wird.

Es ist aber auch bekannt, dass blinde oder gehörlose Menschen den jeweils anderen Sinn sehr ausgeprägt haben. Der Blinde hört sehr genau hin, der Gehörlose beobachtet konzentriert und genau. Menschen, die über beide Sinne verfügen, nehmen das Sehen und Hören oft als Selbstverständlichkeit hin – da braucht man sich gar nicht anzustrengen, und da kann auch schon mal etwas übersehen oder überhört werden.

Nicht von ungefähr gibt es die Redensart „da wurden mir die Augen geöffnet“ im übertragenen Sinn, und der sogenannte „Effata-Ritus“ bei der Taufspendung bezieht sich darauf, dass der oder die Getaufte die Ohren für Gottes Wort mit allem, was dazugehört (Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit…) öffnet, meint also gezieltes Hören.

Warum wollen wir so oft vieles nicht sehen und nicht hören? Bequemlichkeit? Überforderung? Angst? So viele Bilder von Leid, so viele Hilferufe, so viele Probleme und Anfragen an mein Verhalten… Da schaue ich doch lieber weg.

Dass uns Augen und Ohren geöffnet werden, ist an vielen Stellen nötig. Sehen und hören ist nicht ausschließlich eine Leistung unserer Sinnesorgane – auch das Gehirn und das Herz haben erheblichen Anteil daran. Und wenn wir glauben, dass uns die neu gewonnenen Eindrücke überfordern, dann können wir auf den Anfang des heutigen Abschnittes aus dem Buch Jesaja hören: „Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht!“

Elisabeth Hunold-Lagies

In der Lesung aus dem ersten Testament wird vom Propheten Elischa berichtet der die kleine Erntegabe eines Mannes von 20 Gerstenbroten nicht auf den Altar stellt, sondern er gibt sie weiter und lässt sie an 100 Männer austeilen. Wie soll es für alle reichen? Elischa verlässt sich auf den Herrn und sein Wort – und es bleibt noch übrig.

Im Evangelium steht das Wunder von der Brotvermehrung im Mittelpunkt. Ein kleiner Junge bringt Gerstenbrote und 2 Fische, Jesus spricht das Dankgebet und teilt an die Menschenmenge, die ihm gefolgt ist, aus. Die Menschen werden satt, und als die Reste gesammelt werden, bleiben 12 Körbe übrig. Die Menschen betrachten Jesus als Propheten, als ihren (weltlichen) König; daraufhin zieht er sich allein zurück.

Die Texte handeln von Gemeinschaft:

–  die Gemeinschaft der Gläubigen, in der jeder seine (Erstlings-)Gabe für Gott bringt

–  die Gemeinschaft der Zuhörer, die Jesu Wort hören wollen

– die Gemeinschaft, die zusammen Mahl hält

– die Gemeinschaft, die an Jesus glaubt

– die Gemeinschaft, die teilt und dadurch vermehrt

Wie sehr wir die Gemeinschaft mit Freunden, Bekannten und in der Gemeinde brauchen und vermissen, wenn es nicht möglich ist, haben wir alle im vergangenen Winter und Frühjahr erlebt. Ungewollte, erzwungene, diktierte Distanz aufgrund von Krankheit, Alter oder Ansteckungsgefahr lässt uns Einsamkeit, Verlassenheit spüren. Andererseits gibt es auch den gewollten Rückzug –„Jesus zog sich auf den Berg zurück, er allein“ ist der letzte Satz des Evangeliums – auch dieses zur Ruhe kommen, wieder sich selbst zu finden, das Laute und die Anforderungen hinter sich lassen, in der Stille Kraft tanken, benötigen wir Menschen.

Lassen Sie sich in den kommenden Wochen zu den kleinen Ruhepausen des Alltags einladen: ein kurzer Spaziergang mit offenen Augen, vielleicht entdecken Sie etwas bislang Unentdecktes, erfreuen sich am Grün oder an Blumen; ein Blick in den Himmel mit sich immer wandelnden Wolken; ein Text, der Sie anspricht; eine Radtour durch die Wiesen; ein Eis genießen, ob allein oder zu zweit; oder bei der Arbeit: nur einige Male tief durchatmen; suchen Sie sich einen kleinen Freiraum und spüren Sie ihm nach.

Silvia Bursch

Die erste Lesung zum heutigen Sonntag steht im Buch Ezechiel (Ez 1,28c-2,5) und handelt von der Berufung Ezechiels zum Propheten.

Der Herr ruft Ezechiel, den Sohn des Priesters Busi und sagt ihm, dass er sich auf seine Füße stellen soll, weil er mit ihm reden will. Der Geist Gottes stärkt ihn, damit er sich auf seine Füße stellen kann. Der Name Ezechiel bedeutet „Gott möge stark/kräftig machen“.

Gott sendet Ezechiel zu den abtrünnigen Völkern, zu den Söhnen Israels mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen, um ihnen als unerbittliche Gerichtsbotschaft das Ende und die Zerstörung des Tempels anzukündigen. Ja, sogar als „Haus der Widerspenstigkeit“ wird Israel bezeichnet.

Doch wer hört auf die Worte eines Propheten?

Im Markus-Evangelium (Mk6,1b-6) wird anschaulich berichtet, wie wenig Jesus mit seiner Botschaft Gehör in seiner Heimatstadt fand. Er war ja nur der Zimmermanns-Sohn.

Auch mit uns will Gott heute immer wieder reden und uns „auf die Füße stellen“, damit wir seine Frohe Botschaft verkünden unter den Völkern. Wir können uns darauf verlassen, dass er uns seinen Geist gibt, uns stark/kräftig macht, wenn wir nur bereit sind, uns auf ihn einzulassen.

„Dein Heil lass uns verkünden, Gott, von Tag zu Tag,

mit der Freude des Glaubens, mit der Kraft der Hoffnung, mit der Macht der Liebe.

Dein Heil lass uns verkünden, Gott, von Tag zu Tag, über alle Grenzen,

gegen alle Widerstände, wider alles Unheil!

Dein Heil lass uns verkünden, Gott, von Tag zu Tag, mit Liedern und Tanz,

mit Anmut und Poesie, mit Herzen, voll von Dank.“

(in Anlehnung an Psalm 96)

Edeltraud Lange-Mock

Glauben Sie an Wunder?  Für mich gibt es sie und sie gehören zum Leben dazu, die völlig unerwarteten Überraschungen, die nicht abzusehenden und nicht zu hoffen gewagte Entwicklungen, die tief berührenden, erstaunenswerten Ereignisse: die Wunder halt.

Dabei geht es für mich nicht um Ereignisse und Geschehnisse, die im Gegensatz zu den Naturgesetzen und deren Abläufe stehen.

Von zwei wunderbaren Jesusbegegnungen berichtet das heutige Evangelium. Zwei Menschen – eine ältere und eine jüngere Frau – kommen mit Jesus in Kontakt. Beide sind vom Leben ausgeschlossen.  Die Eine ausgeschlossen, weil sie krank ist und unrein – nach damaliger Definition und Ordnung. Die andere – ganz Jung -, hat überhaupt noch nicht gelebt und ist doch schon schlafend tot.

Die Begegnung mit Jesus holt beide zurück ins Leben. Jesus nimmt das Mädchen an die Hand und sagt „Mädchen, ich sage dir, steh auf“ (Mk 5,41) und die kranke Frau hört Jesus sagen:

„Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet“ (Mk 5,34). Damit ist klar: Es ist der Glaube an die rettende und heilende Kraft Jesu, der wunderbares vollbringen kann.  Dieses Wunderbare geschieht in einer intensiven, persönlichen Begegnung zwischen dem gläubigen Vertrauen der beiden Frauen (für das „tote“ Mädchen stellvertretend durch den Vater -Mk 5,24) und dem heilschenkenden Jesus.

Jesus reicht ihnen die Hand, eröffnet ihnen neue Lebensräume. Er richtet sie auf und zeigt damit: Gott will das Leben!

Die Bibel erzählt häufiger davon:

Überall wo Jesus Glauben fand, geschahen solche Wunder zum Leben hin. Ich bin davon überzeugt davon: das gilt auch heute noch.

Bernard Tenberge

Er sagte zu ihnen:

Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?

                                                                                                           Markus 4, 40

Der lateinische Begriff „credere cor dare“ bedeutet „mit dem Herzen an etwas hängen“. Manche sagen: Glauben heißt nicht wissen.

….Wissen ist etwas, das im Kopf passiert und glauben ist etwas, das im Herzen passiert.Glaube heißt überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht und auf etwas hoffen.

Jesus hatte die bedingungslose Überzeugung des Glaubens eins mit dem Vater zu sein und konnte deshalb voller Hingabe und vertrauensvoll im Boot schlafen; trotz äußerer stürmischer See.

Was auch in unserem Leben trägt, was die Ängste in uns überwindet, das ist das unerschütterliche Vertrauen, das Gott bei uns ist und uns schützt und begleitet. Denn im Glauben sind wir alle Töchter und Söhne Gottes in Christus Jesus.

Christine Gottschalk

Die Schöpfung enthält Geheimnisvolles. Wer kann sich schon angesichts eines winzigen Samenkorns den später üppig gewachsenen Baum vorstellen? In dem berühmten Gleichnis, das an diesem Sonntag in den Gottesdiensten vorgelesen wird, weist Jesus darauf hin, dass gerade aus dem kleinsten Samenkorn, dem Senfkorn, der größte Baum entsteht. In dem Abschnitt aus dem Markusevangelium war auch die Rede davon, dass der Mann, der den Samen ausstreut, nicht wirklich weiß oder versteht, was genau geschieht, wie es zum Wachstum kommt. Er streut den Samen aus nach bestem Wissen und Gewissen und muss dann warten und auf den Wachstumsprozess, auf die Schöpfung, vertrauen. Es ist natürlich nicht so, dass der Mensch nur passiv ist. Er kann zur richtigen Zeit am richtigen Ort etwas einpflanzen oder aussäen. Er kann aber auch aus Unachtsamkeit oder Verschwendungssucht Wachstum zerstören. Er hat also eine Verantwortung gegenüber der Schöpfung. Dass er diese Verantwortung oft ungenügend wahrnimmt, ist ein großes Thema für sich.

Mich spricht heute ein anderer Aspekt an. „Der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie.“  Einen eigenen Beitrag leisten, den Samen einpflanzen – das ist uns vertraut, das tun wir tagtäglich in den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Dann aber zu warten, es zuzulassen, dass etwas wächst, ohne dass wir es unter Kontrolle haben – das fällt oft nicht mehr so leicht. Das setzt voraus, dass wir auf andere Kräfte vertrauen: auf das Geheimnisvolle der Schöpfung, auf die Kreativität anderer Menschen, mit denen wir zusammen leben und arbeiten, und auf das Wirken des Heiligen Geistes. Der Samen wächst, und ich weiß nicht, wie. Der Geist wirkt, und ich weiß nicht, wie. Unerwartetes erleben wir oft als beängstigend. Aber es kann auch ganz anders sein: befreiend.

Elisabeth Hunold-Lagies

„Das geht doch so nicht!“ „ Das kannst du doch nicht machen!“ „Was sollen denn die Leute denken?“ Es war auf dem Dorf im Münsterland, auf dem ich aufgewachsen bin, meinen Eltern wohl sehr wichtig, was die Leute über unsere Familie dachten. Wir Kinder hatten uns zu fügen.

Diese Erinnerungen waren spontan da, als ich die ersten Sätze des Evangeliums vom heutigen Sonntag las. Die Angehörigen Jesu verstehen ihn nicht mehr; sie halten ihn für krank. „Er ist  von Sinnen“. „Er muss, wenn nötig mit Gewalt zurückgeholt werden.“ ( Mk3,21)

Als man mitteilte: „Siehe deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich“ kommt eine erschreckend radikale Reaktion: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ Damit wird die Abgrenzung zur Herkunftsfamilie als einzig wichtiger Bezugsrahmen endgültig. Mein Weg, mein Auftrag ist ein anderer und ich gehe diesen Weg, ob es euch gefällt oder nicht. Ein Löse- und Emanzipationsprozess, der sich nicht nur damals sondern bis heute immer und immer wieder in Familien ereignet und ereignen muss. Hoffentlich nicht immer so dramatisch, aber wenn es denn sein muss auch so.

Erfreulich ist, dass Jesus im heutigen Text das Familienbild nochmals aufnimmt. Er schaut auf die vielen, die um ihn sind, die ihm folgen, die seine Botschaft hören, dieser trauen und sie leben wollen: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder.

„Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter.“ Schön so! Lassen wir uns durch keine Schriftgelehrten, keine Dämonen oder Aber-Geister aus diesem Familienband herauslösen.

Bernard Tenberge

Dieses Brot ist das lebendige Brot und sein Blut, das vergossen wurde, ist das Unterpfand des neuen Bundes zwischen Gott und den Menschen.

Dieses Mahl zu feiern und seiner zu gedenken hat er uns aufgetragen.

Nirgendwo sonst kann eine engere Verbindung mit ihm und demzufolge auch mit dem Vater und dem Sohn hergestellt werden, als in der direkten Kontaktaufnahme durch die Teilnahme an der Kommunion in der Eucharistiefeier.

Wo immer Eucharistie gefeiert wird, ob im großen Dom oder einer kleinen Kirche eines entlegenen Ortes, da ist Jesus Christus, unser Hoher Priester, in Brot und Wein zugegen und lässt uns teilhaben an der Fülle seiner Gnade.

Am 11. August 1264 erhob Papst Urban IV. Fronleichnam als „Fest des Leibes Christi“ mit der Enzyklika, an der Thomas von Aquin beteiligt war und die berühmte Sequenz „Laude, Sion Salvatorem“ geschrieben hat, die von Maria Luise Thurmair 1972 übertragen wurde. Wie oft haben wir schon diese Sequenz in Liedform gesungen!

„Er ist uns im Brot gegeben, Brot, das lebt und spendet Leben, Brot, das Ewigkeit verheißt, Brot, mit dem der Herr im Saale dort beim österlichen Mahle die zwölf Jünger selbst gespeist……

(Lieder zu Fronleichnam: GL 880, 883, 885, 886 u. a.)

Edeltraud Lange-Mock

In unserer westlichen Kultur definiert sich der Mensch in erster Linie als ein Wesen der Vernunft. Alle seine Handlungen basieren auf dieser Entscheidung. Die Vernunft ist zum grundlegenden Paradigma für das Verstehen und den Aufbau der gesamten menschlichen Welt geworden. Die Geschichte des Westens kennt zwar auch einige andere Modelle des Verstehens der Welt und des Handelns in der Welt, und doch gehen sie alle letztendlich auf Vernunft zurück. Auch die Theologie als das Bestreben des Menschen, jene Fragen zu beantworten, die über den Horizont der Geschichte und Existenz hinausreichen, wird von der Vernunft bestimmt: Mit Ausnahme der Mystik beginnt und endet unsere gesamte Theologie in der Metaphysik.

Wenn wir heute, an diesem Tag im Jahr 2021 das Dreifaltigkeitsfest feiern, stehen wir, wie auch schon Generationen vor uns, vor dem Geheimnis des Lebens Gottes. Was können wir aber über Gott wissen? Alles, was die Theologie über Gott sagen kann, einschließlich der subtilsten theologischen Spekulation, sind immer nur maximierte Aussagen über die Welt. Wenn wir zum Beispiel behaupten, dass die Dinge unserer Welt gut sind, dann sagen wir von Gott, dass er selbst Güte ist. Wenn wir behaupten, dass Menschen wahrhaftig sind, sagen wir von Gott, dass er selbst Wahrhaftigkeit ist. Wenn wir den Menschen und der Welt Vernunft zuschreiben, dann sagen wir, dass Gott die Vernunft selbst ist und so weiter. Alle unsere positiven Aussagen über den Gott werden in höchstem denkbarem Maß geäußert. Das rationale Paradigma kann nicht mehr als das. Das Gefühl aber, dass all dies zu klein, zu schwach und unangemessen ist, in der Rede von Gott, ist in der gesamten Geschichte des Christentums vorhanden. Alles, was wir über Gott wissen, und der subtilste Teil unserer Kultur ist genau diesem Thema gewidmet, ist nicht viel. Zumal dieses Wissen im Allgemeinen nicht in der Lage ist, das Leben einer Person zu verändern, und insbesondere nicht in der Lage ist, eine Person zu retten.

Deshalb war das Wissen im Christentum, obwohl es immer als Wert angesehen wurde, nie das höchste, das der Mensch erreichen kann. Im Gegenteil, auf einer höheren Ebene als das Wissen im Christentum steht die Liebe als die Haltung, durch die der Mensch Gott am ähnlichsten wird und durch die er am tiefsten in das Geheimnis seines Lebens eintritt.

Indem wir das Fest der Dreifaltigkeit Gottes feiern, versuchen wir, das Geheimnis des Lebens Gottes zu verstehen. Es kann für uns lebenswichtig werden und wir können nur dann daran teilnehmen, wenn unser Leben von Liebe durchdrungen ist. Und unsere Gemeinde auch. Da Gottes Liebe unbegrenzt ist, wird auch von uns das Maximum verlangt. Alles andere reicht nicht aus. Denn Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, um das Geheimnis der unermesslichen Liebe zu enthüllen, und dass wir dadurch Leben haben, in Fülle, um es zu haben. Indem wir das Fest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit feiern, feiern wir das Leben in Fülle. Für uns!

Ivica Studenović

“ Aber es kommt die Zeit und sie ist jetzt schon da, da werden die wahren Anbeter den Vater im Geist

und in der Wahrheit anbeten. Solche Anbeter will Gott haben. Denn Gott ist Geist und die ihn anbeten,

müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“      Johannes 4, 19-26

Mein persönliches Pfingsten begann, wie bei der Frau am Jakobsbrunnen durch eine ganz persönliche Gotteserfahrung, die mich ganz neu auf einen veränderten Kurs ausgerichtet hat. Dadurch bin ich mit Menschen in Kontakt gekommen mit denen ich Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen kann. Durch Gebet und Meditation versuche ich meine bewusste Verbindung zu Gott, wie ich Gott verstehe, zu vertiefen.

Jesus ist für seine persönlichen Gebete immer wieder in seine „stille Kammer“ eingekehrt um allein zu beten. Das kann eine sehr tiefe, oft erschreckende und auch schmerzhafte Zeit sein. Aber auch mit Momenten tiefen Friedens und Verbundenheit mit Allem, über die Schranken von Nationen, Religionen, Konfessionen, Zeit und Raum hinaus.Verbunden durch den Atem, Ruach was im Hebräischen Wind, Atem, Geist und auch Energie oder Lebenskraft bedeutet. Ein- und Ausatmen ist die Gegenwart in der Alles im Atem Gottes als Leib Christi verbunden ist.

Pfingsten war die Gotteserfahrung des gemeinsam im Geiste Christi Seins für die Apostel. Sie kannten Jesus als Mensch, haben seine Liebe und sein Einssein mit dem Vater erkannt und durch seinen Tod und die Auferstehung erfahren. Durch Jesus Verheißung des hlg. Beistands waren sie, jeder in seiner eigenen Sprache, in der Liebe Gottes miteinander verbunden. Diesen Geist haben sie weitergegeben.

Pfingstmontag bedeutet deshalb für mich, mich jeden Tag bewusst neu auszurichten auf meine Beziehung zu Gott und den Menschen. Mein Morgengebet lautet:

Guter Gott, alles was ich bin und was ich sein werde, vertraue ich Dir zur Heilung und zur Führung an. Gestalte Du diesen Tag neu, während ich alle meine Ängste und meine Sorgen im Vertrauen darauf, dass Du immer bei mir bist, loslasse. Bitte hilf mir dabei mich Deiner Liebe zu öffnen, damit Deine Liebe meine Wunden heilt und damit Deine Liebe durch mich hindurch und von mir zu denen fließt die um mich sind. Möge heute, wie an jedem Tag, Dein Wille geschehen. Lass mich Deinen Willen den Du heute für mich hast erkennen und gib mir bitte die Kraft, ihn auszuführen.      Amen.

Christine Gottschalk

Sende aus deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu

Nach der Auferstehung Jesu haben sich seine Nachfolger zurückgezogen. Sie hatten Angst vor Verfolgung. Sie trafen sich untereinander, redeten und beteten miteinander. Die Freude war groß, wenn der Auferstandene sich ihnen zeigte. Dann stieg Jesus in den Himmel auf und wurde ihren Blicken entzogen; den Heiligen Geist hatte er ihnen versprochen.

Die Apostelgeschichte erzählt in starken Bildern vom Pfingstereignis:

ein Brausen wie ein heftiger Sturm,

Zungen von Feuer lassen sich auf den Jüngern nieder.

Dann können sie reden und lassen sich nicht aufhalten. Die Menschen der unterschiedlichen Völker und Sprachen können verstehen, dass sie Gott loben.

Welch ein Unterschied: aus Angst wird Mut, aus engem Raum in die Stadt und die Welt,

der Abschluss der Osterzeit wird zu einem vom Geist getragenem Aufbruch.

Der damalige Aufbruch zieht sich durch eine 2000jährige Geschicht, bis heute, bis zu uns.

Auch uns ist der Heilige Geist zugesagt, auch wir können uns von ihm erfüllen lassen.

