Impulse und Gebet

Gottesdienste mit Einschränkungen, im kleinen Kreis, nur langsam wieder Treffen und Veranstaltungen –
Wie können wir da Gemeinde sein?

Christsein geht nicht ohne ›Communio‹ – nicht ohne Gemeinschaft mit Gott und nicht ohne Gemeinschaft mit den Menschen um mich herum. Aber wir können trotzdem miteinander verbunden bleiben. Über diese Homepage, über das persönliche Gebet zuhause, über die Schriftlektüre. Wir können uns die Verbindung bewusst machen, die wir mit allen Menschen auf dieser Welt haben. Hier finden Sie einen kurzen Impuls zu den Texten des Sonntags. Das können ein paar Gedanken sein oder ein Bild oder etwas ganz anderes. Viel Freude beim Schauen, Beten und Sich-Inspirieren-Lassen!

Weltweit sind katholische Christen tagtäglich durch eine gemeinsame Leseordnung von Schrifttexten miteinander verbunden. Egal, wo auf der Welt Menschen zusammen kommen und ihren Glauben feiern, für jeden Tag sind es überall dieselben biblischen Impulse. Die Schrifttexte zum jeweiligen Tag finden Sie hier.

Auch Autor*innen des Bistum Osnabrück haben sich Gedanken gemacht. Dieses finden Sie hier.

Impulse zum Lesen

„Selig, die Frieden stiften“ (Mt 5,9) – Das ist die Überschrift über der diesjährigen MISSIO-Kampagne im Aktionsmonat Oktober. Am letzten Sonntag im Oktober wird weltweit der „Sonntag der Weltmission“ begangen, eigentlich in der Absicht, die pastorale Arbeit in Partnerländern zu unterstützen. In diesem Jahr leistet MISSIO vielfach Nothilfe, um den Menschen in diesen Krisenzeiten das Überleben zu ermöglichen. Die sonst üblichen Gäste aus den Beispielländern, die in Gemeinden und Schulen von ihrem Glauben und ihrem Engagement erzählen, können in diesem Jahr nicht nach Deutschland kommen. Sie kämpfen stattdessen vor Ort in ihren Gemeinden und Institutionen gegen die Auswirkungen der Pandemie, wenn auch meistens mit sehr begrenzten Mitteln.

Angesicht der derzeitigen Corona-Pandemie rückt die Sehnsucht nach Frieden und Zusammenhalt stark in den Fokus. Besonders in den Ländern der Sahelregion leiden die Menschen seit Langem unter Armut, Dürre und islamistischem Terror. Jetzt kommt noch die Corona-Pandemie hinzu und die Gesundheitssysteme sind der zusätzlichen Belastung durch Corona nicht gewachsen. Stärker noch als die Angst vor dem Virus ist die Angst vor den Auswirkungen der Pandemie. Hungernöte führen zu sozialen Unruhen und einem Zusammenbruch vieler Strukturen.
Die Kirche vor Ort steht in dieser Situation solidarisch an der Seite der Menschen. Sie spendet Trost und Hoffnung und leistet konkrete Hilfe.
So wie uns derzeit hier in Deutschland der Blick füreinander und das Achten aufeinander trägt, so darf unser Blick sich in diesen Tagen solidarisch auf die Menschen in Westafrika richten.

Nähere Informationen zum diesjährigen Weltmissionssonntag unter www.missio-hilft.de.

Christian Adolf

Bei der Frage im heutigen Evangelium, ob es erlaubt ist, dem Kaiser Steuern zu zahlen, verweist Jesus auf eine Münze. Sie zeigt das Bild des Kaisers. Also, so die geschickte Antwort, geht das mit den Steuern wohl in Ordnung. „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“

Eine Münze wird geprägt. Zu sehen ist nicht nur der Kopf des Kaisers, sondern auch der Wert der Münze. Dieser Wert beschreibt recht genau, was ich damit in einem wirtschaftlich organisierten System anfangen kann. Habe ich solche „Münzen“ mit bestimmten Prägungen auch in meinem Glaubensleben? Vielleicht die „kleine Münze Hoffnung“, von der ein neueres Kirchenlied erzählt (Gl 850)? Oder die Münzen mit einem Wert für Zuversicht, Vertrauen, Solidarität, Nächstenliebe? Nachhaltigkeit, Frieden, Gerechtigkeit?

Diese Münzen – davon bin ich überzeugt – tragen auf der anderen Seite das Antlitz Gottes.

Elisabeth Hunold-Lagies

An Erntedank wollen Christinnen und Christen Gott für die Schöpfung und ihre Gaben danken. Sie sind sich bewusst, dass der Mensch nicht alles in der eigenen Hand hat, sondern sein Leben und alles, was er dafür braucht, immer auch Gott verdankt. Der Mensch ist Teil der Schöpfung, die ihm gleichzeitig anvertraut ist. Daraus erwächst eine besondere Verantwortung für die Hege und Pflege und damit für die Bewahrung der Schöpfung.

Demgegenüber steht die zu beobachtende Lebensmittelverschwendung. Allein in Deutschland werden pro Jahr bis zu 18 Millionen Tonnen genießbarer Lebensmittel weggeworfen. Das entspricht etwa einem Drittel des Lebensmittelverbrauches. Allein die Produktion dieser Menge verursacht Treibhausgase wie eine Autofahrt über 300 Milliarden Kilometer. Gleichzeitig leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation über 900 Millionen Menschen an Unterernährung.

Diese erschreckenden Daten lassen vermuten, dass uns der ursprüngliche Sinn des Wortes ‚Lebensmittel‘ – ‚Mittel zum Leben‘ – abhandenkommt. Die leichtere Verfügbarkeit von Lebensmitteln in unseren Gefilden führt scheinbar zu einer sich verringernden Wertschätzung dessen, was zum Leben notwendig ist: Früchte der Natur werden trotz der Unterversorgung von nahezu einer Milliarde Menschen achtlos weggeworfen. Gleichzeitig wird durch Produktion, Verarbeitung und Handel eine völlig unnötige erhebliche Umweltbelastung in Kauf genommen.

Wir laden dazu ein, das Erntedankfest als Anlass aufzugreifen, für einen wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln zu sensibilisieren.

(aus dem Vorwort der Arbeitshilfe „Lebensmittel genießen, statt wegwerfen – Anregungen zum Erntedankfest“ vom Katholikenrat des Bistums Osnabrück, www.katholikenrat-osnabrueck.de)

Die Wege des Herrn sind unergründlich, heißt es in einer frommen Redewendung, die zum Ausdruck bringt, dass unser Lebensweg immer wieder Überraschungen bereit hält und uns in eine Richtung führt, die wir selbst nicht erwartet oder für möglich gehalten hätten.

Ganz anders lesen sich die biblischen Texte des heutigen Sonntags:

Das Beispiel Jesu im Evangelium ist so eindeutig wie die Antwort seiner Zuhörerschaft. Welcher Sohn handelt nach dem Willen Gottes: der Sohn, der die Anweisung des Vaters „Geh und arbeite heute im Weinberg“ zurückweist, sich aber besinnt und die Arbeit doch erledigt, oder der Sohn, der diesem Auftrag mit Worten zustimmt, ihm allerdings