Den Heiligen Geist selbst können wir nicht sehen, aber wir können sehen, was er bewirkt:

ein gutes Wort zur rechten Zeit

Trost in einer schweren Situation

Hilfe, die angeboten wird

ein Gedanke der trägt

Mitgefühl für den Nächsten

Freude, die ansteckend ist

Gemeinschaft, die gelebt wird

Glaube, der weitergegeben wird

Lassen wir uns anstecken…

Silvia Bursch

Am heutigen Sonntag hören wir den Abschluss der Abschiedsreden Jesu. Jesus blickt zurück und bereitet seine Jüngerinnen und Jünger auf die Zeit danach vor, auf die Zeit ohne ihn. Gleichzeitig richtet er sich an Gott und bittet ihn darum, seine Nachfolgerinnen und Nachfolger zu bewahren und in der Wahrheit zu heiligen.

‚Die Welt‘ und ‚der Himmel‘ werden in den Texten gegenüber gestellt. Die Welt wird als etwas Feindliches und Gefährliches dargestellt, vor dem sich die Gemeindemitglieder durch eine große Solidarität untereinander schützen können. Sie sollen in der Welt bestehen können und nicht den Versuchungen erliegen, die rund um sie vorhanden sind.

Für uns als Gemeinde kann dies ein wertvoller Hinweis sein, wie wir uns in unserer heutigen Welt verhalten können. Jesus und sein Leben dienen als unser Kompass. Jesus möchte uns in seiner Nachfolge in die göttliche Wirklichkeit  mit hineinnehmen. Die Liebe untereinander, zu uns selbst und unserem Nächsten, ist die Grundlage allen solidarischen Handelns.

Immer wieder werden wir als Christinnen und Christen vor die Frage gestellt, an welcher Stelle genau dies sichtbar werden kann und soll. Wir machen uns in Gebeten, im Gottesdienst, im Lesen der biblischen Texte den Kern der Botschaft immer wieder bewusst. Bei allen Entscheidungen, die wir tagtäglich treffen müssen, kann dies unsere Leitlinie sein.

Dann werden wir die ‚Freude in Fülle‘ haben. Welch tröstlicher Gedanke!

Annette Prevot

„Jesus wurde vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.“ Apg 1,9

Und plötzlich ist er nicht mehr da. Noch eben waren die Jünger mit ihm, dem Auferstandenen zusammen und im nächsten Augenblick wird er ihren Blicken entzogen. Leere, Stille, Aufregung? Was mögen die Freunde Jesu gedacht haben, dass er, der sie zu einem neuen Leben aufgerufen hatte, sich plötzlich ihrer Verfügbarkeit entzog?

Mir geht es oft nach Besuchen so. Plötzlich war noch Jubel, Trubel, Heiterkeit in meiner Wohnung, Beziehung zum Anfassen, Gespräch, Gehört-Werden und plötzlich bin ich wieder allein. In diesen Augenblicken spüre ich sie auch, die Leere und die Stille. Das dauert nicht lang, aber einen kleinen Moment lang, bin ich fremd in meinem eigenen vier Wänden. Und muss wieder mit mir selbst klar kommen.

Vielleicht ging es den Jüngern damals auch ein bisschen so. Vielleicht auch ganz anders. Worin wir uns gleich sind: Wir leben ein Leben in der Nachfolge Jesu, mit dem Auftrag, ihn, das Reich Gottes zu verkünden, Liebe zu leben. Jeden Tag auf’s Neue. Bis er wiederkommt.

Andrea Grote

Der Text des heutigen Evangeliums aus Joh. 15, 9-17 zählt zu den sogenannten „Abschiedsreden Jesu“ und steht unter dem Motto: Die Verheißung unverbrüchlicher Liebe.

Gott ist Liebe: uneingeschränkt, ja, vollkommen.

Jesus sagt: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.

Pfarrer Dau hat uns in St. Raphael viele Jahre am Palmsonntag anstelle der vorweg genommenen Passion Auszüge aus den Abschiedsreden Jesu vorgetragen. In den Kapiteln 13-17 bei Johannes lesen wir das Vermächtnis Jesu, sein Testament, bevor er hingeht, das Passah zu feiern und sein Leben hinzugeben für die Schuld der ganzen Welt.

Auf diesem Liebesgebot und den sich daraus ergebenden Werten und Regeln baut sich unser ganzes christliches Leben auf. „Liebe ist zu tun, gib dass wir dich tun“ heißt es in einem Lied. Das bedeutet ein aktives Umsetzen dieses Liebesgebotes.

Der Schriftsteller Johannes Mario Simmel hat in den 60er Jahren unter anderem die Romane „Liebe ist nur ein Wort“ und „Gott schützt die Liebenden“ geschrieben. Was er darin zum Ausdruck bringt, sind Beziehungen und Lebensläufe, die nur dann gelingen oder wieder gut werden, wenn Liebe gelebt wird, Liebe, die nicht nur so dahin gesagt ist, sondern aus dem Herzen kommt und den ganzen Menschen erfüllt, damit er in Beziehung zu Gott und seinen Mitmenschen, ja der ganzen Schöpfung tritt.

Edeltraud Lange-Mock

An diesem 5. Sonntag in der Osterzeit werden wir ziemlich gefordert. Wir hören das Evangelium nach Johannes 15,1-8. ‚Ich bin der wahre Weinstock‘ sagt Jesus über sich und erfüllt, was an mehreren Stellen in der Heiligen Schrift darüber gesagt wird, was das Volk Israel ist und sein soll. Etwa in Jes 5,1-7.

‚Ich-bin‘ Aussagen Jesu finden sich in allen vier Evangelien. Am häufigsten bei Johannes.

In seiner Bildrede vom Weinstock macht Jesu anhand der wegzuwerfenden Rebe deutlich, dass Verderben droht, wende sich ein Mensch ab von ihm. Wir finden eine eindringliche Warnung. Jesus mahnt uns zum Bleiben in gläubiger Verbundenheit mit ihm.

Jesu Bildnis vom Weinstock verdeutlicht keine gewohnte Liebe, Vergebung oder Gnade Gottes, sondern zeigt klar das entweder oder auf. Ich finde, die Rede polarisiert und kann Angst erzeugen.

Bin ich immer fruchtbar als Weinrebe? Bleibe ich stets verbunden mit Jesus? Kann ich meinem Schicksal, abgeschnitten und ins Feuer geworfen zu werden, entgehen? Vielleicht bin ich als Mensch nicht immer stark genug, Jesu hohem Anspruch zu genügen. Aber es lohnt sich, immer wieder aufs neue zu versuchen, meinen Glauben zu prüfen, ggf. umzusteuern und Jesus Christus im Hier und Heute nachzufolgen. Es ist nämlich ein erhabenes Gefühl auf Erden, bewusst christlich zu leben und zu handeln.

Jesus ist mein Partner, mein ständiger Begleiter. In dem Gedicht von den Fußspuren im Sand, erschrak ich, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens. Aber der Herr sagt mir. „Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.“

Mit österlichem Gruß

Wolfgang Syma

Wie sehr habe ich mich gefreut über die Bilder und Nachrichten vom Besuch des Papstes im Irak. Noch mehr war ich berührt von der Botschaft dieses Besuches und die Auswirkungen. Eine Ermutigung zur Versöhnung, eine Kraftquelle und Hoffnungsquelle für die Menschen. Ein Beitrag zur Versöhnung über Grenzen und Religionen hinaus.

So stelle ich mir gute Hirten heute vor.

Hirte, ein Wort, eine Bezeichnung, die schon im Ersten Testament für religiöse und politische Führende gebraucht wurde und das bis heute von Bischöfen und Päpsten in Anspruch genommen wird.

Wir brauchen sie in unserer zerrissenen Welt und Kirchen so dringend: Hirten, aufmerksam hinhörend, die ehrlich miteinander sprechen, die zusammenführen, die versöhnen und die auch mal neue Wege gehen: mit denen, die Ihnen anvertraut sind und für alle Menschen.

Im heutigen Evangelium sagt Jesus von sich selbst: „Ich bin der gute Hirte“! Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich…ich gebe mein Leben hin für die Schafe.

Erschreckend lese ich weiter: „Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich. … auch diese Beschreibung hören wir schon im Ersten Testament und sie lässt sich bedenkenlos bis heute durchziehen, schlechte Hirten, oft weit weg von der Herde, oft gut gemeint ängstlich, oft schüchtern, ihren Auftrag nicht erfüllend. Bezahlte, schlechte Hirten.

Gerne bete ich im Psalm: „Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Meine Lebenskraft bringt er zurück … Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.“  Die Wahrheit dieser Psalm- Sätze habe ich in meinem Leben oft erfahren dürfen.

Bernard Tenberge

Wie nun? Habe ich was falsch verstanden? In allen biblischen Texten des heutigen 3. Ostersonntags ist von Sünde und von nötiger Umkehr die Rede. Ist das nicht eher Thema der österlichen Bußzeit?

Ich möchte jetzt lieber etwas zu anderen Themen hören: zu neuem Leben, zu Befreiung, zur Osterfreude.

Nun, vielleicht ist das zu naiv, zu sehr schwarz-weiß gedacht. So, wie sich in den Osterberichten stets Erschrecken, Furcht und Unverständnis in die Freude über die Auferstehung mischt, so gehört zum menschlichen Leben auch immer Unvollkommenes und Fehlerhaftes dazu – selbst in den Phasen eigener Zufriedenheit.

Und dann erinnere ich mich an das Wort aus dem Johannesevangelium, in dem Jesus uns „Leben in Fülle“ verheißt. Und dann denke ich: „Leben in Fülle“ gibt es erst, wenn das neue Leben, die Befreiung und die Osterfreude, wovon ich gerne hören möchte, allen zuteilwird. Das ist aber erst der Fall, wenn wir nicht mehr egoistisch, gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer, gleichgültig gegenüber dem Gebot der Nächstenliebe sind. Freude über eine ausschließlich mir geschenkte neue Perspektive ist unvollkommen, ein Gotteslob, das den Notleidenden vergisst, ebenso. Und vor diesem Hintergrund ist die Aufforderung zum Überdenken und Korrigieren des eigenen Handelns wichtig und sinnvoll. Um die Osterfreude noch tiefer empfinden zu können….

Elisabeth Hunold-Lagies

Hinter verschlossenen Türen sitzen – ein Bild für unsere aktuelle Situation?

Die Jünger saßen aus Furcht hinter verschlossenen Türen. Gewiss, sie hatten Angst vor den Juden. Sie haben sich versteckt und abgesondert. Ähnliches passiert gerade in unserer Gesellschaft mit einem ganz anderen Hintergrund, der Pandemie.

Die Sorge um die eigene Gesundheit und die der Mitmenschen führt zu einer Vereinzelung der Menschen. Versammlungen werden kritisch betrachtet. Nähe und Begegnung werden schmerzlich vermisst.

Ich wünsche uns die Begegnung mit Jesus als dem Befreier von Sorgen und Ängsten. Jesus sagte zu den Jüngern: ‚Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.‘

Lasse ich mich in seinem Sinn senden? Oder brauche auch ich zunächst noch mehr Klarheit, so wie Thomas, ein Jünger, der bei dieser Begegnung nicht anwesend war?

Annette Prevot

Die Schrift ist erfüllt.

Das Leiden und Sterben Jesu vollbracht.

Manche Jünger haben es beobachtet, manche sind geflohen. Die Angst: sie könnten in Mitleidenschaft gezogen werden. Aus Enttäuschung, dass Jesus nicht der mächtige Herrscher war, den sie sich so vorgestellt hatten. Dann waren da die Frauen, die erzählten, dass sie am Grab waren, aber den Leichnam nicht fanden. Dafür sei ein Engel erschienen und hat verkündet: Er lebt!

Zwei von den Jüngern machen sich auf den Weg nach Emmaus und reflektieren das Geschehen. Da gesellt sich ein Fremder zu ihnen und sie erzählen aufgeregt das Geschehen der letzten 3 Tage. Der Fremde legt ihnen die Schrift aus und erklärt das Geschehene.

Sie laden ihn ein, zu bleiben und mit ihnen zu essen. Gemeinsam sitzen sie am Tisch und der Fremde nimmt das Brot, spricht den Lobpreis, bricht das Brot und gibt es ihnen. Dann ist er verschwunden.

Da gehen ihnen „die Augen auf“ und der Verstand begreift.

Eilig gehen sie zurück nach Jerusalem zu den anderen Jüngern und legen Zeugnis ab: Der Herr ist wirklich auferstanden. Wir erkannten ihn am Brotbrechen (Lk 24,13-35).

Miteinander auf dem Weg sein, sich austauschen, Gastfreundschaft anbieten, miteinander das Brot brechen, erkennen und wieder auf den Weg machen, um das Erkannte weiterzugeben, Zeugnis abzulegen. Da ist Jesus unser Begleiter und Beistand, unser Inspirator, unsere Wegzehrung, bis wir angekommen sind in dem neuen, ewigen Leben bei seinem und unserem Vater.

Edeltraud Lange-Mock

In den Evangelien begegnen uns mehrere Ostererzählungen, die bei allen Unterschieden eins gemeinsam haben: sie berichten nicht von ungetrübter, ungestörter Freude, sondern sie berichten zunächst von Erschrecken, Entsetzen, Furcht und Nicht-verstehen.

In diesem Jahr sieht die Leseordnung für die Osternacht die Schilderung des Evangelisten Markus vor. Zu einer Begegnung mit dem auferstandenen Jesus kommt es im entsprechenden Abschnitt noch nicht. Aber die Frauen, die zum Grab gehen, machen eine ganz andere Hoffnungserfahrung. „Wer wälzt uns den schweren Stein weg?“ ist die sorgenvolle Frage auf dem Weg zum Grab. Und dann das: der Stein („er war sehr groß“ betont Markus noch einmal) ist bereits weggewälzt! Und dann ist da „ein junger Mann im weißen Gewand“, ein Bote, der die Situation erklärt, der erste Schritte aufzeigt, wie es weitergehen kann. Auch wenn die Frauen vielleicht nicht alles sofort verstehen, auch wenn es Zeit brauchen wird, bis sie dem Boten bzw. der Botschaft vertrauen können – eines ist doch klar: es wird weiter gehen, irgendwie, ihr Weg mit Jesus ist noch nicht zu Ende; der schwere Stein, alles, was als Last, Angst, Sorge auf ihnen lastet, ist schon zur Seite gerückt. Er ist nicht weg, er ist noch sichtbar, aber zur Seite gerückt.

Wo ist mein Platz bei diesem Ostertext?

Wem traue ich zu, die „großen Steine“ wegzuräumen? Lasse ich mich vielleicht selbst auf den Weg schicken, um eine Botschaft von neuen Perspektiven und von Hoffnung weiterzutragen?

Ich wünsche uns allen, dass wir Wörter hören oder anderen sagen können, die neues Leben und neue Wege zeigen – im persönlichen Lebensweg, im Glauben und in der gegenwärtigen Krise, die uns alle betrifft. Ich wünsche uns allen das Vertrauen, dass EINER all diese Wege mitgeht: Jesus – für uns. Gesegnete Ostern!

Elisabeth Hunold-Lagies

Warum? Dieses Wort habe ich oft gehört im Gespräch mit sterbenskranken Menschen, in der palliativen Betreuung, bei der Überbringung einer Todesnachricht in der Notfallseelsorge , bei der Vorbereitung der Beerdigung eines plötzlich Verstorbenen.

Die Frage ist fast unausweichlich, wenn Menschen etwas Schlimmes begegnet.

Warum? Selbst stelle ich mir die Frage oft, wenn ich dramatische Situationen der Geschichte ansehe oder von schrecklichen Ereignissen in den Nachrichten höre oder auch nur die aktuelle Situation bedenke. Warum?

Persönlich bin ich zu der Einsicht gekommen, dass es keine überzeugende Antwort auf die Frage „Warum“ gibt! Und was dann?

Mir hilft der Blick auf das Kreuz Jesu, verbunden mit der Erinnerung an den brennenden Dornbusch. Jahwe stellt sich dort vor: “Ich bin der, ich bin da!“ Stimmt der Satz auch noch mit Blick auf den am Kreuz grausam und gequälten Menschen-/ Gottes- Sohn? Für mich stimmt er – auch deshalb, weil das Kreuz nicht das Ende ist!

Die Zusage Gottes: Ja, ich bin da! In deiner größten Not. Ich bin da, dann, wenn alles herum zerbricht, wenn alle dich verlassen haben. Ich bleibe da. Der Blick auf die Gestalt am Kreuz mit seinen ausgebreiteten Armen sagt mir: Du bist nicht allein.

Manchmal kann ich das mit Menschen in Not auch ansprechen. Manchmal spüre ich auch, es gibt Ruhe, Annahme und Trost. Auch mir.

Bernard Tenberge

In der Nacht, bevor Jesus ausgeliefert wurde, versammelte er seine Jünger um den Tisch, um das Pascha-Fest zu feiern.

Er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sprach: Das ist mein Leib für Euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!

Ebenso nahm er den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!

Dies ist das älteste Zeugnis für die Einsetzung der Eucharistie (1. Kor. 11, 23-26)

Sein Vermächtnis. Seine Aufforderung, ja Weisung, dieses Geschehen immer wieder zu tun! Nicht ab und zu, nicht wenn wir nichts anderes zu tun haben, sondern immer wieder: In der direkten Gemeinschaft mit Ihm und miteinander um den Tisch versammelt, um den Übergang vom Tod zum Leben, das Gott uns schenken will, zu feiern, damit es Wirklichkeit unseres Lebens wird.

Dieses Geschehen beinhaltet den Kern unseres Glaubens: Gott schenkt seinen Sohn, um uns freizukaufen aus der Knechtschaft der Sünde und das Leben neu zu ermöglichen.

Denn wenn der Vater den Sohn für uns hingegeben hat und ihn durch den Tod hindurch gerettet und in sein Reich geholt hat, dann wird er auch uns durch den Tod hindurch retten und heimholen in das ewige Leben.

Das ist unser Glaube. Das ist Ostern!

Edeltraud Lange-Mock

(Heribert Arens)

Trotz des umjubelten Einzugs in Jerusalem, den wir am Palmsonntag feiern, weiß Jesus, was dort auf ihn wartet, darauf hat er seine Jünger:innen immer wieder hingewiesen: sein Leiden und sein Tod. Und trotzdem zieht er mit seinen Freund:innen nach Betfage und Betanien und von dort reitet er auf einem jungen Esel über den Ölberg nach Jerusalem.

Was hätte ich an seiner Stelle getan?

Irgendwann wird es auch in meinem Leben Leid geben. Irgendwann komme auch ich in mein Jerusalem – vielleicht mit dunklen Vorahnungen, mit Ängsten, vielleicht verdränge ich diesen Teil meines Lebens, vielleicht habe ich aber auch die Kraft, diesem Teil meines Lebens ruhig entgegen zu schauen.

Vielleicht werde ich Menschen haben, die mich auf meinem Leidensweg begleiten. Aber am Ende, ganz am Ende weiß ich, dass ich allein sein werde, denn niemand wird diesen Weg ganz mitgehen können.

Werde ich dann auch „Ja“ sagen zu diesem, meinem Weg? Ihn annehmen und mich SEINER Fürsorge anvertrauen?

Der Franziskaner Heribert Arens schreibt dazu:

Jerusalem: für Jesus Ort seines Leidens – aber auch Ort der unverlierbaren Nähe Gottes, Ort unzerstörbaren Lebens:
Verheißung ist das für mich in meinem Jerusalem.

Annette Köhler

„Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“ ist im Evangelium des heutigen 4. Fastensonntags zu lesen.

Dieser Vers hat mich irritiert. Ich hätte ja ein anderes Verb gewählt, nämlich die Wahrheit sagen.

Der Vers könnte dann lauten: Es erhellt unser Leben, wenn wir die Wahrheit sagen. Doch diesen Gedanken darf man natürlich nicht zu ernst nehmen. Es macht manchmal ja einfach keinen Sinn, die Mitmenschen gleich mit der Wahrheit zu konfrontieren. Wer wird denn die Frage „Wie geht es dir“ ehrlich beantworten? Wo kämen wir hin, wenn ich jedem, der mir diese Frage stellt einen ausführlichen Einblick in meine emotionale Verfassung gäbe?

Gerade in der Medizin wird gelegentlich sogar damit argumentiert, dass es Sinn machen kann, eben nicht die“ ganze Wahrheit“ zu sagen. Wenn die Wahrheit über seine Krankheit beim Patienten einen Schock auslösen würde, wenn dadurch der Krankheitsverlauf vielleicht sogar massiv erschwert würde, wird sich der Arzt zum Schutz des Patienten  eher zurückhalten und dem Kranken nicht alles erzählen. Ein weiterer irritierender Aspekt: Gibt es ganze und halbe Wahrheiten?

Und manche Unwahrheiten gehören sogar zu unserem Kulturgut, wie z.B. der Osterhase. Den Kindern zuliebe wird geschwindelt und die unwahre Geschichte vom Osterhasen erfunden, der Eier und kleine Geschenke in die Osternester legt. Die Freude der Kinder beim Ostereiersuchen scheint diese Lüge zu rechtfertigen. …

Kleine Lügen sind schon okay – sagen die einen, sie erleichtern vielfach den Alltag und stellen oft eine Art diplomatische Höflichkeitslüge dar.

Lügen sind das größte Laster der Menschheit. Sie zerstören Vertrauen und machen ein Zusammenleben unmöglich – meinen die anderen. Gerade in Familien wird immer wieder um die Wahrheit gerungen; Eltern können nicht akzeptieren, von ihren Kindern angelogen zu werden; und eine Ehe ist zum Scheitern verurteilt, wenn Lügen die Beziehung beherrschen.

Ja, eigentlich ist allen klar, dass die Wahrheit sagen und die Wahrheit tun, der richtige Weg ist, auch wenn dies nicht immer ganz so genau bzw. nicht ernst genommen wird.

In vielen Situationen bleibt ein ungutes Gefühl, ein Schatten im Miteinander, ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns gegen die Wahrheit entscheiden und der Lüge den Vorrang geben. Außerdem gesellt sich zu Lüge wie selbstverständlich die Angst vor ihrer Entdeckung. Lüge und Angst führen in eine emotionale Enge, in eine Unfreiheit, die das Leben „verdunkelt“.

Auch wenn der Weg der Wahrheit nicht immer von jubelnder Freude begleitet wird, ist er der Weg, der erleichtert und erhellt. Ehrlich, offen, wahrhaftig sein zu dürfen, ist ein Geschenk. Wo mir auf diese Weise begegnet wird, erfahre ich Gemeinschaft und innige Lebensfreude.

Der Theologe Eugen Drewermann beschreibt unseren Auftrag zur Wahrheit so:

„Es gibt für uns Menschen keine andere Form von Wahrheit als die Wahrheit unseres Herzens – sie hat Gott uns gegeben, als er uns erschuf, und es kommt einzig darauf an, gegen alle Vorstellungen der Angst zu dieser Wahrheit, in der Gott und gemeint hat, als er uns ins Dasein rief, zurückzufinden.

Andreas Egbers-Nankemann

Viele haben in der Zeit der Corona – Beschränkungen auch die Gelegenheit genutzt, aufzuräumen.

Eigentlich war es dringend mal wieder dran, aufzuräumen, in der Wohnung, im Büro, und zwar einmal gründlich: Dinge neu sortieren, damit es übersichtlicher wird, wegwerfen, was unnütz herumsteht und loslassen, was nicht mehr gebraucht wird. Eigentlich ist es immer wieder mal nötig zu ordnen, wegzugeben, umzustellen. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich das Evangelium von der „radikalen Aufräumaktion Jesu im Tempel“ lese.

Natürlich brauchten die Pilger, die zum Teil nach langer Reise Jerusalem erreichten, auch die Händler und sonstigen Anbieter von Lebensnotwendigem, wenn sie am Tempel ankamen. Dennoch darf das Ziel nicht aus dem Blick geraten: Der Tempel ist und bleibt der Ort des Gebetes, der Ort der Gottesverehrung. „Das Haus meines Vaters ist keine Markthalle“ (Joh. 2,16) Ich ertappe mich bei der Vorstellung, derartige „radikale Aufräumaktionen“ auf kirchliche und gesellschaftliche Strukturen und Verfestigungen hin zu denken. Es gäbe schon etliches, was durch die Zeit überholt ist, schon lange verändert werden müsste, neu gedacht werden kann. Lassen wir doch immer wieder die Frage zu: Wofür ist all das, was wir tun und organisieren, jetzt und heute sinnvoll und hilfreich? Behalten wir so das „Zentrum“, die „Mitte“ im Blick? Mit dieser Frage könnte dieser Impuls beendet sein.

Allein, so leicht kann ich es mir nicht machen. Ich will und muss mich schon selbst mit einbeziehen. Was muss eigentlich an innerer Aufräumarbeit bei mir geschehen, damit das Wesentliche, damit Gott nicht verstellt und zugestellt wird? Was muss auf meinem Marktplatz von Meinungen, Gedanken und Haltungen, Einstellungen weggeräumt werden, damit klarer der Tempel Gottes sichtbar wird und zum Leuchten kommt? Manchmal wünsche ich mir, es möge von außen jemand kommen, dem es gelingt, kräftig in mir aufzuräumen … wenigstens manchmal.

Bernard Tenberge

Es gibt nur wenige Menschen, die die Geschichte von Abraham, Isaak zu opfern noch nicht gehört haben. Und jeder reagiert wahrscheinlich auf seine eigene Weise: mit Wut, Erstaunen, Ekel oder einfach nur sprachlos. Sofort fällt die erschreckende und rücksichtslose Bitte, die Gott an Abraham stellt, auf. Die Forderung, dass Abraham sein Kind opfert, wiegt viel schwerer als die Forderung, beispielsweise das eigene Leben zu opfern. Manchen fragen sich: Gibt es im Leben eines Menschen nichts, worauf Gott keinen Anspruch hat? Kann Gott vom Menschen alles verlangen? Im Lichte dieser Geschichte erscheint Gott als ein grausamer und rücksichtsloser Meister, der nimmt, was er will.

Aber nicht nur Gottes Bitte ist erschreckend. Abrahams Bereitschaft, Gottes Bitte zu erfüllen, ist ebenso unvorstellbar. Durch diese Bereitschaft erweist sich Abraham als ein monströser Mann, ein Sklave, der keine standhafte Haltung hat. Der moderne Mensch kann selbst mit den besten Wünschen weder Gott verstehen, der Isaaks Opfer sucht, noch Abraham, der bereit ist, Isaak zu opfern. Es gibt überhaupt keinen Platz für eine solche Möglichkeit im Bewusstsein eines modernen Menschen. Weil der moderne Mensch sowohl den Menschen als auch Gott auf signifikant unterschiedliche Weise versteht. Der moderne Mensch beschreibt seine Beziehung zu Gott selbst in größter Güte als eine Partnerschaft, als eine Beziehung zwischen zwei Subjekten, die einander respektieren und schätzen. Gott ist größer, aber er kann nichts wollen, was seiner Natur widerspricht. Eine Bitte, Isaak zu opfern, widerspräche in diesem Verständnis Gottes Natur.

Dieses Verständnis zeigt jedoch die ganze Oberflächlichkeit des modernen Bewusstseins. Die Idee der Partnerschaft verbirgt genau die Wahrheit des biblischen Verständnisses der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Eine moderne Partnerschaft setzt voraus, dass beide Partner ihre eigenen starken Ansichten haben. Sie können nur bedingt miteinander kommunizieren, so dass jeder seine Position beibehält. Der grundlegende moderne Begriff für gegenseitiges Verständnis heißt „Kompromiss“ und bedeutet, dass Partner im Prinzip nur einen Teil, niemals alles von sich selbst in die Kommunikation investieren. Kompromisse als Kommunikationsprinzip bringt der moderne Mensch sogar in seine Liebesbeziehungen. Da er immer und überall nur die Hälfte investiert, erzielt er notwendigerweise nur die Hälfte des Erfolgs: Er wird immer für den Teil getäuscht, den er in der Kommunikation leugnet.

Die Geschichte von Abrahams Opfer Isaaks erzählt von einer anderen Erfahrung. Sie spricht davon, radikal alles Mögliche als Schlüssel zum vollständigen Glück zu geben. In diesem Sinne würde jede Minderung der erschreckenden Bitte Gottes und ebenso erschreckende Bereitschaft Abrahams die Wahrheit verdunkeln. Die Geschichte macht nur in ihrer völligen Radikalität und ihrem Entsetzen Sinn. Von der Partnerschaft von Mensch und Gott nach dem Prinzip des Kompromisses kann überhaupt nicht gesprochen werden. Im Gegenteil, hier geht es darum, dass man alles verpfänden muss, um alles zu bekommen. Und es gibt ein unermessliches Missverhältnis zwischen dem, was investiert wird und dem, was empfangen wird, denn wer alles verspricht, „wird hundertmal mehr erhalten und das ewige Leben erben“ (Mt 19,29).

P. Ivica Studenovic

„Jemanden in die Wüste schicken“ heißt ein altes Sprichwort und bedeutet, sich endgültig von ihm zu trennen. Jede Verbindung abbrechen, ja, ihn dem Tod preiszugeben. Diese Redewendung führt uns zurück in das 3. Buch Mose, Kap. 16,20 ff. An Jom Kippur, dem Versöhnungstag im Judentum soll der Priester Aaron einem Bock die Hände auflegen als Symbol für alle Sünden des israelitischen Volkes. Dann soll er in die Wüste gejagt werden, damit er umkommt (und die Schuld getilgt ist). Er wird zum Sündenbock.

Im heutigen Evangelium treibt der Geist Jesus in die Wüste. Es ist der Anbeginn seines restlichen Lebens, in dem er die Schuld der Welt auf sich nimmt und mit dem Tod am Kreuz sühnt, um die Welt mit Gott zu versöhnen.

Die Schuld der Welt – welch ein Ausmaß hat diese Schuld!

In jedem Gottesdienst beten wir: „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt“. Ist uns eigentlich bewusst was wir da beten?

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa…..

Edeltraud Lange-Mock

Papst Franziskus hatte vor einigen Jahren dazu aufgefordert, barmherzig zu sein. Er hatte ein „Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen, vielleicht, weil er dem Gedanken immer schon auf der Spur ist und weiß, wie wichtig es für uns ist, ein Herz für andere zu haben. Für die Aussätzigen unserer Zeit, die Menschen am Rande der Gesellschaft, die Einsamen, die Gefangenen in ihren Gedanken oder Wohnungen, die Wohnungslosen und vielen mehr.

In der evangelischen Kirche lautet die Jahreslosung 2021 „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“.

In dem Wort Barmherzigkeit steckt das Wort Herz… und das ist ja bekanntlich das Symbol für die Liebe. So passt es heute wunderbar, dass wir auch eines Heiligen gedenken können, der geradezu als „Patron der Liebenden“ bekannt ist, der Hl. Valentin.

Angeblich soll Valentin, ein Priester aus Ternia, am 14. Februar im Jahr 269 n. Chr. hingerichtet worden sein. Später wurde er als Märtyrer heiliggesprochen. Sein Vergehen war: Er soll illegale Trauungen nach christlichem Ritus vorgenommen haben.

Damals wurden in Rom Trauungen nicht nach christlicher, sondern nach römischer Sitte vorgenommen – das heißt: im Namen der römischen Götter und vor allem, des römischen Kaisers. Und es gab Menschen, die durften gar nicht heiraten – zum Beispiel Soldaten oder Sklaven. Valentin soll sie dennoch getraut und mit Blumen aus seinem Garten beschenkt haben.

Diese und andere Legenden ranken um den Hl. Valentin – und so haben die Christen jedes Jahr am 14. Februar – dem Tag seiner Hinrichtung – an den heiligen Valentin gedacht und Gott dafür gedankt, dass es ihn gegeben hat.

Es ist gut, immer wieder von Zeit zu Zeit auf die Barmherzigkeit hingewiesen zu werden. Ich könnte heute mal Herz zeigen für…?

Annette Köhler

Zwischen der Weihnachtszeit und der Fastenzeit hören wir in den Sonntagsevangelien zunächst Berufungs-, dann Heilungsgeschichten. Und in den Heilungsgeschichten Jesu geht es nicht immer um akut auftretende Krankheiten wie das Fieber, unter dem die Schwiegermutter des Simon Petrus leidet, von der wir im heutigen Evangelium hören. In Heilungsgeschichten trifft Jesus auch auf Menschen, die seit Jahren unter Beeinträchtigungen, Resignation oder Perspektivlosigkeit leiden. Einem solchen Menschen begegnen wir mit Hiob auch in der alttestamentlichen Lesung dieses Sonntags. Enttäuschung, Mühsal, Unrast sind seine täglichen Begleiter. „Nie mehr schaut mein Auge Glück“ lautet der deprimierende Schlusssatz.

Was brauchen Menschen, denen aus welchen Gründen auch immer eine Perspektive fehlt? Auf das Wunder, dass auf ein Zeichen hin alles wieder gut wird, müssen sie wohl vergeblich warten. Auch Jesus schwingt nicht nur kurz den Zauberstab. Die Heilungen vollziehen sich in mehreren Schritten: Jesus sieht den Betroffenen (also auch seine Situation), geht hin, spricht an, berührt, richtet auf (macht dadurch wieder selbständig). Oft fragt er nach den Wünschen (lässt also ein eigenes Ziel formulieren) und fragt nach dem Glauben seines Gegenübers, letztlich nach der Bereitschaft, sich Hoffnung zusprechen zu lassen.

„Und er richtete sie auf“. Wer sich auf die verschiedenen Schritte der Hilfe Jesu einlässt, kann sein Leben als „geheilt“ empfinden, auch wenn nicht alle äußeren Anzeichen von Krankheit oder Mühsal aufgehoben sind.

Elisabeth Hunold-Lagies

Immer wieder die gleichen Themen in den Nachrichten, in Kommentaren, in Talkshows: Corona und die Maßnahmen und Auswirkungen, Amerika und die Entwicklungen dort – zumindest bis vor kurzem -, Kilmaschutz und was alles nicht geschieht und so weiter und so fort. Ich kann es manchmal kaum noch aushalten. Wenn ich dann auch noch von den Kommunikationsformen in den „Sozialen Medien“ höre: die vielen Infos, Meinungen, Wahrheiten, Halbwahrheiten, Lügen. Oft denke ich dann: Gut, dass mein Handy eine Teilnahme daran technisch nicht zulässt.

Dennoch komme ich um die Frage nicht herum: Was ist denn wahr? Wem kann ich trauen? Was ist meine Position in der Fülle von Meinungen und Kommentierungen?

Wie gerne hätte ich so jemandem heute, wie wir im Evangelium dieses Sonntags über Jesus hören: “… denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.“ (Mk 1,22) Und dann lesen wir weiter von der Austreibung eines unreinen Geistes und die Menschen staunen: „…Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.“ (Mk 1,27)

Ich hätte sie gerne, Menschen, die in der politischen, gesellschaftlichen und auch kirchlichen Situation nicht nur wie Schriftgelehrte reden und deuten, sondern wahr und wirklich die Dinge nennen und benennen. Ich hätte sie gerne, Menschen, denen es gelingt, unreine Geister auszutreiben. Wir kennen alle – auch in uns selbst – diese unreinen Aber-Geister, die inneren Bedenkenträger, diese inneren Saboteure und Verhinderer, auch wenn Vernunft und Gewissen, Gefühl und Sehnsucht eine andere und längst klare Sprache sprechen.

Was mich tröstet: Es gibt sie, diese Menschen, auch heute. Für mich haben sie Anteil am Auftreten und am Erscheinungsbild Jesu, der die Menschen erstaunen lässt: „ Er lehrte wie einer, der Vollmacht hat.“

Bernard Tenberge

24.01.2021 Jona erhält einen Auftrag

Das Buch Jona ist ein sehr kurzes, aber auch sehr bekanntes Buch des Alten Testaments. Wer kennt nicht die Geschichte dieses Mannes, der vor seiner Aufgabe fliehen will und dann im Bauch eines Wales landet. Die Lesung des Tages setzt an der Stelle an, an der Jona schon wieder an Land ist (Jona 3,1-5.10). Ein zweites Mal wird Jona aufgefordert, der Stadt Ninive die Drohung Gottes zu übermitteln. Dieses Mal nimmt er den Auftrag an. Seine Botschaft wird gehört. Die Menschen in der Stadt Ninive bekehren sich. Am Ende wird die Drohung Gottes, die Stadt zu zerstören, nicht ausgeführt. Beeindruckend ist, dass es Gott reute. Er setzt seine schreckliche Androhung nicht um, sondern verschont die Menschen. Ist jetzt alles gut?

Die Fortsetzung ist wohl weniger bekannt oder wird aus meiner Sicht schnell aus dem Gedächtnis verdrängt. Jona wird als eher schwierige Person beschrieben, engstirnig, zornig, uneinsichtig. Er verlässt nach der Rettung die Stadt Ninive und zieht sich zurück. Gott möge ihm das Leben nehmen, so wird es beschrieben. Aber er wird von Gott nicht in Ruhe gelassen, sondern zum Umdenken aufgefordert. Das Buch endet mit einer Frage Gottes. Sollten Gott die Menschen egal sein, die in Ninive leben? Meint Jona, Gott solle nicht barmherzig sein? Diese Frage bleibt unbeantwortet.

Hat Jona sich am Ende vom Heilswillen Gottes überzeugen lassen?

Die Jünger, die Jesus am See von Galiläa anspricht (Mk 1,14-20), verhalten sich eindeutig kooperativer. Sie gehen ohne Wenn und Aber mit und lassen alles zurück.

Annette Prevot

Mit diesem Wochenende sieht die Leseordnung für die Gottesdienste nach der besonderen Advents- und Weihnachtszeit wieder die normale Zeit im Jahreskreis vor. Und sie beginnt mit zwei sehr anschaulichen und interessanten Berufungsgeschichten.

In der alttestamentlichen Lesung wird von dem jungen Samuel erzählt, der sich im Tempel schlafen gelegt hat. Als Gott ihn ruft, antwortet Samuel „hier bin ich“. Damit endet das Gespräch. Gott reagiert nicht weiter. Also läuft Samuel zum Hohenpriester Eli, in der Erwartung, von diesem gerufen worden zu sein. Eli erwidert nur, er habe ihn nicht gerufen und schickt ihn wieder schlafen. Und Gott ruft ein weiteres Mal – mit dem gleichen Ergebnis. Als Samuel ein drittes Mal den Ruf hört und sich bei Eli meldet, ist diesem klar, dass Gott selbst es ist, der sich an Samuel wendet. Und Eli kennt die Antwort, auf die Gott wartet. „Rede, Herr; denn dein Diener hört“. Als nun Gott erneut Samuel anspricht, antwortet dieser mit den ihm aufgetragenen Worten. Daraufhin nimmt sich Gott in besonderer Weise dieses neuen Dieners an und lässt ihn Zeit seines Lebens sein Wort verkünden.

Bemerkenswert finde ich an dieser wunderbar erzählten Berufungsgeschichte zwei Gedanken:

Erstens: Es reicht nicht, dass Samuel antwortet. „Hier bin ich“. Gott weiß, dass wir da sind, schließlich hat er uns ins Dasein gerufen. Er will mehr! Er will, dass wir uns in seinen Dienst stellen und auf ihn hören. Im Hören auf das Wort Gottes werden wir zu seinem Werkzeug, mit dem er in der Welt wirkt.

Zweitens: Gott ruft Samuel, aber dieser erkennt ihn nicht. Es bedarf der Unterstützung von Eli, damit Samuel seinen Weg in den Dienst Gottes findet. Es gibt die Menschen mit dem besonderen Gespür für Gott. Sie können uns sein Wort und seinen Willen erschließen.

Dieser zweite Gedanke taucht auch in der Berufungsgeschichte des heutigen Evangeliums auf: Johannes der Täufer weist seine Jünger, die bisher ihm nachgefolgt waren, auf die außerordentliche Bedeutung der Person Jesu hin, als dieser an ihnen vorüberging. Und sofort verlassen ihn diese Jünger und folgen Jesus.

Leider erfahren wir nicht, ob Jesus darüber erfreut ist, oder sich vielleicht eher belästigt, bedroht und verfolgt fühlt. Er wendet sich den Beiden zu und fragt sie: „Was sucht Ihr?“ Diese Frage berührt die Existenz der beiden Männer: sie sind Suchende; Menschen, die dem Leben einen tieferen Sinn geben wollen, die an etwas Größeres glauben, den Verheißungen vertrauen.

Sie antworten mit einer Gegenfrage: „Rabbi, wo wohnst du?“ Jesus lässt die beiden Jünger gewähren. Er sucht sie nicht um jeden Preis für sich zu gewinnen. Sie sollen kommen, sich bei ihm umschauen, ihn erleben, prüfen, wer er ist, und dann entscheiden, ob sie bleiben oder wieder gehen wollen. „Kommt und seht!“ antwortet er ihnen. Dies ist die Haltung, die Jesus jedem Menschen gegenüber einnimmt.

Die Jünger von damals zeigen einen Weg auf, den auch wir einschlagen können. Sie bleiben nicht nur an jenem Tag der Erstbegegnung bei Jesus; sie gehen künftig alle Wege an seiner Seite mit.

Auch für uns ist dies der Weg. Über das Denken können wir uns zwar an Gott herantasten, aber intensiv spüren und erfahren werden wir das Wirken Gottes und seines Sohnes erst, wenn wir uns mit ihm auf den Weg machen und uns treu – ohne abzuweichen – an seiner Seite halten.
War es in der Berufungsgeschichte von Samuel, das Hören auf Gott, das ihn in den Dienst genommen hat, so ist es in dieser zweiten Berufungsgeschichte die Einladung, mitzugehen, sich voll und ganz auf Jesus einzulassen.

Andreas Egbers-Nankemann

Bei der Taufe am Jordan wird Jesus mit Wasser und im Geist getauft. Er wird von Gottes Geist erfüllt und zum Sohn Gottes deklariert und inthronisiert.

Er wird zur Rechten des Vaters sitzen. Von dort wird er kommen, zu richten, die Lebenden und die Toten….

Wenn ein Kind getauft wird, nehmen wir es auf in die Gemeinschaft der Glaubenden. Es erhält einen Namen, eine Identität. Die Einzigartigkeit seiner Person wird damit bestätigt.

Durch die Salbung mit Chrisam wird der Mensch wie Christus Gesalbter und Gesandter Gottes,  um sein Heil in der Welt zu verkünden.

Edeltraud Lange-Mock

Im Anfang war Gott. Den Anfang machte Gott. Gottes Wort aus Liebe zu uns Menschen ist unsere Sehnsucht von heute. Wer auf Gottes Wort hört, vertraut auf die Macht des neuen Anfangs. Aber Gott agiert auf eine für uns unbegreifliche Weise, weil sein Anfang keineswegs mächtig oder gewaltsam ist. Viel mehr hält Gott sein Wort und startet mit uns neu in einem ärmlichen, hilflosen Menschen-Baby. Wer hätte so etwas gedacht?

Die Liebe Gottes zu uns wird in der Sendung des Sohnes sichtbar und dies darf auch unsere Zuversicht heute sein. Wenn Gott Mensch geworden ist, dann kann uns nichts mehr von ihm trennen. Ich kann schwach sein, ich brauche nicht von oben herab zu kommen, sondern kann Anderen auf Augenhöhe begegnen. Ich kann bei allem, was Menschen einander antun, trotz allem Hass und aller Ungerechtigkeit an die Kraft der Liebe glauben – und so einen neuen Anfang wagen. Gott sprach sein Wort, er wurde Mensch und die Welt fing an sich zu verändern. So können auch wir heute im Jahr 2021 unserer Sehnsucht trauen und Licht in finsterer Nacht erkennen. Wenn damals in Betlehem plötzlich war alles möglich war, dann kann das doch auch heute sein.

Den Anfang macht Gott. Vielleicht wage ich den nächsten Schritt?

Ula Hecht

„Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr!“ Wie oft habe ich diesen Wunsch um die Jahreswenden Menschen zugesprochen oder in der Weihnachtspost geschrieben. Aus meiner Kinderzeit kenne ich diesen Wunsch deutlich christlicher ausgedrückt: ein Gottgesegnetes neues Jahr: Glüksäilig ni Jaor! Antwort: Guod giёw et wät waor! (Frohes neues Jahr. Antwort: Gott gib, es wird wahr!)

Glüksäilig / Gottgesegnetes, es ist ein Wort, das für mich all die anderen Wünsche zusammenfasst, die wir uns zum Jahresbeginn gegenseitig sagen: Freude, Zufriedenheit, Glück, Erfolg, Gesundheit …

 

Sehr passend dazu ist die erste Lesung des heutigen Festtags, in der uns der Text des aaronitischen Segen vorgestellt wird:

Der HERR segne dich und behüte dich;

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Und die Dienstanweisung Gottes an Mose heißt: Sag zu Aaron und seinen Söhnen: Mit diesen Worten sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen. (Num 6,22-27)

Fast 3000 Jahre alt, in den evangelischen Gottesdiensten ein Kernpunkt der Feier, auch bei den Katholiken eine von verschiedenen Möglichkeiten zum Abschluss der Eucharistiefeier, bringt dieser Segen zum Ausdruck: der liebende Gott begleitet dich, er gibt dir Zuversicht und Geborgenheit, unter seinem Segen darfst du dich sicher fühlen.

Wie steht es dann mit der Sicherheit und dem Zuspruch angesichts der Sorgen z. B. wegen Corona oder bei den vielfältigen weiteren Ängsten und Nöten, die uns persönlich und gesellschaftlich bedrängen und belasten? Traue ich diesen Worten? Mag ich ihnen trauen?

Gerne verbinde ich die Segenszusage des aaronitischen Segens mit einem Text des Mystikers Andreas Gryphius.

Mein sind die Jahre nicht,
die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht,
die etwa mögen kommen;
der Augenblick ist mein,
und nehm ich den in acht,
so ist der mein,
der Zeit und Ewigkeit gemacht.

Das Vergangene ist vergangen, unwiederbringlich, das Zukünftige unklar. Die Herausforderungen des Augenblicks habe ich zu bestehen, das Heute zu gestalten, jetzt Gottes Auftrag zu tun. Jetzt ist die Zeit. Jetzt ist die Stunde, so singen wir manchmal!

Wie gerne hätte ich, dass mir der Augenblick gut gelingt, tiefer, ehrlicher, direkter und gottbewusster in dem Glauben und der Sicherheit: das Vergangene ist bei Gott gut aufgehoben, das unbekannt Zukünftige liegt bei ihm, das heutige – mein Tun – von ihm segnend begleitet.

In diesem Sinne wünsche ich auch Ihnen: Glüksäilig ni Jaor! Guod giёw et wät waor!

Bernard Tenberge

Noch klingt die Weihnachtsbotschaft in unseren Ohren „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“.

Heute hören wir, wie Stephanus diese Botschaft verinnerlicht hat und mit welch großer Überzeugung er auftritt! Diese Weihnachtsbotschaft ist nicht nur eine wundervolle Verheißung, sondern Auslöser für ein konsequentes Glaubenszeugnis, das den Tod bedeuten kann. Im Matthäusevangelium hören wir, dass der Bruder den Bruder, der Vater das Kind und die Kinder die Eltern in den Tod schicken werden!

Das Bekenntnis des Glaubens erfordert viel Mut, vor allem aber ein unerschütterliches Vertrauen in Gottes Liebe und ewiges Heil.

Edeltraud Lange-Mock

zu Lk 1, 26 – 38

Viele Male gehört und gelesen.

Viele Male wurde sie besprochen und bepredigt.

Unzählige Male ist sie in den Jahrhunderten gemalt worden:

Die Frohe Botschaft von der Begegnung des Engels Gabriel mit Maria aus Nazareth und der Ankündigung der Geburt Jesu damals in Galiläa.

Ich gebe zu, manches was dazu geschrieben, gepredigt und auch in Bildern umgesetzt wurde, gefällt mir nicht besonders. Zu sehr – um auf gemalte Darstellungen einzugehen – kommt mir der Engel zu sehr von oben mit seiner Botschaft in einen abgeschlossenen Raum, in dem der Mensch Maria meditativ versunken sitzt und ihr „Ja“ flüstert.

Nein, so stelle ich mir das nicht vor. Nur recht wenige Bilder malen die Szene in Nazareth als eine Begegnung, die auf Augenhöhe stattfindet. Der Engel Gottes kommt von außen, nicht von oben in die Welt Marias. Beide stehen sich gegenüber. Der Engel mit einer Botschaft Gottes, mit einer Erwartung an Maria. Maria kann zweifelnd nachfragen, kann ihre Angst und Sorgen formulieren, bekommt eine erklärende Antwort und lässt sich dann ganz auf das von ihr erwartete ein. „Mir geschehe, was du gesagt hast.“ Die Begegnung des Engels als Bote Gottes mit dem Menschen Maria wird so zu einer lebensspendenden Begegnung.

An dieser Stelle überschreitet die Verkündigungsszene in Nazareth all unseren Advent – und weihnachtlichen Glanz und Glimmer. Sie wird zu einer zeitlosen Botschaft. Sie wird zu einer Begegnung mit der Erwartung Gottes, immer und überall stattfindet und die mich auch immer und überall ganz persönlich herausfordert. Die Erwartung Gottes, die Erwartung des angekündigten Kindes, der später von sich sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10,10): Die Erwartung Gottes heißt: Beteilige dich an lebensschaffenden Begegnungen.

Die Herausforderung begegnet mir eigentlich jeden Tag: Gib den Hungernden zu essen, den Durstigen zu trinken, besuche die Kranken, bekleide die Nackten …und so weiter und so fort … Ich fürchte mich vor dieser anspruchsvollen Gottesbotschaft und ducke mich oft weg. Hoffentlich gelingt es wenigstens ab und zu mal, dazu ja zu sagen …

Bernard Tenberge

Johannes (=Gott ist gnädig) hat den Leuten nicht nach dem Mund geredet, er hat seine Botschaft mit Überzeugung vorgebracht. Er hat den Widerspruch provoziert und ist als großer Prophet Vorbild geworden für ein Leben, das ganz in Gottes Dienst gestellt war.

Durch ihn ist die Gnadentat Gottes angekündigt worden und er hat den Weg bereitet für den Sohn, der den Willen Gottes unter den Menschen gelebt hat.

Johannes hat mit Wasser getauft und den verkündet, der nach ihm kommt und der mit Wasser und Geist taufen wird.

Er hat sich nicht beirren lassen von den Gesandten der Jerusalemer Religionsbehörde, sondern ist seinem Gewissen gefolgt und seiner Berufung.

Als Söhne und Töchter Gottes sind auch wir berufen, die Heilstaten Gottes zu verkünden.

Edeltraud Lange-Mock

Zu Beginn des Advents wird unsere Aufmerksamkeit auf einen sehr beliebten Heiligen gelenkt, um dessen Wirken sich unzählige Legenden ranken: der heilige Nikolaus.

Nikolaus wurde zwischen 280 und 286 in der heutigen Türkei geboren. Mit etwa 19 Jahren wurde er zum Priester geweiht und wenig später zum Bischof von Myra ernannt; der Ort heißt heute Demre und liegt ca. 100 Kilometer südwestlich der bekannteren türkischen Stadt Antalya.

In Myra begannen kurz nach seiner Bischofsernennung Christenverfolgungen. Auch Nikolaus geriet der Überlieferung nach in Gefangenschaft. Später soll er am ersten ökumenischen Konzil der Kirchengeschichte – dem Konzil von Nizäa im Jahr 325 – teilgenommen haben. Der Todestag des Bischofs war ein 6. Dezember, irgendwann zwischen 345 und 351.

Nikolaus verbindet die Christen der verschiedenen Konfessionen und Kirchen: sein Fest wird am 6. Dezember nicht nur in den katholischen und evangelischen Kirchen gefeiert, gerade auch in den orthodoxen sowie der anglikanischen Kirche wird dieser Bischof als Wundertäter verehrt.

Die Legenden über den Heiligen sehen in erster Linie sein Engagement für Menschen, die in Not geraten sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein ganzes Volk in Hungersnot geraten ist oder ob Einzelne bedroht sind. Nikolaus hat geholfen, sich engagiert, sich für die Armen und Benachteiligten eingesetzt, gebetet und ist so zum Retter für viele Menschen geworden.

Was können wir vom heiligen Nikolaus lernen?

Einander beschenken? Das machen wir oft sehr gern; manchmal auch mit großem Einsatz und Zuneigung.

Den Armen helfen? Auch das ist vielen Gemeindemitgliedern ein wichtiges Anliegen; etwa durch großzügige Spenden oder Mitarbeit in unseren Eine-Welt-Projekten oder Hilfsangeboten in unserer Stadt.

Aufmerksam sein und ein offenes Ohr haben für die Menschen in Not? Grundsätzlich stimmen viele dieser Haltung sicher zu, aber wenn es dann konkret wird …

Manchmal will ich einfach nicht „angebettelt“ werden und erlebe die Begegnung mit verwahrlosten, dreckigen, alkoholisierten Menschen vielleicht als abstoßend. Es taucht der Gedanke auf, dass ich mit dem „Penner“ nichts zu tun haben will. Der soll mich in Ruhe lassen. Wenn der nicht saufen würde, würde er sein Leben vielleicht auch auf die Reihe bekommen. Es gibt doch Sozialarbeiter, die ihm dabei helfen könnten, eine Wohnung und vielleicht auch einen Job zu finden. Ähnlich reagieren wir vielleicht auch auf die Geflüchteten in unserer Nachbarschaft, die durch Ihr anders sein und ihre fehlenden Sprachkenntnisse schon anstrengend sein können. …

Der Arme, der in-Not-Geratene, der an-den-Rand-Gedrängte fordert uns heraus, wenn er uns gegenübersteht; einfacher ist es, von ihm zu hören, zu lesen oder einen TV-Bericht zu sehen. Dann rührt uns sein Schicksal vielleicht an, aber er kommt uns nicht zu nahe.

Nikolaus hat sich auf diese Nähe eingelassen, ohne Besserwisserei und ohne Vorschriften zu machen. Nikolaus hat die Not der Armen ernst genommen und sich – so sagen es die Legenden – gern für sie eingesetzt. Er lebte ohne Wenn und Aber das Jesus-Wort: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Andreas Egbers-Nankemann

Wenn man so durch den Alltag streift, dringen ganz unterschiedliche Geräusche und Stimmen an unser Ohr: Sirenen, die Straßenbahn, fahrende Autos, spielende Kinder, der Laubpuster… Alltagsgeräusche eben, denen wir oft gar nicht so recht Beachtung schenken. Wir hören Stimmen -laute, leise, klagende, lachende, weinende, kräftige, zarte, klangvolle Stimmen. Manche hören wir, manche überhören wir, manche nehmen wir ausschließlich wahr und dann sind sie unseren Gedanken schon wieder entschwunden. Die Adventszeit, die biblischen Texte der Sonntag wollen dazu ermuntern, unsere Ohren und ebenso unser Herz auszurichten. Auszurichten, auf den der da kommt, mitten hinein in unsere Welt, auf den, der jede*n von uns in seiner ganz eigenen Weise anspricht. Seid also wachsam – und lasst Euch wecken, rufen, sanft ansprechen, anflüstern, berühren – in dieser ganz anderen Adventszeit.

Wer musikalisch angesprochen werden will, der sollte in die Audio- und Videoimpulse – unten auf dieser Seite – hineinsehen und –hören. Wolfgang Prevot an der Orgel und Christian Jaschke mit der Trompete spielen „Wachet auf, ruft uns die Stimme.“

Andrea Grote

An diesem Wochenende feiert die Kirche Christkönig. Was es mit diesem Fest auf sich hat, erfahren Sie heute nicht schriftlich, sondern in einem kleinen Video.

Marc Weber

Jesus vergleicht am Sonntag das Himmelreich mit einem Mann, der auf Reisen geht und seine Talente den Dienern überträgt; einem fünf, einem zwei und dem dritten Diener eines. Die Diener gehen mit dem ihnen Anvertrauten sehr unterschiedlich um.

Zwei Diener krempeln die Arme hoch und legen los. Sie wirtschaften und machen etwas draus. Am Ende können sie dem Herrn weitere Talente vorweisen.

Der dritte Diener hat Angst. Er ist nur damit beschäftigt, seinen Schatz zu bewachen. Er tut nichts Böses, aber auch nichts Gutes. Über ihm schwebt vermeintlich die Drohung seines Herrn: Wehe dir, wenn du auf mein Talent nicht aufpasst!

Diese Angst und das Misstrauen gegenüber anderen Menschen machen ihn einsam und sie verhindern das Leben. Hier kann nichts wachsen und werden. Eine solche Angst ist uns sicherlich auch vertraut: Wer macht in brenzligen Situationen schon gerne den Mund auf? Wer schaut genau hin, wenn Unrecht geschieht und protestiert auch? – Mitschwimmen, nicht auffallen,… das ist deutlich einfacher und bequemer. Aber so wird eben Leben und Lebendigkeit verhindert.

In dem Gleichnis geht es letztendlich um eine Entscheidung oder Unterscheidung: Bin ich wie der dritte Knecht mit seiner Angst? Oder nehme ich das mir Anvertraute und fördere es, bringe es zum Wachsen?

Das Gleichnis will uns einladen, über unseren Schatten zu springen, Neues zu wagen, uns Neues zuzutrauen, neue Möglichkeiten in unserem Leben zu entdecken, um aus dieser Welt einen besseren Platz für alle Menschen zu machen. Wir dürfen uns also zutrauen, dass wir etwas zu geben haben, für unsere Familien, für die Nachbarn und Arbeitskollegen, für unsere Stadt, für die Welt.

Christian Adolf

Heute einmal kein Text von mir persönlich, sondern ein Fundstück aus der Mitgliederzeitschrift der KFD „Frau und Mutter“. Hier gibt es seit geraumer Zeit die Rubrik »Briefe von Eva«. Hier werden fiktive Briefe aus der Sicht von biblischen Frauen geschrieben, eben von Eva und Co. – aus der Feder der Kolumnistin Susanne Niemeyer. In der Oktoberausgabe von 2020 fand sich dort der Brief von den zehn Frauen mit den Lampen. Er kann uns an diesem Wochenende, wo wir in den Gottesdiensten von den klugen und törichten Jungfrauen hören, ein guter Impuls sein. Aber lesen Sie selbst:

Ihr Lieben,

wir schreiben euch gemeinsam. Das wird manche von euch überraschen. Wir sind die Törichten und die Klugen. Wir sind die Versorgerinnen und die Leichtfertigen. Wir sind die Richtigen und die Falschen. Wir sind die einen und die anderen.

Die Hälfte von uns hat vorgesorgt. Hat morgens gebetet und abends Yoga gemacht. Hat nach dem Sinn des Lebens gefragt und an die Altersvorsorge gedacht. Die Hälfte von uns ist achtsam gewesen und hat ihres Herzens Ohr geneigt.

Die andere Hälfte ist ausgebrannt. Hat sich um alles gekümmert, nur nicht um ihre Seele. Hat drei Kinder großgezogen und die kranke Tante gepflegt. Hat einen Berg Wäsche vor sich hergeschoben, mal das eine, mal das andere begonnen, sich verzettelt, vieles auf später verschoben.

Die einen leuchten. Die anderen stehen im Dunkeln. Draußen vor der Tür, während drinnen das Fest beginnt.

Lasst uns Klopfzeichen vereinbaren. Wenn die einen nicht mehr können, helfen die anderen aus. Wenn die einen nur noch schwarzsehen, holen die anderen sie ins Licht.

Wenn die einen merken, es ist zu spät, spenden die anderen Trost. Wenn die einen anklopfen, dann tun die anderen ihnen auf. Wir gehören zusammen. Jede ist mal stark und jede ist mal schwach.

Jede tut mal Törichtes – die eine mehr, die andere weniger. Zusammen sind wir das Licht der Welt und leuchten. Eine für alle. Alle für eine.

Eure zehn Frauen mit den Lampen

Das Gleichnis von den zehn Frauen gehört zu den so genannten „Endzeitreden“, nur Matthäus erzählt es im 25. Kapitel.

Diese Reden suchen nach einer angemessenen Lebensweise in einer verwirrenden Zeit: Als das Evangelium aufgeschrieben wurde, warteten die judenchristlich geprägten Gemeinden auf das Ende der Welt. Während die klugen Jungfrauen vorgesorgt haben, sind die Fackeln der Törichten ausgebrannt.

Der Bräutigam schlägt ihnen die Tür vor der Nase zu. Das Fest beginnt ohne sie. Die Geschichte war den Zuhörenden vertraut: Wenn Hochzeit gefeiert wurde, holten junge Frauen die Braut in das Haus des Bräutigams. Eine verschlossene Tür muss auch damals verstörend gewesen sein.

Sie scheint im Gegensatz zu einem anderen Jesus-Wort zu stehen: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden“ (Johannes 10,9). Es gibt viele literarische Neudichtungen des Gleichnisses. Berühmt ist die des griechischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis: „Was würdest du tun, wenn du der Bräutigam wärest, Nathanael?“, fragte Jesus und richtete seine großen dunklen Augen auf ihn.

Nathanael schwieg. Er sah noch nicht ganz klar, was er tun sollte. Teils wollte er sie fortjagen, das Tor war ja verschlossen, so gebot es das Gesetz, teils taten sie ihm leid, und er wollte ihnen öffnen … „Ich würde öffnen“, sagte er leise, damit der Dorfälteste ihn nicht hören sollte. Er konnte seinem Blick nicht widerstehen. „Recht getan, Nathanael“, sagte Jesus froh und streckte seine Hand aus, als ob er ihn segnete.

Quellenhinweis: Von Susanne Niemeyer. Aus „Frau und Mutter. Menschen Leben Vielfalt. Zeitschrift der kfd“ Ausgabe 10, S. 25. 

Mehr davon finden Sie übrigens auf der Homepage der KFD. Klicken sie dazu einfach hier.

Einen gesegneten Tag wünscht

Andrea Grote

Die katholische Kirche begeht am 1. November ein Hochfest – das Fest Allerheiligen. ‚Heilige‘ – sind das überhaupt noch normale Menschen? Der Heiligenschein, alleine das Wort „heilig“ grenzt sie doch deutlich von den normal Sterblichen ab, oder? Nun, zu viel Demut ist hier fehl am Platz. Es ist wichtig zu wissen, dass das Fest Allerheiligen zunächst einmal ausdrücklich nicht die ganz berühmten, ganz großen Heiligen bedenkt. Die haben ihre eigenen Gedenktage. Manche von ihnen sind so berühmt, dass auch Menschen, denen Heiligenverehrung eigentlich fremd ist, die Gedenktage kennen. Der heilige Nikolaus oder der heilige Martin zum Beispiel.

Es geht an diesem Tag gerade um die vielen Heiligen, deren Namen und Lebensgeschichten wir nicht kennen. Es geht um die unzähligen Männer und Frauen, die in ihrem Leben auf besondere Weise Zeugnis für ihren Glauben abgelegt haben. Nicht durch kluge Reden, sondern durch glaubwürdiges Handeln oder tatkräftigen Dienst an den Mitmenschen. Nach Mutter Teresa bedeutet  „heilig sein, Gott zu erlauben, sein Leben in uns zu leben“. Nach dieser Definition ist Gott am Werk, der Menschen ermutigt und befähigt, an seinem Werk mitzuarbeiten. Es braucht kein offizielles Auswahlverfahren, um dies zu bestätigen. Wir brauchen den Namen des Festes nur zu trennen: alle Heiligen werden heute gewürdigt, auch die unerkannten und unbekannten.

In unserer Gesellschaft gibt es vielfältiges ehrenamtliches Engagement. Von Zeit zu Zeit werden stellvertretend für viele andere einzelne Personen besonders ausgezeichnet. Das sind oft bis dahin völlig unbekannte Menschen, die unspektakulär, häufig im Hintergrund, wertvolle Dienste tun. Auch solche Menschen fallen mir am heutigen Tag ein. Es braucht keinen besonderen Status, um Bemerkenswertes zu leisten. Der Tag Allerheiligen kann unseren Blick dafür schärfen, dass um uns herum Menschen leben, die durch ihre Ausstrahlung, ihre Haltung und ihr konsequentes Handeln die Welt an bestimmten Punkten lebenswerter machen.

Elisabeth Hunold-Lagies

„Selig, die Frieden stiften“ (Mt 5,9) – Das ist die Überschrift über der diesjährigen MISSIO-Kampagne im Aktionsmonat Oktober. Am letzten Sonntag im Oktober wird weltweit der „Sonntag der Weltmission“ begangen, eigentlich in der Absicht, die pastorale Arbeit in Partnerländern zu unterstützen. In diesem Jahr leistet MISSIO vielfach Nothilfe, um den Menschen in diesen Krisenzeiten das Überleben zu ermöglichen. Die sonst üblichen Gäste aus den Beispielländern, die in Gemeinden und Schulen von ihrem Glauben und ihrem Engagement erzählen, können in diesem Jahr nicht nach Deutschland kommen. Sie kämpfen stattdessen vor Ort in ihren Gemeinden und Institutionen gegen die Auswirkungen der Pandemie, wenn auch meistens mit sehr begrenzten Mitteln.

Angesicht der derzeitigen Corona-Pandemie rückt die Sehnsucht nach Frieden und Zusammenhalt stark in den Fokus. Besonders in den Ländern der Sahelregion leiden die Menschen seit Langem unter Armut, Dürre und islamistischem Terror. Jetzt kommt noch die Corona-Pandemie hinzu und die Gesundheitssysteme sind der zusätzlichen Belastung durch Corona nicht gewachsen. Stärker noch als die Angst vor dem Virus ist die Angst vor den Auswirkungen der Pandemie. Hungernöte führen zu sozialen Unruhen und einem Zusammenbruch vieler Strukturen.
Die Kirche vor Ort steht in dieser Situation solidarisch an der Seite der Menschen. Sie spendet Trost und Hoffnung und leistet konkrete Hilfe.
So wie uns derzeit hier in Deutschland der Blick füreinander und das Achten aufeinander trägt, so darf unser Blick sich in diesen Tagen solidarisch auf die Menschen in Westafrika richten.

Nähere Informationen zum diesjährigen Weltmissionssonntag unter www.missio-hilft.de.

Christian Adolf

Bei der Frage im heutigen Evangelium, ob es erlaubt ist, dem Kaiser Steuern zu zahlen, verweist Jesus auf eine Münze. Sie zeigt das Bild des Kaisers. Also, so die geschickte Antwort, geht das mit den Steuern wohl in Ordnung. „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“

Eine Münze wird geprägt. Zu sehen ist nicht nur der Kopf des Kaisers, sondern auch der Wert der Münze. Dieser Wert beschreibt recht genau, was ich damit in einem wirtschaftlich organisierten System anfangen kann. Habe ich solche „Münzen“ mit bestimmten Prägungen auch in meinem Glaubensleben? Vielleicht die „kleine Münze Hoffnung“, von der ein neueres Kirchenlied erzählt (Gl 850)? Oder die Münzen mit einem Wert für Zuversicht, Vertrauen, Solidarität, Nächstenliebe? Nachhaltigkeit, Frieden, Gerechtigkeit?

Diese Münzen – davon bin ich überzeugt – tragen auf der anderen Seite das Antlitz Gottes.

Elisabeth Hunold-Lagies

An Erntedank wollen Christinnen und Christen Gott für die Schöpfung und ihre Gaben danken. Sie sind sich bewusst, dass der Mensch nicht alles in der eigenen Hand hat, sondern sein Leben und alles, was er dafür braucht, immer auch Gott verdankt. Der Mensch ist Teil der Schöpfung, die ihm gleichzeitig anvertraut ist. Daraus erwächst eine besondere Verantwortung für die Hege und Pflege und damit für die Bewahrung der Schöpfung.

Demgegenüber steht die zu beobachtende Lebensmittelverschwendung. Allein in Deutschland werden pro Jahr bis zu 18 Millionen Tonnen genießbarer Lebensmittel weggeworfen. Das entspricht etwa einem Drittel des Lebensmittelverbrauches. Allein die Produktion dieser Menge verursacht Treibhausgase wie eine Autofahrt über 300 Milliarden Kilometer. Gleichzeitig leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation über 900 Millionen Menschen an Unterernährung.

Diese erschreckenden Daten lassen vermuten, dass uns der ursprüngliche Sinn des Wortes ‚Lebensmittel‘ – ‚Mittel zum Leben‘ – abhandenkommt. Die leichtere Verfügbarkeit von Lebensmitteln in unseren Gefilden führt scheinbar zu einer sich verringernden Wertschätzung dessen, was zum Leben notwendig ist: Früchte der Natur werden trotz der Unterversorgung von nahezu einer Milliarde Menschen achtlos weggeworfen. Gleichzeitig wird durch Produktion, Verarbeitung und Handel eine völlig unnötige erhebliche Umweltbelastung in Kauf genommen.

Wir laden dazu ein, das Erntedankfest als Anlass aufzugreifen, für einen wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln zu sensibilisieren.

(aus dem Vorwort der Arbeitshilfe „Lebensmittel genießen, statt wegwerfen – Anregungen zum Erntedankfest“ vom Katholikenrat des Bistums Osnabrück, www.katholikenrat-osnabrueck.de)

Die Wege des Herrn sind unergründlich, heißt es in einer frommen Redewendung, die zum Ausdruck bringt, dass unser Lebensweg immer wieder Überraschungen bereit hält und uns in eine Richtung führt, die wir selbst nicht erwartet oder für möglich gehalten hätten.

Ganz anders lesen sich die biblischen Texte des heutigen Sonntags:

Das Beispiel Jesu im Evangelium ist so eindeutig wie die Antwort seiner Zuhörerschaft. Welcher Sohn handelt nach dem Willen Gottes: der Sohn, der die Anweisung des Vaters „Geh und arbeite heute im Weinberg“ zurückweist, sich aber besinnt und die Arbeit doch erledigt, oder der Sohn, der diesem Auftrag mit Worten zustimmt, ihm allerdings nicht nachkommt? Der richtige Weg zeigt sich durch das richtige Handeln. Jesus liefert in seiner Erzählung keine Hintergründe für die Entscheidung der Söhne. Ob ihre Antworten mit Stress, Zeitdruck, Überforderung, Vergesslichkeit oder vielleicht mit Beziehungsproblemen zum Vater zu tun haben, spielt hier keine Rolle. Es kommt Jesus einzig auf die Umkehr an. Das Gewissen meldet sich beim ersten Sohn deutlich zu Wort. Er ist auf dem falschen Weg. Richtig wäre die Annahme des väterlichen Auftrags. Er bereut seine Antwort, überdenkt die Entscheidung und folgt seinem Gewissen. Was sich leicht erzählen lässt, ist in der Realität oft ein mühsamer Prozess. Auch wenn sich das Gewissen bemerkbar macht, melden sich oft auch viele andere Stimmen zu Wort. Stimmen die behaupten: „Du hast dich entschieden, da gibt es kein Zurück mehr.“ Oder: „Wie peinlich ist das denn, wenn du jetzt doch einknickst?“ Oder: „Wenn du nicht willst, dann willst du eben nicht, du musst dich selbst auch ernst nehmen.“ … Die Wirklichkeit ist häufig gekennzeichnet durch das Ringen um den richtigen Weg. Wie schwer fällt es, auf sein Gewissen zu hören, die Reue über falsche Entscheidungen zu spüren und dann die Größe zur Umkehr zu besitzen?!? Andererseits ist aber auch klar, dass man sich immer tiefer in die Lüge verstrickt, wenn man den falschen Weg fortsetzt und kontinuierlich die Warnungen des Gewissens übergeht.

Die biblische Botschaft des heutigen Tages lautet nicht: Es gibt weder Sackgassen noch Einbahnstraßen auf eurem Lebensweg. Vielmehr gilt uns die Zusage: Umkehr ist möglich.

Und richtig!

Der Prophet Ezechiel schreibt: „Wenn ein Schuldiger von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben.“

Die Wege des Herrn sind unergründlich – manchmal ermutigen sie uns sogar zur Umkehr.

Andreas Egbers-Nankemann

An diesem Sonntag hören wir im Evangelium ein Gleichnis, an dem man sich so richtig abarbeiten kann. In diesem Evangelium hören wir von einem Weinbergbesitzer, der darauf angewiesen ist, Arbeiter*innen für die Weinlese zu gewinnen. Er macht es, wie man es zur Zeit Jesu tat. Er ging auf den Marktplatz und warb Mitarbeiter*innen an. Und als rechtschaffener Mann sprach er mit ihnen ab, was diese verdienen sollte. Im Laufe des Tages benötigte er mehr Arbeiter*innen. Vielleicht bemerkte er, dass die wenigen vom Morgen nicht alles allein schaffen konnten. Und so ging er wieder los, warb Arbeiter*innen an und verhandelte auch mit ihnen einen guten Lohn. Und so verhielt er sich noch ein drittes und ein viertes Mal. Jedes Mal wurde den Arbeiter*innen ein Denar versprochen – das war übrigens damals ein durchschnittlicher bis guter Lohn. Als es an die Auszahlung des Tagelohnes ging erhielten alle das, was ihnen der Weinbergbesitzer versprochen hatte. In diesem Fall einen Denar. Was uns als Leser*innen aufhorchen lässt, ist vielleicht genau das, was die Arbeiter*innen der ersten Stunde auch empört werden lässt. Sie, die seit dem Morgen arbeiten, bekommen genauso viel Lohn, wie die Arbeiter*innen, die erst am Abend, vermutlich so gegen 17.00 Uhr, mit der Arbeit begonnen haben. Die, die dann bereits nach einer Stunde mit der Arbeit fertig sind.

Ungerecht, Betrug, Frechheit, mag mancher denken. Habe ich zumindest gedacht, nachdem ich diesen Bibeltext das erste Mal in meinem Leben so wirklich wahrgenommen habe. Die Arbeiter*innen des Morgens schufften und rackern den ganzen Tag im Weinberg und erhalten genauso viel, wie die, die nur eine Stunde dabei sind. Das kann doch nicht ge-recht sein.

Ist es aber. Zumindest in der Wirklichkeit Gottes. Und ganz ehrlich: Hat nicht jeder erhalten, was ihm versprochen wurde? Niemand hat weniger bekommen, als mit ihm ausgemacht war. Die Arbeiter*innen zeigen das Gefühl der Ungerechtigkeit erst, als der Vergleich möglich ist. „Die anderen haben aber viel weniger gemacht. Ich war doch sooo fleißig. Warum der*die und nicht ich?“ Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie die Gedankengänge waren. Mich erinnern diese Gedanken an Geschwister-Neckereien. Da gibt es die ältesten Geschwister, die häufig sagen: „Meine jüngeren Geschwister hatten’s viel leichter als ich. Ich musste immer alles durchsetzen.“ Und was oft nach Spaß klingt, zeigt vielleicht wirklich ein Gefühl von Benachteiligung. Und die kleinen Geschwister sagen: „Mein großer Bruder hatte es viel besser als ich. Der durfte viel mehr. Der hat immer alles neu bekommen.“ Und wenn man die dazugehörigen Eltern mal befragt, werden diese vielleicht antworten: „Wir haben immer versucht, unseren Kindern das zu geben, was sie benötigen um gut aufwachsen zu können. An der einen Stelle brauchte der*die eine mehr Unterstützung, Hinwendung und Anleitung und in einer anderen Situation der*die andere.“ Und so wie in der Familie ist es doch auch in der Welt. Alle Menschen sind gleich an Würde, aber die Bedürfnisse der Menschen sind sehr unterschiedlich. Gott kennt die Bedürfnisse seiner Menschheit. Die eines jeden einzelnen. Wie im Psalm 139 beschrieben. Ob ich sitze oder stehe, ob ich liege oder gehe, du Gott, weißt um mich. Gott weiß um meine Sorgen, mein Sein, meine Gedanken, meine Freude. Und weil er darum weiß, kann er geben, was ich brauche. Und heute brauche ich vielleicht mehr, auch wenn ich noch gar nicht so viel geleistet habe und morgen benötige ich schon weniger. Dafür bekommt ein*e Andere*r mehr. Das ist nicht ungerecht, sondern das Beste, was jedem Menschen passieren kann.

Andrea Grote

Zwei Brüder leben in inniger Nachbarschaft. Sie arbeiteten miteinander und teilten gemeinsam, was sie ernteten. Alles begann durch ein Missverständnis. Fortan sprechen sie kein Wort mehr miteinander.

Eines Tages klopft ein Fremder an die Tür des einen Bruders. „Ich bin auf der Durchreise. Ich möchte etwas Geld verdienen. Haben Sie vielleicht eine Arbeit für mich?“

„Ich hätte schon Arbeit. Da, auf der anderen Bachseite steht das Haus meines Bruders. Wir leben in Unfrieden. Hinter meinem Haus findest du viele Bruchsteine. Damit sollst du eine hohe Mauer bauen. Ich will meinen Bruder nicht mehr sehen! Leider muss ich jetzt verreisen. In einer Woche bin ich wieder da!“

Als er nach einer Woche zurückkommt, ist der Mann fertig. Doch statt einer Mauer hat er aus den Steinen eine Brücke gebaut.

Da kommt auch schon der ältere Bruder gelaufen: „Was hast du da Wunderbares bauen lassen! Eine Brücke statt einer Mauer!“

Während sie Versöhnung feiern, sucht der Mann seine Sachen zusammen und will weiterziehen. „Bleibe doch bei uns, denn hier ist noch viel Arbeit für Dich!“

Der Mann antwortete „Nein, der Grund ist gelegt. Ich muss noch so viele Brücken bauen!“

Viele kleine Menschen

an vielen kleinen Orten,

die viele kleine Dinge tun,

können das Gesicht der Welt verändern!

Pastor Joachim Dau

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“  der Schlusssatz des heutigen Evangeliums bezieht sich dort auf eine Situation der Auseinandersetzung und des Ringens um den richtigen Weg. Er bezieht sich also zunächst auf eine Situation des alltäglichen Zusammenlebens und nicht auf eine gottesdienstliche Versammlung. Wir beziehen diesen Satz aber in der Regel auf unser Beten und die Feier eines Gottesdienstes.

In kirchlichen Kreisen wird der Satz häufig zitiert, wenn mal wieder nur eine kleine Schar zum Gottesdienst versammelt ist. Dann kommt es eher mit einem tröstlichen Unterton: „ach, kommt, auch wenn wir nur wenige sind, ist Jesus doch unter uns“. Das mag die Gefühlslage gut treffen, blickt aber zunächst aus der falschen Richtung. 2 oder 3 ist zwar deutlich weniger als 50, aber es ist eindeutig mehr als 1. Und darum geht es: es geht um den Aspekt der Gemeinschaft. Überall dort, wo ich nicht alleine bin, bin ich gezwungen, auch auf die Situation und die Bedürfnisse eines anderen zu blicken. Über die heutige Zeit wird oft gesagt, dass ein übertriebener Individualismus ein gesellschaftliches Problem darstellt. Viele Menschen sehen ihre ganz eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten als den Mittelpunkt ihres Denkens. Wie oft musste in den vergangenen Monaten darauf hingewiesen werden, dass z.B. das Tragen von Masken oder bestimmte Einschränkungen des öffentlichen Lebens wichtig zum Schutz für sich selbst und für andere sind. In unseren Gottesdiensten kommt der Gemeinschaftsgedanke ganz stark zum Tragen. In den Fürbitten machen wir uns die Anliegen anderer im Gebet zu eigen. Wir beten das „Vater unser“, nicht das „Vater mein“.

Wir Menschen sind auf Gemeinschaft hin geschaffen. Zwei oder drei können mehr bewirken als eine oder einer. Und diese „zwei oder drei oder auch viel mehr“ dürfen auf die Begleitung durch Jesus vertrauen. Im Alltag, im Gottesdienst, in Krisen und Konflikten, im Nachdenken und Suchen.

Ein Lied von Manfred Siebald, das wir in unserem Liederbuch haben, drückt diese Ausrichtung zum anderen Menschen und zu Gott, sehr schön aus:

Gut, dass wir einander haben, gut, dass wir einander sehn, Sorgen, Freude, Kräfte teilen und auf einem Wege gehen. Gut, dass wir nicht uns nur haben, dass der Kreis sich niemals schließt und dass Gott, von dem wir reden, hier in unserer Mitte ist.

Elisabeth Hunold-Lagies

Im Juli durfte ich im Auftrag des Bistums zu einer Fortbildung fahren, also ein bisschen musste ich auch, aber da ich bereits im ersten Modul viel Wissenswertes für die Tätigkeiten hier in St. Raphael mitnehmen konnte, ist es viel mehr dürfen als müssen. In diesem ersten Fortbildungsmodul haben wir uns mit einigen Texten des Propheten Jeremia beschäftigt, der diverse Male am Volk Israel verzweifelte. Aus den Worten Jeremias entsprang aber auch so viel Hoffnung und Aktualität, dass es fast ein bisschen unheimlich wurde. Das Volk Israel befand sich damals im Babylonischen Exil. Es war versprengt in alle Richtungen und musste sich mit der Situation abfinden. Und noch viel wichtiger, sie mussten irgendwie versuchen ihren Glauben lebendig zu halten, in der Fremde. Da wo so wenige an den Gott glaubten, den sie ihren eigenen nannten. Da wo vieles fremdartig war, Kultur, Sprache, Land, Lebensraum. Und wo eben nicht nur sie waren, sondern noch viele andere. Andere, die anders lebten, die anders glaubten – oder auch gar nicht glaubten. Kommen Ihnen gerade auch heutige Bilder in den Kopf? Bei mir war es so.

Am heutigen Sonntag ist wieder so ein Jeremia-Text in der Leseordnung der katholischen Kirche vorgesehen. Und auch dieser Text ist außergewöhnlich aktuell. Wir lesen oder hören von einem Menschen, der von Gott gepackt, angerührt und ergriffen wurde. Und der gleichzeitig zerrissen scheint, von Anfeindungen in seinem Umfeld, vom Unglauben, der ihn umgibt. Und der am Ende eben doch nicht lassen kann, von diesem Gott, der ihn betört hat und aus dem er letzten Endes auch immer wieder neue Kraft schöpft. Wie schön, von einem zu lesen, der wissen könnte, wie’s mir heute manchmal geht. So zwischen Glaubensträgheit und Diversität – die ich, nebenbei bemerkt, sehr schätze, die aber das Leben auch nicht einfacher macht, zwischen der Trägheit der Kirche, der Trägheit, die es auch in den Gemeinden immer wieder gibt und auch meiner eigenen, wenn ich gerade mal wieder nicht weiß, wo ich denn jetzt am besten anfange. Dr. Katrin Brockmöller, eine der Autor*innen, die die Sonntagslesungen für das Katholische Bibelwerk e.V. auslegt, deutet und Verstehenshilfen für die Leser*innen anbietet (zu finden auf www.bibelwerk.de), trifft es da ziemlich gut:

„Ich bleibe dabei. Mich fasziniert die Botschaft Jesu vom guten Leben für alle, deshalb bin ich bereit, mich in der Kirche und für meine Kirche zu engagieren. Ich ließ mich betören! Ja, ich liebe meine Gemeinde! Gleichzeitig sehe ich all das Lebensfeindliche und leide unter der mangelnden Transparenz im Blick auf die vielen Gewalttaten nicht nur im Blick auf sexuellen Missbrauch, sondern auch geistlich und strukturell. Gewalt und Unterdrückung im Blick auf Frauen, gescheiterte Paare, Menschen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen und Gotteserfahrungen, … Und wenn auch alle sagen, eure Kirche ist nicht zu retten, ich bleibe dabei – um Gottes Willen!“

Diese Worte und Jeremias Worte wirken auf mich wie ein Energieschub. Ein bisschen so wie früher Traubenzucker in der Klassenarbeit. Vielleicht gibt Ihnen und Euch das auch ein bisschen Energie.

Andrea Grote

Für alles gibt es einen Schlüssel: Hausschlüssel, Zimmerschlüssel, Autoschlüssel, den Schlüssel für das Fahrradschloss, den Büroschlüssel, den Schrankschlüssel und so weiter. Wer hat nicht schon einmal einen Schlüssel gesucht und ist dabei richtig fast wahnsinnig geworden? Schlüssel besitzen eine hohe Bedeutung. Wer einen Schlüssel hat, hat Macht. Mit einem Schlüssel entscheide ich, ob ich eine Tür öffne oder sie verschlossen halte; wem ich den Zugang zu meiner Wohnung, meinem Zimmer oder meinem Schatzkästchen erlaube. Und wenn mir mein Schlüssel abhandengekommen ist, dann gerate ich in Panik, denn ich habe nicht mehr die Kontrolle über „mein Reich“.

Wer sich einen Schlüssel geben lässt, übernimmt damit auch Verantwortung. Wann erhält mein Kind einen Hausschlüssel? Wem vertraue ich im Urlaub meine Wohnungsschlüssel an? Oder wer kann sich einen Schlüssel von unserer Kirche aushändigen lassen? Schlüsselgewalt bedeutet Verantwortung.

Manche Menschen tragen auch einen Schlüssel als Anhänger an ihrer Kette. Dieser Schlüssel symbolisiert den Zugang zu ihrem eigenen oder zum Herzen eines geliebten Menschen.

In Bremen findet sich das Symbol Schlüssel sogar im Wappen wieder. Hier ist er eine Anspielung auf den Heiligen Petrus, den Schutzpatron des Bremer Doms und wird bereits seit 1366 im Siegel der Stadt getragen. Der Heilige Petrus und das Symbol Schlüssel gehören zusammen. „Du bist Petrus, dir werde ich die Schlüssel des Himmelreiches geben“ (Mt 16,19), hören wir an diesem Wochenende im Evangelium unserer Gottesdienste. Die Macht und die Verantwortung, die Jesus seinem Jünger Petrus übergeben hat, und das Vertrauen, das er in ihn gesetzt hat, sind von enormer Bedeutung für die Kirche(n) und ihre Oberhäupter, in den Anfängen und auch heute!

Überraschend ähnlich zeigt sich auch das Thema in einem Abschnitt aus dem Buch Jesaja, der ebenfalls an diesem Wochenende gelesen wird: „Ich lege ihm (meinem Knecht Eljakim) die Schlüssel des Hauses David auf die Schulter. Wenn er öffnet, kann niemand schließen.“ (Jes 22,22)

Petrus und Eljakim, zwei biblische Gestalten, in die Gott ein besonderes Vertrauen gesetzt hat, denen er das Volk Israel bzw. die Kirche anvertraut hat. Auch ohne Blick auf die historischen Entwicklungen erscheint mir dieses Zutrauen Gottes wie eine Zumutung, die Schlüssel-Gewalt als Überforderung.

Ich werde nachdenklich und frage mich, ob ich mich auch manchmal von Gott überfordert fühle?

Und: welche Schlüssel hat Gott mir anvertraut? Bin ich als getaufter Christ nicht auch beauftragt, vom Reich Gottes Zeugnis zu geben und so anderen einen Zugang zu eröffnen? Traue ich mir das ernsthaft zu?

Vielleicht kann ein Blick auf die Schlüsselfigur des Volkes Israel Mut machen?! Moses trug am Ende seines Lebens der Versammlung Israels dieses Abschiedslied vor: “Der Herr hütete sein Volk wie seinen Augenstern, wie der Adler, der sein Nest beschützt und über seinen Jungen schwebt.“ (Dtn 32,10)

Moses vergleicht Gott mit einem Adler, der seine Brut das Fliegen lehrt. Der Theologe Huub Oosterhuis erzählt diese Szene mit den Worten: „Gott? Der mich trug auf Adlers Flügeln, der mich hat geworfen in die Weite und als ich kreischend fiel, mich aufgefangen mit den Schwingen und wieder hochwarf, bis dass ich fliegen konnte aus eigener Kraft.“ (aus: Huub Oosterhuis, „Alles für Alle“, S. 193)

Vielleicht kann diese Erfahrung wie ein Schlüssel auch für mein Leben sein:

Ich kann mir selbst vertrauen, weil Gott mir zuerst vertraut hat und mich immer begleitet. ER traut mir etwas zu. ER hat mir den Schlüssel zum Schatzkästchen mit verschiedenen Gaben anvertraut.

Andreas Egbers-Nankemann

„Frau, dein Glaube ist groß“ sagt Jesus zur kanaanäischen Frau im heutigen Sonntagsevangelium. Und das Fest Mariä Himmelfahrt, das am 15. August, also auch an diesem Wochenende, gefeiert wird, verehrt Maria – eine Frau, die sich glaubend auf eine ganz aufregende Wendung in ihrem Leben eingelassen hat.

Einen großen, festen Glauben zu haben ist alles andere als selbstverständlich. Erst am vergangenen Sonntag waren im Evangelium ganz andere Töne zu hören: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ musste sich da ein verängstigter Petrus fragen lassen. Unser Glaube ist Schwankungen ausgesetzt. Persönliches Leid kann ihn erschüttern, Krisen in der Welt stellen vieles in Frage, Zweifel und Fragen können uns zermürben.

Aber die andere Erfahrung gibt es auch: Glauben und Vertrauen setzen ungeahnte Kräfte frei, tragen durch schwere Zeiten und geben uns Halt. Das ist etwas Kostbares. An anderer Stelle können wir im Evangelium von einer „kostbaren Perle“ lesen, die dem Kaufmann, der sie findet, wertvoller als alles erscheint, was er besitzt.

Perlen kennen wir seit Jahrhunderten aus dem Rosenkranz – wir können uns im Gebet „festhalten“.

Ein anderes Modell für „Perlen des Glaubens“ wurde vom schwedischen Bischof Martin Lönnebo 1995 entwickelt: 18 Perlen bilden eine Gebetskette und sind unterschiedlichen Glaubenserfahrungen zugeordnet. Es gibt z.B. die Gottes- und die Ich-Perle, die Perle der Stille oder der Gelassenheit, aber auch die Wüstenperle.

Mir gefällt diese Idee. Perlen – die wir immer mit „wertvoll“ assoziieren – sind Bilder für meinen Glauben. Dieser Glaube setzt sich aus vielen unterschiedlichen Einzelteilen / Perlen zusammen. Kleiner, größer, verschiedenfarbig. Die daraus entstehende Kette kann ich nach draußen sichtbar tragen, im Schmuckkasten verwahren und ab und zu in die Hand nehmen und mich daran festhalten. Und wenn mal etwas reißt: Ketten können auch neu aufgefädelt werden.

Vielleicht haben wir in der nächsten Woche Gelegenheit, ein paar unserer Glaubensperlen mal wieder etwas genauer oder mit einem neuen Blick anzusehen und uns an ihrem Wert zu freuen.

Elisabeth Hunold-Lagies

Stürmische Zeiten für die Jünger – im wirklichen wie im übertragenen Sinne. Die Anhänger Jesu hatten keine starke Lobby in der damaligen Zeit, waren sogar eher der Verfolgung durch herrschende Kreise der Juden, aber auch durch die Staatsmacht ausgesetzt.

Da braucht es schon starke Überzeugungen und einen festen Glauben, um diesem „Gegenwind“ standzuhalten. Das galt damals, das gilt auch heute: Was mache ich eigentlich, wenn die Stürme des alltäglichen Lebens an meinem Boot rütteln? Wie gehe ich mit Herausforderungen wie Krankheit, Tod, Angst um den Arbeitsplatz, zerbrochenen Beziehungen um? Wahrscheinlich möchte ich dann mit Petrus rufen: „Herr, rette mich!“.

Wie sehr bin ich im Glauben „verwurzelt“? Wie stürmisch darf es in meinem Leben zugehen, damit ich nicht den Boden verliere? Was traue ich Gott in meinem Leben zu?

Weiter hilft da nur der Glaubensmut, das Vertrauen, auszusteigen aus den scheinbaren Sicherheiten, neue Wege zu versuchen.

Das gilt auch mit Blick auf unsere Kirche. Verbissene Parolen, alle krampfhaften Versuche, die Lecks im Boot der Kirche abzudichten, helfen nicht; sie sind selber ein Zeichen der Angst und des Kleinglaubens. Was könnte aus unserer Kirche werden, wenn es mehr Menschen gäbe, die aussteigen, die die scheinbare Sicherheit von Kirchenrecht und Kirchenordnung hinter sich lassen, um neue Wege auf Jesus zuzugehen.

Aber das gilt auch für mich persönlich. Auch ich soll neue Wege gehen. Augen zu und weiterrudern, das hilft nicht, das bringt nicht voran. Die Angst bleibt. Es hilft auch nicht die Verdoppelung der Anstrengung, sondern nur das Vertrauen, dass er mich ruft, herausruft aus den vermeintlichen Sicherheiten meines Lebens. Im Vertrauen darauf darf ich aussteigen und dann vielleicht sogar spüren, dass der unsichere Boden unter mir, in mir, mich trägt.

Christian Adolf

Die Perikope von der wunderbaren Brotvermehrung oder den fünf Broten und zwei Fischen begleitet wohl viele von uns seit Kindertagen. Schon so oft gelesen, gehört, meditiert. Und jedes Mal spricht der Text in anderer Weise zu jedem von uns. Von einem Mal vor ein paar Jahren möchte ich Ihnen gerne berichten. Ich war auf der Suche nach einem Videoclip auf youtube. Den, den ich suchte fand ich nicht, aber dafür wurde ich auf einen anderen Clip aufmerksam. Ein junger Mann, einfach gekleidet, offensichtlich aus dem südamerikanischen Raum stammend, spielte auf einer Gitarre. Die Gitarre, und das ließ mich als ab-und-an-Lagerfeuer-Gitarristin aufmerken, sah ziemlich ramponiert aus. Und was das merkwürdigste war: sie hatte nur noch drei Saiten. Unmöglich, einem solchen Instrument irgendwie Schönes zu entlocken. Das hielt den jungen Mann aber nicht davon ab leidenschaftlich in die besagten drei Saiten zu hauen. Er spielte und das, was man zu hören bekam konnte sich schon blicken lassen. Es war wunderschön. Ich lauschte und staunte – wie da aus scheinbar sehr wenig ganz viel wurde.

Ähnlich, wie in der Perikope: Fünftausend Menschen, die sich versammelt hatten und diesem Jesus zuhören wollten. Vielleicht hofften sie ähnlich wie andere auf Heilung. Andere waren vielleicht einfach nur neugierig und wollten mal schauen, was es mit diesem Menschen auf sich hatte. Und am Abend, als der Hunger sich einstellt, musste natürlich etwas zu Essen besorgt werden. Wie sollen fünf Brote und zwei Fische für fünftausend reichen. Scheinbar unmöglich. Und doch, es reichte. Eben diese fünftausend gingen am Ende gesättigt und erfüllt wieder nach Hause. Aus ganz wenig wurde ganz viel. Auch aus scheinbar Geringem kann etwas Wunderbares erwachsen. Aus einem scheinbar ramponierten, kaputten Instrument kann dennoch schöne, unterhaltende, tröstende Musik erklingen. Wenn wir Gott trauen können, kann aus wenigem ganz schön viel werden. Ich wünsche Ihnen viele solcher wunderbaren Momente.

Andrea Grote, Gemeindereferentin

Salomo war noch ein junger Mann, als er zum König von Israel gesalbt wurde.

Als Nachfolger seines Vaters David musste er in große Fußstapfen treten.

Anders als sein Vater, der das Reich durch viele Eroberungen und Kämpfe geformt hatte,

wollte er seinem Namen („Salomo“: von hebräisch „Shalom“ = Friede) Ehre machen,

auf kriegerische Vergrößerungen des Reiches verzichten

und das Land friedlich einen.

Salomo, sei kein Träumer!

Du bist jung.

Du bist unerfahren.

Du bist aufgewachsen in gewalttätigen Zeiten.

Du willst das nicht.

Du willst anders sein.

Du hast hohe Ideale.

Du weißt nicht, ob Du verstanden wirst.

Und Du erlebst Intrigen und Fallen.

In dieser Situation bittest Du dennoch allein

um ein hörendes Herz,

um Unterscheidung von Gut und Böse,

um Einsicht und Weisheit.

Warst Du damals ein Vorbild?

Bist Du heute ein Vorbild?

Bist Du für mich ein Vorbild?

Ich wünsche es mir und deshalb bete ich:

Herr, gib mir den MUT, das zu ändern,

was ich ändern kann!

Gib mir die DEMUT, das anzunehmen,

was ich nicht ändern kann!

Und gib mir die WEISHEIT,

das eine vom anderen zu unterscheiden!

Amen.

Joachim Dau

sämänn
sät aus
auf gute erde
was mag d‘raus werden
ernte?

samen
wächst, gedeiht
verkümmert im boden
was mag d’raus werden
ernte?

Senkorn
so klein
unscheinbar und kraftvoll
wird zum großen Baum
unverhofft

gott
unwirkliche wirklichkeit
bist wirklich da
säst du mit mir
daswird

andrea grote

Dem „Mein Wort bewirkt, was ich will“ ist in der heutigen Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja der Satz „So spricht der Herr“ vorangestellt. Wenn das nur so einfach wäre! Ist es nicht vielmehr so, dass wir zwar eine ganze Reihe von wichtigen Gottesworten (und natürlich auch Jesusworten) kennen, sie aber nicht verinnerlichen oder beherzigen? Sie stoßen nicht automatisch auf fruchtbaren Boden.

Die Schilderung im heutigen Evangelium kommt der Wirklichkeit schon näher. Hier erzählt Jesus das bekannte Gleichnis von einem Sämann, der Samen ausstreut und damit leben muss, dass nur ein Teil der Saat aufgeht und Frucht bringt. Zu viele Risiken sind da: der Boden kann steinig sein oder Vögel können die Samenkörner aufpicken. Im Gleichnis wird der Samen mit dem Wort Gottes verglichen. Es gibt also neben dem selbstverständlichen „mein Wort bewirkt, was ich will“ auch die Möglichkeit, dass das nicht oder nur zum Teil gelingt.

Wir selber können das Bild des Sämanns benutzen, um zu verstehen, was unser eigenes Sprechen mitunter schwierig macht. Wir können Worte aussäen, haben aber keine Garantie, dass sie auf fruchtbaren Boden fallen. Sollen wir deshalb auf das Aussäen verzichten? Natürlich nicht. Schließlich enthält der Samen die zukünftige Frucht oder zumindest das Potential dafür.

Wir können versuchen, dem Samen, unserem ausgesäten Wort, möglichst gute Bedingungen zu verschaffen. Nicht jeder Zeitpunkt, nicht jede Umgebung ist geeignet für ein wichtiges Gespräch. Das Gesagte kann durch zu viel Ablenkendes untergehen. Worte brauchen Zeit, um sich zu entfalten. Ich kann nicht erwarten, dass alles sofort verstanden oder in die Tat umgesetzt wird; Geduld ist gefragt. Der keimende Samen braucht Nahrung; vielleicht ist meine Lebenserfahrung eine wichtige Ergänzung zum Gesagten. Und zu guter Letzt brauche ich Vertrauen. Ich bin nicht alleine dafür zuständig, dass das, was ich säe, so wächst, wie es meinen Vorstellungen entspricht. Dafür braucht es andere Menschen, mit denen ich im Austausch bin und die ihrerseits Worte aussäen und auf Frucht hoffen. Und dafür braucht es den, der sein Wort in unsere Welt gibt, der uns Menschen, seinen Geschöpfen, zutraut, reiche Frucht zu bringen – nicht immer, nicht sofort, nicht perfekt, aber „hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.“

Elisabeth Hunold-Lagies

„Kommt alle zu mir, die ihr geplagt und beladen seid!“ – Wer könnte da nicht etwas mitbringen an Last, an Fragen, an Müdigkeit oder Unruhe. Es gibt eben kein Leben, in dem alles glatt läuft. Brüche, Umwege, Enttäuschungen gehören dazu, auch wenn wir sie vielleicht nicht gerne anschauen oder gegenüber den Menschen in unserer Umgebung gerne die Fassade wahren wollen.

Wer bräuchte nicht zwischendrin mal ein tröstendes Wort, eine aufrichtende Geste? Wahrscheinlich nur die Menschen, die glauben, alles selbst im Griff zu haben. Sie meinen, alles selbst schaffen zu können. Aber lässt sich alles planen, organisieren, vorhersagen?

Jesus kommt, um diese Lasten und Belastungen abzunehmen: Die Last der alltäglichen Anforderungen und Ansprüche, die Last des Lebens mit seinen Narben, Brüchen und Enttäuschungen, vielleicht sogar die Last eines Bildes von Gott, das von Angst und Vergeltung geprägt ist.

Jesus nimmt die Menschen an, wie sie sind, mit allem, was auch unvollkommen ist. Er schenkt Ruhe, keine Friedhofsruhe, sondern Vollendung des Lebens. Damit ist das heutige Evangelium ein lösendes und erlösendes Wort für uns alle. Jesus will uns befreien von aller übersteigerten Selbstrechtfertigung, vom krankhaften Leistungsdenken im Alltag aber auch im Glauben. Wir müssen uns nicht erst beweisen, um jemand zu sein.

Diese Annahme darf uns gelassener machen im Umgang mit den eigenen Nöten und Sorgen. Wir dürfen vertrauensvoll durch unser Leben gehen, auch und gerade dann, wenn unser Leben zu scheitern und zu zerbrechen droht. Gott wird auch die Scherben unseres Lebens aufnehmen und sie wieder zusammenfügen, damit daraus etwas Ganzes wird.

Mit diesem Vertrauen werden wir auch selbst zu Menschen, bei denen andere ihre Lasten ohne Angst ablegen können.

Christian Adolf

Zugegeben, so ganz einfach kommt der Evangeliumstext vom heutigen 13. Sonntag im Jahreskreis nicht daher. Nur weil ich Vater, Mutter, die eigenen Kinder mehr liebe als Jesus Christus, soll ich seiner nicht mehr wert sein? Das scheint ganz schön hoch gegriffen und mein erster Impuls geht dahin zu sagen: Ok, dann wohl ohne mich. Aber auch bei diesem biblischen Text lohnt es sich, weiter zu lesen und weiter zu denken, um vielleicht über die erste Empörung oder Unverständlichkeit hinaus zu kommen.

Die ersten Worte erschrecken, aber zum Ende hin wird ein Lohn in Aussicht gestellt. Wie dieser aussieht bleibt verborgen, aber man darf davon ausgehen, dass es jedem einzelnen Menschen angemessen sein wird. Die Aussage hinter dem Text könnte sein: „Stell Dich darauf ein, dass Christus-Nachfolge kein Spaziergang ist, dass sie Dich herausfordern, hinterfragen, vielleicht zweifeln lässt, aber stell Dich ebenso darauf ein, dass es Dein Leben bereichern wird.“ Vielleicht haben Sie in ihrem Leben bereits negative Erfahrungen gemacht, weil Sie im beruflichen oder privaten Kontext für Ihr christliches Engagement oder Ihre Zugehörigkeit zur katholischen Kirche angefragt, vielleicht sogar verurteilt wurden. Und vielleicht können Sie ebenso von der positiven Seite des Glaubens berichten, wo Ihnen unverhofft etwas Gutes zukam, wo Ihnen etwas geschenkt wurde, was so gar nicht zu erwarten war. Lassen Sie sich vom Abenteuer Glauben überraschen. Gewiss werden Sie nicht um Ihren Lohn kommen.

Und auch an diesem Wochenende wird wieder ein kleines Give-Away im Gottesdienst ausgegeben: ein schokoladiger Goldtaler.

Bleiben Sie behütet!

Andrea Grote

…und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“

Spontan dachte ich bei diesem Satz an Medien- und Presse-Arbeit, an den sogenannten Enthüllungsjournalismus, der aufdeckt, was manchmal mit großem Aufwand über lange Zeit sehr erfolgreich vertuscht worden ist. Dies kann alle Bereiche menschlichen Wirkens betreffen: die Politik, die Wirtschaft, das Show-Business, den Sport und auch  die Kirche.

Und wer einen Skandal aufdeckt, der wird nicht von allen für sein Engagement und seine “Wahrheitsliebe“ geachtet. Wer Unrecht und Ungerechtigkeit ans Licht bringt und die Verantwortlichen beim Namen nennt, der muss häufig um seine Existenz, ja sogar um sein Leben fürchten.

„Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“

In diesem Sinn kann der Satz als Warnung an alle verstanden werden, die meinen, Sie könnten die Wahrheit unterdrücken und schwerwiegende Fehler verschweigen.

Er lässt sich aber auch auf den sehr persönlichen Bereich, auf die dunklen Seiten in den Familiengeschichten übertragen. In der Zeitschrift „Publik-Forum“ las ich kürzlich einen bewegenden Artikel über dunkle Geheimnisse, schambehaftete Ereignisse in Familien, die tabuisiert sind und einfach totgeschwiegen werden. Doch dieses Verschweigen enthält eine zerstörerische Kraft, dunkle Geheimnisse können sich massiv auf die Psyche einzelner Familienmitglieder und die Beziehungen untereinander auswirken. In dem Artikel beschreibt ein Betroffener, wie bedrückend die Lüge, das unausgesprochene Schweigegelübde ist und wie befreiend und heilsam er das Aufdecken der Wahrheit erlebt hat.

„Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“

Dieser Satz kann auch als Ermutigung verstanden werden, sich trotz aller Angst und Scham mit schuldhaftem Versagen und peinlichen Fehlern auseinanderzusetzen und sich auszusöhnen; egal ob dies einem selbst widerfahren ist oder ob es in der Verantwortung von Eltern oder Großeltern liegt.

Wir hören den Satz an diesem Wochenende als Vers des Sonntags-Evangeliums (Mt 10,26). Dabei geht es Jesus weder um vertuschte Skandale noch um dunkle Familiengeheimnisse. Ihm geht es um das Wort Gottes, die Frohe Botschaft: Er ist in die Welt gekommen, um als Sohn Gottes von der Wahrheit Zeugnis zu geben. Er selbst ist die Wahrheit. „Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen“ (Mt 10,32). Das Bekenntnis zu Jesus Christus ist das Bekenntnis zu einem Leben in Wahrheit und Gerechtigkeit. Der Glaube an Jesus als den Erlöser, Retter und Heiland will zu einem Leben in Wahrheit ermutigen.  Der Glaube kann befähigen, Verborgenes bekannt zu machen, sich Unrecht entgegenzustellen, Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen und schuldhaftes Versagen einzugestehen.

Symbolisch sind alle Mitfeiernden der Gottesdienste an diesem Wochenende eingeladen, ein „verborgenes“ Licht mit nach Hause zu nehmen und es durch Knicken zum Leuchten zu bringen.

Andreas Egbers-Nankemann

Gute Frage. Die Gottesdienstbesucher*innen von St. Raphael werden sie an diesem Wochenende schriftlich mit auf den Heimweg bekommen, aber natürlich können alle, die das Evangelium dieses Sonntags (Mt 9,36 – 10,8) lesen oder hören, sie sich stellen.

Worum geht es? Jesus sieht viele erschöpfte Menschen und sie tun ihm leid. Er beauftragt seine Jünger, zu diesen Menschen zu gehen, sie zu heilen und unreine Geister auszutreiben, weiß aber auch, dass es, bildlich gesprochen, nur wenige Arbeiter für die große Ernte gibt. Im Text folgt dann die Aufzählung der Namen der Jünger.

Im Umgang mit biblischen Texten geübte Menschen wissen, dass es nicht nur um die Nacherzählung einer Begebenheit geht, sondern dass auch wir irgendwie immer mit betroffen sind.

Ein paar Gedankensplitter:

  • Wenn Jesus Menschen in seine Nachfolge ruft (ob damals die Jünger oder heute uns) oder ihnen wie hier im Text einen Auftrag gibt, ist dies immer etwas sehr Persönliches. Andernfalls wäre die Aufzählung der Jüngernamen überflüssig. Nicht irgendjemand, sondern ein konkreter Mensch ist gemeint.
  • Die oben gestellte Frage „Warum bin ich gesendet“ kann mit unterschiedlichen Betonungen gelesen werden. „Warum ausgerechnet ich und nicht andere“ könnte eine Lesart sein. Warum ich? Sollen doch die anderen! Es sind genug da. Ich hab keine Lust, keine Zeit.
  • Eine andere Lesart könnte sein: „Warum werde ich ausgesucht, warum wird mir zugetraut, diesen Auftrag der Sendung zu erfüllen?“ Da muss es doch etwas geben, eine Fähigkeit, eine Eigenschaft, die für diese Aufgabe wertvoll sein kann. Vielleicht etwas, das mir noch gar nicht so bewusst ist. Dann ist dieser Auftrag nicht in erster Linie lästig, sondern positiv herausfordernd.
  • Die Jünger werden gesendet zu den Menschen, mitten in die Welt hinein. Nachfolge Jesu spielt sich nicht im stillen Kämmerlein ab, Nachfolge Jesu ist nicht geprägt durch Passivität. Nachfolge Jesu wird gelebt von Menschen, die bereit sind, sich als konkrete Person rufen zu lassen, die ihren je eigenen Fähigkeiten vertrauen und die sich in Bewegung setzen.

Warum bin ich, bist du, sind Sie gesendet?

Elisabeth Hunold-Lagies

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ – eine äußerst geläufige Formel einerseits und Ausdruck eines komplizierten theologischen Sachverhalts andererseits.

Gott ist nicht einfach Gott. Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist. Aber auch das reicht ja nicht. Denn er ist ja auch noch Schöpfer, Retter, Burg, Fels, Helfer, Hirte… Wir können noch so viele Namen aufzählen, wir werden nicht fertig bzw. wir werden Gott nicht umfassend benennen können.

Eigentlich ist uns das aus unserem menschlichen Zusammenleben gar nicht so fremd. Ich trage einen Namen. Sagt der alles über mich aus? Natürlich nicht. Ich bin Ehefrau, Mutter, Kollegin, Nachbarin und vieles mehr. Jede Person, die mit mir zu tun hat, wird aus dem eigenen Blickwinkel etwas über mich aussagen können. Jede dieser Aussagen hat ihre Berechtigung, aber keine ist wirklich vollständig. Wenn das schon bei uns Menschen so komplex ist, wie viel mehr dann bei Gott.

Eine wichtige Beobachtung: all die Bezeichnungen im vorigen Absatz haben etwas mit Beziehung zu tun. Sie beschreiben, was ich für jemanden bin, in welcher Beziehung ich zu ihm oder ihr stehe. Und wie ist es mit Gott? Auch hier geht es in den vielen Namen für ihn um den Versuch auszudrücken, in welcher Beziehung Gott zu mir steht / ich zu ihm stehe. Bei einer lebendigen Gottesbeziehung ist es doch so, dass im Laufe meines Lebens – auch meines Glaubenslebens – jeweils unterschiedliche Aspekte im Vordergrund stehen. Ich fühle mich geborgen und gehalten in der väterlichen (und mütterlichen) Fürsorge und bestaune seine Größe; ich brauche die konkreten, so menschlichen Erfahrungen, von denen der Sohn Jesus etwa in den Gleichnissen erzählt; ich spüre belebende, überraschende Wendungen in meinem Denken und weiß manchmal gar nicht genau, woher sie kommen.

Kurz: ich erlebe, dass Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist mich umgibt, hält und trägt von allen Seiten, an allen Tagen, in den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Ich selber kann mich diesem Geheimnis annähern, aber werde es nie ganz erfassen. Ich glaube, dass die verschiedenen Seiten Gottes unlösbar und geheimnisvoll miteinander verbunden sind.

Zum Schluss ganz alte Worte des armenischen Mönchs und Heiligen Mesrop Maschtoz (360 – 440):

„Die Sonne ist nicht ohne Licht und Wärme, die Quelle nicht ohne Wasser und Wegfluss,

der Verstand nicht ohne Wort und Geist. So war auch der Vater nie ohne den Sohn und den Heiligen Geist.“ 

Elisabeth Hunold-Lagies

Der diesjährige Ökumenische Gottesdienst am Pfingstmontag auf dem Gelände des Klinikums Ost musste abgesagt werden. Wie angekündigt, folgen hier Gedanken des Vorbereitungsteams rund um diesen Anlass, im Anschluss ein Gebet des Ökumeneteams des Bistums Osnabrück.

Vor 20 Jahren, am 30. Mai 2000, wurde auf dem Gelände des Klinikums Ost der „Irrstern“ der Künstlerin Marikke Heinz-Hoek zur Erinnerung an die Opfer der NS-Psychiatrie in Bremen eingeweiht. Die Erinnerung an dieses Kapitel Bremer Krankenhausgeschichte wird seit 1995 auch in einer Dauerausstellung des Krankenhausmuseums wachgehalten.

Das Wegsperren von Menschen mit psychischen Erkrankungen, in vielen Fällen mit tödlichem Ausgang, ist ein schweres Verbrechen in der NS-Zeit gewesen. Das Thema tritt in der Wahrnehmung oft neben den Verbrechen an Juden in den Hintergrund.

Aufgrund der zeitlichen Nähe des Pfingstmontags am 1. Juni zum Gedenktag am 30. Mai war der Gedanke bei der Vorbereitung des geplanten Ökumenischen Gottesdienstes, die Botschaft des Mahnmals mit einfließen zu lassen.

Ein erster Arbeitstitel entstand: „Gottes Geist aushalten“ – zunächst noch mit dem Zusatz „und einander“. Das Wegsperren oder zumindest Nicht-zur-Kenntnis-nehmen von Menschen, die „anders“ sind, ist ja kein einmaliges Geschehen der NS-Zeit. Es ist für ganz viele Menschen, auch für solche, die sich mit Selbstverständlichkeit christlich nennen, eine gängige Praxis, gründlich zu sortieren zwischen Menschen, die „normal“ und „in Ordnung“ sind und deshalb dazugehören dürfen und solchen, bei denen das nicht der Fall ist. Andersartigkeit wird schwer ausgehalten und sehr häufig bewertet.

Dem setzen biblische Texte eine klare Botschaft entgegen. Im ersten Korintherbrief (1 Kor 12,13) formuliert Paulus: „Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.“ Und bei der Betrachtung des Körpers heißt es etwas weiter (diesmal in der Übersetzung der `Bibel in gerechter Sprache‘): „Nein! Gerade auf die Körperteile, die unbedeutender zu sein scheinen, kommt es an. Den Körperteilen, die wir für weniger beachtenswert halten, lassen wir besondere Achtung zukommen…“

Der Geist hat Gaben im Gepäck – er kann trösten, ermutigen, stärken, heilen. Er hat aber auch Zumutungen im Gepäck – er kann korrigieren, provozieren, herausfordern, in Frage stellen. Die Menschen in meiner Umgebung mögen anders sein als ich, anders denken und handeln oder andere Fähigkeiten haben als ich. Sie sind aber nicht unbedeutender (oder umgekehrt) als ich. Sie gehören zu einem Ganzen, „zu einem Leib“, wie es Paulus formuliert.

In diesen Wochen prägen andere Themen unser Leben. Die Corona-Pandemie war über Wochen fast das einzige Thema in Nachrichten und Zeitungen und in den Gesprächen der Menschen. Vielleicht hätten wir vor diesem Hintergrund eher den Titel „Gottes Geist vertrauen“ gewählt, weil wir uns verunsichert und ratlos fühlen mit Sorgen in die Zukunft blicken.

Wenn wir uns nach danach sehnen, gestärkt und aufgerichtet zu werden, dürfen wir nicht vergessen, dass diese Sehnsucht etwas ist, was Menschen verbindet und vereint. Es ist gut und richtig, darum zu beten, dass der Heilige Geist uns stärken möge. Es ist gut und richtig, nach Zeichen der Hoffnung zu suchen und sich gegenseitig zu unterstützen. Es ist gut und richtig, am Pfingstfest an vielen Orten und in ökumenischer Verbundenheit zu beten. Es ist aber genauso gut und nicht nur richtig, sondern wichtig, sich klar zu machen, dass Gottes Geist den anderen, den „Komischen“ und „Eigenartigen“ genauso zugewandt ist.

Elisabeth Hunold-Lagies 

Das Ökumeneteam des Bistums Osnabrück hat das folgende Gebet verfasst, das die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Niedersachsen an viele Gemeinden geschickt hat in der Hoffnung, auf diesem Weg eine ökumenische Verbundenheit am Pfingstmontag zu stärken:

Gnädiger Gott,

du sendest deinen Geist aus – und du erneuerst das Antlitz der Erde.

In diesem Glauben sind wir verbunden, die wir an unterschiedlichen Orten zu dir beten.

Wir bitten dich:

Sende deinen Geist der Hoffnung, wo uns Sorgen und Ängste umtreiben.

Sende deinen Geist des Vertrauens, wo Krankheit und Tod herrschen.

Sende deinen Geist der Stärke, wo Geduld und Langmut nötig sind.

Sende deinen Geist der Weisheit, wo wir umsichtige Entscheidungen treffen müssen.

Sende deinen Geist der Achtsamkeit, wo uns Dankbarkeit und Respekt fehlen.

Sende deinen Geist der Glaubenskraft, wo wir im Zweifel stecken bleiben.

Sende deinen Geist der Gemeinschaft, wo Distanz und Einsamkeit unseren Alltag prägen.

 

Du Gott des Lebens,

wir sehnen uns nach einem kräftigen Brausen und frischer Kraft!

Segne uns mit deinen vielfältigen Gaben.

Lass uns in dieser Vielfalt gemeinsam wachsen und zur Einheit finden

Im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe.

Amen.

„Komm, Schöpfer Geist“ – diese ersten Worte aus dem bekannten Pfingsthymnus machen Wesentliches des Pfingstfestes deutlich. Wenn ich das Wort „Schöpfer“ höre, klingen sofort andere Wörter mit: Anfang, Entwicklung, Gestaltung, Kreativität, etwas Neues, das vorher noch nicht da war.

Der Heilige Geist mit seinen sieben Gaben Weisheit, Einsicht, Erkenntnis, Stärke, Rat, Gottesfurcht und Frömmigkeit sorgt immer wieder für Bewegung und Überraschung. Auf einmal verstehen sich Menschen, die ganz verschiedene Sprachen sprechen oder es setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Glaube an Jesus kein „Exklusivrecht“ ist.

Nicht nur diese Beispiele, die auf biblische Erzählungen aus der Apostelgeschichte zurückgehen, gehören hierher. Genauso gehört in diesem Zusammenhang erwähnt, dass wir wohl alle schon einmal Momente erlebt haben, in denen uns plötzlich ein ganz neuer Gedanke kommt (ein „Blitzlicht“), der uns in einer verfahrenen Situation hilft. Oder wir sehen den ungeliebten Kollegen auf einmal in ganz neuem Licht. Oder wir trauen uns etwas zu, von dem wir vorher immer behauptet haben: das kriege ich ja doch nicht hin. Eine endlose Diskussion bekommt auf einmal eine Wendung, weil jemand eine überraschende Idee hat.

Das sind pfingstliche Erfahrungen. Menschen geraten in Bewegung, entweder in ihrem Denken oder in ihrem Tun. Das, was sie tun, bekommt neue Energie und neuen Schwung. Be-Geist-erung.

Der Geist Gottes wird auch als „Ruach“, als Hauch oder Atem, bezeichnet. Auch hier kommt durch das Wort das Lebendige zum Ausdruck. Ein bekanntes neueres Pfingstlied (im Gotteslob die Nummer 346) hat den Kehrvers:

Atme in uns, Heiliger Geist, brenne in uns, Heiliger Geist,

wirke in uns, Heiliger Geist, Atem Gottes, komm!

Uns allen wünsche ich begeisternde Momente!

Elisabeth Hunold-Lagies

„Sie verharrten einmütig im Gebet“ – So endet die heutige erste Lesung aus der Apostelgeschichte. Nachdem Jesus in den Himmel aufgefahren ist, sind die Apostel jetzt aufgerufen, den neuen Weg selbständig weiter zu gehen. Es klingt ein wenig einsam, wenn man im Bibeltext liest „Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben (…).“ Dennoch: Alle sind versammelt, in einem Raum, im Obergemach, dort beten sie. Vielleicht um neue Wege zu finden, wie sie nun die Idee Jesu weitergehen können, wo er nicht mehr bei Ihnen ist. Sie sind Männer und Frauen, sie sind zuhause, sind bei einander.

Ich finde mich in diesen Personen sehr gut wieder. Ich durfte in den vergangenen Wochen erfahren, wie schwer es ist allein zu glauben. Nicht, dass Gott auf einmal weg wäre, aber mir gelingt Glauben, Austausch und Gebet in Gemeinschaft besser. Das muss nicht einmal gleich die große Gottesdienst-Gemeinde sein. Da reicht ein Mensch, der mit mir zusammen betet, schweigt, einen Blick in die Ferne wirft.

Möglicherweise kennen Sie diese Gedanken auch? Dann können vielleicht die Impulse hilfreich sein, die Sie nun hier auf unserer Homepage für einen Gottesdienst oder eine Andacht zuhause finden. Sie sind vom Bistum Hildesheim vorbereitet und geben Einzelpersonen, kleinen Gruppen und Familien Anregungen für das einmütige Gebet zuhause.

Ihnen allen eine gesegnete Woche,

Andrea Grote

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ Wir haben diese Frage aus der Apostelgeschichte wahrscheinlich schon so oft gehört, dass sie uns kaum noch befremdet. Ausgerechnet am Fest Christi Himmelfahrt soll der Blick nicht nach oben, in den Himmel gehen?

Der ausschließliche Blick nach oben lässt die Wirklichkeit, die uns umgibt, außer Acht. Der ausschließliche Blick nach oben wäre für die Jünger gleichzeitig ein Blick zurück: „Ach, das waren noch Zeiten, als Jesus unter uns war und uns sagte, was zu tun ist.“

Das Fest Christi Himmelfahrt wird genau 40 Tage nach Ostern gefeiert. Die Zahl 40 hat in der Bibel eine besondere Bedeutung: 40 Jahre wanderte das Volk Israel durch die Wüste, 40 Tage fastete Jesus in der Wüste. Nach 40 Tagen beginnt etwas Neues. Nach der Phase, in der Jesus den Jüngern nach seiner Auferstehung erschien, in der er sie auch gedanklich darauf vorbereitete, dass sie ohne ihn zurechtkommen müssen, sind sie nun aufgefordert zu handeln und eigene Entscheidungen zu treffen. Das mögen sie als Zumutung empfinden. Es ist aber auch eine Ermutigung; dieses Handeln wird ihnen nicht nur zugemutet, sondern auch zugetraut.

Die Nachfolge Jesu bewährt sich im Alltag, im konkreten Tun, im genauen Blick auf unsere Umgebung. Der evangelische Theologe Jörg Zink hat einmal sehr klar formuliert: „Wer nicht weiß, was er beten soll, lese die Zeitung.“ Auch hier: ganz konkret, gegenwärtig, erdverbunden. Mal den Blickwinkel zu verändern, ist grundsätzlich hilfreich – nicht nur bei der Frage „oben“ oder „unten“. Unverwandt immer nur in eine Richtung zu schauen zeugt von Unbeweglichkeit im Wahrnehmen, Denken, Beurteilen und schließlich auch im Handeln.

Und wenn wir so in verschiedene Richtungen schauen, werden wir feststellen, dass es die klare Trennung von oben und unten gar nicht gibt, dass der Himmel nicht nur weit weg ist. Ein auch uns gut bekanntes Lied formuliert es so: „Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns“ (Gl 873)

Elisabeth Hunold-Lagies

An diesem Wochenende – dem 6. Ostersonntag – werden wir nach vielen Wochen zum ersten Mal wieder Gottesdienst feiern. Ein großer Teil der Fastenzeit, die Kar- und Ostertage, die ersten Ostersonntage: alles ohne „richtige“ Gottesdienste. Wir werden in den Gottesdiensten nicht das Evangelium vom Tage vorlesen, sondern das Emmausevangelium, das wir normalerweise am Ostermontag hören.

Dieses Evangelium passt deshalb gut, weil es ein „Wegetext“ ist. Die beiden Jünger gehen einen längeren Weg. Sie sind niedergeschlagen, verunsichert, verzweifelt und merken erst am Ende des Weges, wer da als Begleiter mit ihnen unterwegs war. In Bezug auf diese Gefühlslage trifft der Text wohl ganz gut unsere eigene gegenwärtige Situation.

In verschiedenen Ostererzählungen begegnen wir ähnlich verunsicherten Menschen. Ihr Alltag hat sich radikal verändert. Der Mann, mit dem sie die letzten Jahre verbracht haben, Jesus, ist nicht mehr da. Sie sind verängstigt, verriegeln ihre Türen, machen sich niedergeschlagen auf den Weg in ihr altes Dorf, versuchen sich vorsichtig an ihren Alltag als Fischer wieder heranzutasten. Nichts ist mehr wie vorher. Und dann machen sie die Erfahrung, dass dieser Jesus doch noch da ist – anders als vorher, nicht wirklich zu erkennen, aber so, dass sie sich erinnern an gemeinsam Erlebtes, an den Auftrag, den sie haben, an ihre Ressourcen. Sie erkennen, dass ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Darauf müssen sie sich einlassen, indem sie zu Veränderungen bereit sind. Sie betreten neue Lebensräume.

Und hier haben wir den Bogen zu den eigentlich vorgesehenen biblischen Texten dieses Sonntags. Gegen Ende der Osterzeit hören wir davon, wie Jesus seine Jünger darauf vorbereitet, dass sie ohne ihn auskommen müssen. Zumindest sichtbar, physisch wird er nicht mehr bei ihnen sein. Aber er verspricht in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums (am heutigen Sonntag ist es der Abschnitt Joh 14, 15 – 21), seinen Vater um einen Beistand für die Jünger zu bitten. Er kündigt den „Geist der Wahrheit“ an; er verspricht, dass durch das Band der Liebe die Verbindung zu ihm und seinem Vater bestehen bleibt.

Der heutige musikalische Gruß ist der alte Pfingsthymnus „Komm, Heilger Geist, der Leben schafft“. In einer Strophe heißt es: „Komm Tröster, der die Herzen lenkt, du Beistand, den der Vater schenkt; aus dir strömt Leben, Licht und Glut, du gibst uns Schwachen Kraft und Mut.“

Das ist unsere Bitte: Trost, Kraft und Mut zu erfahren, sich gestärkt fühlen durch die Gottesdienstgemeinde, aber auch durch viele andere Formen des Verbundenseins und auf Gottes Begleitung zu vertrauen – auch da, wo sie nicht sofort erkannt wird.

Elisabeth Hunold-Lagies

„Gut gemacht, Mama. Ich bin toll geworden!“ So stand’s in einer Werbe-E-Mail, die auf das Angebot von Postkarten zum Muttertag hinwies. Ich musste über diese Karte etwas schmunzeln. Vielleicht müsste die Karte im Moment auch lauten: „Gut gemacht, Mamas! Ihr macht das toll!“ – gerade in dieser schweren Zeit, die mal wieder zeigt, dass insbesondere auf den Frauen eine hohe Belastung liegt. Und von den wenigsten höre ich Klagen. Die Frauen, die ich im privaten und dienstlichen Umfeld persönlich erlebe, gehen mit einem hohen Maß an Pragmatismus an die Bewältigung der Situation: Homeoffice, Dienst im Krankenhaus, Arbeiten als Reinigungskraft, Einsatz in der ambulanten Pflege, im Supermarkt, im Kindergarten, in der Telefonseelsorge und nahezu nebenbei Pflege von Angehörigen, die Betreuung der Kinder, Enkelkinder und manchmal sogar Urenkel im Kleinkind-, Schul- und Teeniealter. Nicht selten sind diese Frauen es, die das Leben der Familie zusammenhalten.

Dass sie damit einem ziemlich prominenten Beispiel alle Ehre machen ist umso schöner: Maria, die junge Frau, die keine Angst hat, den völlig verrückten Auftrag Gottes anzunehmen und seinen Sohn zur Welt zu bringen. Ich gebe zu, ich habe mit Maria immer wieder meine Schwierigkeiten. Das in der Kirche tradierte Bild einer Maria, die scheinbar naiv zu allem Ja und Amen sagt und die auf einem Sockel sitzt, den ich mich kaum zu berühren traue. Ja, damit tue ich mich schwer. Der Maria, der ich mit dem Anzünden einer Kerze in der Kirche meine Sorgen und Bitten anvertrauen kann, der fühle ich mich deutlich näher; ebenso der Maria, die so manche Konvention bricht und fast schon rebellisch den Willen Gottes auf Erden verwirklichen will. Als solche ist sie Vorbild für starke Frauen im Hier und Heute, die ihren Weg gehen und die sich ganz und gar dem Leben stellen.

Allen Müttern, Großmüttern und Urgroßmüttern einen schönen Muttertag!

Herzlich,
Andrea Grote,

hör mal
maria

ich glaube
du kennst das

ahnen und hoffen
angst und bange sein

sich trauen und doch
fragen und zweifeln

nicht wissen und doch
ja sagen

zu anfang und neubeginn
zu abschied und lassen

ich glaube
du kennst das

ob du wohl
mitgehen magst

aus: Schwarz, Andrea (2016): Eigentlich ist Maria ganz anders. Freiburg im Breisgau: Herder, S.29.

Der 4. Ostersonntag wird auch der „Sonntag des guten Hirten“ genannt. Im Evangelium lesen wir einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium. Es geht in diesem Text um das Verhältnis des Hirten zu seinen Schafen, aber es begegnet uns noch ein weiteres der sogenannten „Ich-bin-Worte“ Jesu – Bildworte, in denen Jesus sich selbst beschreibt. Besser gesagt, in denen Jesus beschreibt, was er für die Menschen bedeuten kann. Und so lesen wir: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.“

Die Tür – ein ganz konkretes Bild; für jede und jeden verständlich. Tagtäglich begegnen uns Türen; sie verschaffen uns Zutritt zu Häusern und Räumen oder schützen uns vor Kälte, Lärm oder ungebetenen Besuchern. Voraussetzung für eine offene Tür ist entweder, dass ich einen Schlüssel habe oder dass jemand mir die Tür öffnet. Beide Voraussetzungen machen aus mir einen Menschen, der – als Inhaber eines Schlüssels – berechtigt ist, hineinzugehen oder jemanden, der erwartet wird und willkommen ist. Beruhigende Vorstellungen: ich darf kommen, ich bin berechtigt zu verweilen, ich bin willkommen. Und es geht noch weiter: wenn ich hineingehe, habe ich eine Perspektive – „wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden.“ Und dann? Schnell Tür zu und sich ein-igeln im sicheren Raum?

Gewiss nicht. Ganz wichtig an diesem Bildwort ist die Weiterführung „er wird ein- und ausgehen“. Die Möglichkeit des Kommens und Gehens ist eine Voraussetzung für Freiheit. Das Positive des geschützten Raumes, der sicher verschlossen ist, ist nur gültig, wenn ich diesen Schutz suche und brauche. Der geschützte Raum kann zum Gefängnis werden, wenn ich ihn nicht aus eigenem Antrieb verlassen kann oder darf.

Eine Tür ist für uns Menschen nur dann wertvoll und richtig, wenn sie nach Bedarf offen oder geschlossen ist. Sie soll mich weder ein- noch aussperren, sie verbindet meine innere und meine äußere Welt. Als eine solche Tür bietet sich Jesus an. Das Bild lädt mich aber auch selber ein, darüber nachzudenken, wem ich in meinem Leben und durch mein Verhalten Türen öffne und verschließe.

Elisabeth Hunold-Lagies

Nun schreiben wir schon den dritten Sonntag der Osterzeit. Die Einschränkungen, die uns die Corona-Pandemie auferlegt sind immer noch da. Und auch wenn seit Beginn dieser Woche Lockerungen für einige Geschäfte gelten, bleibt vieles eingeschränkt und begrenzt. Und es wird zunehmend klarer, dass Corona nicht eine kleine Episode im Frühjahr 2020 ist, sondern uns noch eine lange Weile begleiten wird. Ich kann dieser Zeit mitunter wohl Positives abgewinnen und das schon genießen, aber die Herausforderungen bedrängen auch mich sehr. Ich habe weitaus mehr Fragen als Antworten. In mir herrscht Unruhe über das, was das Corona-Virus mit den Menschen, mit der Gesellschaft, mit der Kirche macht. Ich werde traurig, wenn ich an all die denke, die in ihrer Existenz direkt und indirekt durch das Virus bedroht sind. Ich fühle mich hilflos, wenn ich daran denke, was eigentlich alles zu tun wäre. Ich habe Angst davor, dass Menschen in meinem Umfeld schwer erkranken. Ich vermisse so viele Menschen in der nahen und weiten Umgebung, Freunde und Familie. So viele Gefühle, die in mir sind und die sich in dieser Situation ansammeln und die ich nur selten loswerde. Vielleicht kennen Sie das auch.

Wie kann es also weitergehen? Segen drauf und alles wieder gut? Wohl eher nicht. Das wäre mir zu einfach. Am Horizont blitzt ein wenig Zuversicht auf wenn ich die Texte des heutigen Sonntags anschaue. Da scheint die Liebe Gottes für den Menschen durch, der im Tod nicht im Grab belassen wird, sondern der sich auf das neue Leben freuen darf. Jesus ist auferstanden, aber nach Ostern müssen die Jünger*innen sich damit abfinden, dass er nicht mehr bei ihnen ist – sie sehen ihn zumindest nicht immer. Aber trotzdem ist er da, auferstanden für alle. Das negiert das Schwere, die Herausforderungen, die Verzweiflung, die Traurigkeit und die Angst nicht. Aber es macht sie erträglich und das ist gerade schon mal ganz gut.

Bleiben Sie behütet!

Andrea Grote

Die biblischen Texte zum Sonntag lesen Sie hier https://www.erzabtei-beuron.de/schott/schott_anz/index.html?datum=2020-04-24

 

Herr, bleib bei uns und bei allen Menschen.

Bleib bei uns, wenn es Abend wird,

wenn Trauer und enttäuschte Hoffnungen

unser Herz verdunkeln.

 

Herr, bleib bei uns und bei allen Menschen.

Bleib bei uns, wenn Fragen uns bedrängen,

wenn wir dich nicht mehr finden

im Gewirr unserer Zeit und unseres Lebens.

 

Herr, bleib bei uns und bei allen Menschen.

Bleib bei uns, wenn wir unsere Schwachheit spüren,

wenn Alter, Krankheit oder Sucht

die Möglichkeiten des Lebens begrenzen.

 

Herr, bleib bei allen Menschen,

die hungern müssen und unterdrückt sind,

denen man die Menschenwürde raubt,

die ausgeliefert sind an die Mächte der Finsternis.

 

Schenke ihnen und uns allen

den Anfang neuen Lebens!

 

Ferdinand Kerstiens

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf

Stehen wir zur Auferstehung auf

Mitten am Tage

Mit unserem lebendigen Haar

Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.

Keine Fata Morgana von Palmen

mit weidenden Löwen

Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken

Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht

Und dennoch unverwundbar

Geordnet in geheimnisvoller Ordnung

Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Marie Luise Kaschnitz

 

Bei Gott hat unser Leben eine Zukunft – über den Tod hinaus! Das ist die Botschaft von Ostern. Eine frohe Botschaft für uns und alle Menschen, die Bestätigung unserer Hoffnung, unserer Sehnsucht, unserer kühnsten Träume.

Auferstehung heißt Aufstand gegen alles, was Tod bedeutet, Aufstand gegen die Angst, die lähmt, gegen Unterdrückung und Ausgrenzung von Menschen.

Und dort, wo sich diese Zeichen des Lebens, der Hoffnung schon jetzt Bahn brechen und in unserem Alltag sichtbar und spürbar werden, dort wird Auferstehung zeichenhaft erfahrbar.

Wo wir in unserem Alltag Leben ermöglichen, anderen Menschen Lebendigkeit schenken, dort sind wir Botinnen und Boten dieses österlichen Lebens. Alles Gute, das wir tun oder erleben, ist bei Gott aufgehoben und hat deswegen Zukunft. Der Glaube an die Auferstehung ist keine Vertröstung auf ein Später, sondern er verändert das Jetzt.

Auferstehung kann schon hier und heute geschehen – durch mich.

Christian Adolf

Noch am Gründonnerstag haben wir vom Schöpfen aus einer Kraftquelle gehört – nun ist die Quelle versiegt.

Wir kennen Situationen, in denen die Kraft zu Ende ist, keine Perspektiven in Sicht sind, Weggefährten ausbleiben, alle Hoffnung zerschlagen ist. Wir kennen solche Situationen sowohl im persönlichen Bereich bei unheilbarer Krankheit, Trauer oder zerbrochenen Beziehungen; wir kennen sie aber auch im politischen Bereich bei Kriegen, Hungersnot, Naturkatastrophen, Flüchtlingsdramen oder Seuchen. Wo bleibt Hilfe? Und vor allem: wo ist Gott? Warum greift er nicht ein und hilft? Nicht einmal seinem eigenen Sohn? „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ruft Jesus am Kreuz. Es ist schwer, die scheinbare Abwesenheit Gottes zu ertragen. Der Schrei Jesu am Kreuz zeigt uns einen Menschen, der nicht aufhört, nach Gott zu rufen; der Gottes Barmherzigkeit nicht still erbittet, sondern einfordert, der die Beziehung zu Gott auf keinen Fall preisgeben möchte. Noch im Tod erinnert er sich daran, dass Gott ihm Kraft, Quelle und Leben war, auch wenn seine eigene Kraft am Ende ist.

Jesus hat gelebt, geglaubt, gepredigt, geheilt, geliebt, gelitten – nun ist der Wendepunkt erreicht, nun ist allein Gott an der Reihe. Mit dem Satz „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ endet das Aufbäumen und Fragen. Mit diesem Satz gibt Jesus sich hin; sein Leben bekommt auch im Tod noch eine Richtung, eine Zukunft. Das ist die Botschaft des Karfreitag: die Quelle mag zeitweise versiegen, nicht mehr sichtbar sein, aber sie verschwindet nicht. Sie bleibt und wird wieder strömen.

Elisabeth Hunold-Lagies

Der Gründonnerstag ist der Tag des Beschenktwerdens. Brot und Wein wird den Jüngern, wird uns in die Hand gegeben, um daraus Mut, Hoffnung, Kraft zu schöpfen – „zu seinem Gedächtnis“.

Was bereits mit der Geburt Jesu als Glaubensherausforderung beginnt – Gott wird ein wehrloses Kind – findet hier seine Fortsetzung: Jesus Christus, der am Palmsonntag noch als König bejubelt wurde, macht sich klein, er kommt den Menschen unendlich nahe in einer sich verschenkenden Liebe, in einer dienenden Haltung. Bezeichnenderweise berichtet das Evangelium am Gründonnerstag nicht vom letzten Abendmahl (davon berichtet eine der Lesungen), sondern von der Fußwaschung, vom Sich-hinab-beugen Jesu. Es fällt Petrus schwer, diesen Dienst anzunehmen. Es passt nicht, dass der Lehrer dem Schüler, der Meister dem Jünger die Füße wäscht. Und es fällt auch nicht leicht, die eigene Bedürftigkeit und Abhängigkeit zuzugeben. Lieber behalten wir das Heft des Handelns in der Hand. In diesen Tagen erleben wir, wie schwer es zu akzeptieren ist, dass Entwicklungen völlig anders verlaufen als wir es erwarten. In diesen Tagen erleben wir auch, welche Größe in den dienenden Handlungen der Pflegenden und Helfenden liegt.

Das Geschenk dieses Tages anzunehmen, ist herausfordernd. Es ist ein großes Geschenk. Es ist wertvoll und stärkend. Und zugleich ist es ein Geschenk, das unmittelbar vor dem Abschied und der Bedrohung des Todes überreicht wird. Das ist unser Leben – ein Zustand des „dazwischen“: zwischen Stärke und Schwäche, zwischen Gestaltungsmöglichkeiten und Zerbrechlichkeit. An diesem Tag können wir Hoffnung und Kraft schöpfen, die auch den Ernst des Abschieds aushält.

Elisabeth Hunold-Lagies

Von göttlicher Gestalt war er.
Aber er hielt nicht daran fest,
Gott gleich zu sein –
so wie ein Dieb an seiner Beute.

Sondern er legte die göttliche Gestalt ab
und nahm die eines Knechtes an.
Er wurde in allem den Menschen gleich.
In jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.

Er erniedrigte sich selbst
und war gehorsam bis in den Tod –
ja, bis in den Tod am Kreuz.

Deshalb hat Gott ihn hoch erhöht:
Er hat ihm den Namen verliehen,
der allen Namen überlegen ist.

Denn vor dem Namen von Jesus
soll sich jedes Knie beugen –
im Himmel,
auf der Erde
und unter der Erde.
Und jede Zunge soll bekennen:
»Jesus Christus ist der Herr!«

Das geschieht,
um die Herrlichkeit Gottes, des Vaters,
noch größer zu machen.

(Phil 2, 6-11, Basisbibel)

Menschen breiten ihre Kleider auf der Straße aus. Sie schneiden Zweige von den Bäumen und streuen sie auf die Straße. Sie rufen »Hosanna!« und jubeln Jesus beim Einzug in Jerusalem zu.

Diese bekannte Palmsonntagsszene ist eindrucksvoll und lässt gleichzeitig fragen: Was versprechen sich die Menschen von diesem Jesus, dass sie ihn so freudig und voller Hoffnung begrüßen?

Dieser Jesus ist einer, der sich im guten Sinne unter die Menschen mischt. Er hat keine Allüren und lässt sich auf sie ein. Er nimmt sie ernst und spürt ihre Sorgen und Ängste. Er ist sensibel für Ausgrenzungen und Erniedrigungen. Er wendet sich besonders denen zu, die am Rande der Gesellschaft stehen. Und er hat eine andere Perspektive und Vorstellung vom Leben.

Das spüren die Menschen zu damaliger Zeit: Da ist jemand, der Hoffnung und Heil stiftet!

Die heutige Lesung macht deutlich, dass Jesus ein ganz anderer König ist. Eigentlich braucht und will er gar keinen roten Teppich oder eine königliche Verkleidung. Ihm geht es nicht um Privilegien und den schönen Schein.

Jesus wird stattdessen Mensch, denen gleich, die ihn brauchen. In der Lesung ist von ›Sklave‹ und ›Erniedrigung‹ die Rede; Begriffe, die so gar nicht königlich daherkommen. Jesus wird Mensch und erlebt alle Tiefen und Abgründe des menschlichen Lebens. Ihm geht es nicht um Macht, Anerkennung oder Ruhm. Ohne jegliche Vorbehalte widmet er sich aus Liebe den Menschen. Er ist zutiefst solidarisch mit ihnen, auch wenn ihn dieser Weg an das Kreuz führt.

Christian Adolf

Voll das wilde Leben…

Betende Hände in schwarz-weiß, daneben das Zitat aus dem Johannesevangelium „Ich bin die Auferstehung und das Leben- wer an mich glaubt, wird leben.“ – ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich eine solche Todesanzeige in unserer Tageszeitung zuhause gelesen habe. Und bestimmt genauso häufig habe ich mich gefragt, ob das so muss. Heute mindestens 20 bis 25 Jahre später bin ich glücklicherweise etwas gereift und schaue mit einem anderen Blick auf das Zitat.

„Ich bin die Auferstehung und das Leben – wer an mich glaubt wird leben“, so steht’s geschrieben im Evangelium vom 5. Fastensonntag. Und rundherum spinnt sich die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Und was total technisch klingt ist in der Perikope ein Chaos von Emotionen – Liebe, Leid, Leben und Tod, alles ist enthalten. Trauer um den Verstorbenen, der Freund Jesu und Bruder Marias war, der geliebt wurde, vermisst wird, vom Moment seines Todes an fehlt. Da gibt es die Jünger, die noch nicht verstanden haben, dass Lazarus nicht einfach krank ist, sondern stirbt. Da ist Marta, die fast den Eindruck erweckt, als wäre sie sauer, dass Jesus erst so spät kommt. Zu spät ihrem Empfinden nach, denn Lazarus ist bereits gestorben. Von Heilung kann also niemand mehr ausgehen. Und von Jesus, von dem wir in den biblischen Geschichten selten seine Gefühle mitgeteilt gekommen, erfahren wir, dass er erschüttert und innerlich erregt ist und das gleich zwei Mal. Am Ende der Geschichte herrscht dann große Freude über den Auferweckten. Die, die das sahen, waren überzeugt. Dieser Jesus, der ist wer. Der ist der Messias, der Retter, der Gesandte.

Zurück zur Todesanzeige: Heute ahne ich, dass Menschen, die dieses Zitat für die Todesanzeige ihrer Lieben ausgewählt haben, etwas von diesem Emotionschaos kennen. Sie haben das Leben des verstorbenen Menschen vielleicht vor Augen, dass vielmals voll war von Freude, Leid, Glück, Chaos, Traurigkeit, Sehnsucht, Leidenschaft… Und vermutlich haben sehr viele der Trauernden den Wunsch, die Sehnsucht und den festen Glauben, den lieben Menschen irgendwann einmal wieder zu sehen. Und dann drückt die Zusage Jesu doch ganz gut aus, was war, was ist und was sein wird. Und das hat dann auf einer Traueranzeige einen wirklich guten Platz.

Andrea Grote

  1. März 2020

Ein laaaanges Evangelium, dass heute in der Leseordnung vorgesehen ist und eines, das es lohnt, in dieser Länge gelesen zu werden.

Wir lesen und erfahren von der Heilung eines Blinden – nichts Neues eigentlich, wenn man auf die vielen anderen Heilungsgeschichten der Bibel schaut. Und doch ist es etwas anders: da wird ein Mensch sehend. Und das, wenn man der Geschichte folgt, nicht nur rein physisch, sondern er gewinnt so etwas wie eine Herzenssicht. Denn am Ende der Erzählung sieht er Jesus als DEN Menschen-Sohn. Als das Licht der Welt, als der, der von Gott kommt, der ihm, dem ehemals Blinden Sicht verleiht. Er sieht und erkennt.

Kennen Sie das auch? Dass Sie Stück für Stück ein bisschen mehr erkennen, dass es da wirklich diesen Gott gibt, der für Sie da ist? Vielleicht hilft Ihnen diese Erkenntnis in diesen ver-rückten Tagen mehr denn je.

Propst Wichmann aus Oberhausen hat zu einer beeindruckenden Aktion aufgerufen. Er forderte die Christ*innen seiner Gemeinde auf, jeden Abend um 19.00 Uhr eine Kerze zu entzünden, sie sichtbar in ein Fenster zu stellen und dann ein Vater unser zu sprechen – in ökumenischer Verbundenheit. Jede*r Beter*in wird damit zu einem Lichtzeugen – für den Menschen-Sohn, für Hoffnung, Solidarität und Liebe. Ich finde, das ist eine tolle Aktion und mache gerne mit! Eine Kerze, die für mich Christus als das Licht der Welt symbolisiert, der uns gerade jetzt nicht verlässt. Eine Kerze, die mir gerade jetzt zeigt: Ich bin nicht allein und mit vielen Menschen verbunden. Ich hoffe, diese Erkenntnis bleibt.

Andrea Grote

Gott,
du bist der Gott unseres Lebens.
Auf dich setzen wir unsere Hoffnung
in diesen Tagen der Krise.
Wir dürfen darauf vertrauen:
Du bist da!

Du siehst uns
mit unseren Sorgen und Fragen,
mit unseren Stärken und Hoffnungen.

Wir bitten dich:
Leite und begleite uns.
Stehe den kranken und schwachen Menschen bei.
Stärke und ermutige die Menschen,
die gerade für uns sorgen:
Menschen, die Verantwortung tragen,
Menschen, die sich um Kranke und Hilfsbedürftige kümmern,
Menschen, die ihre Zeit solidarisch für andere einsetzen.
Lass uns als deine Gemeinschaft
solidarisch miteinander verbunden bleiben.
Schenke uns Mut und Phantasie,
in diesen Tagen neue Formen des Miteinanders zu entdecken.

Segne uns,
du Gott des Lebens.

Amen.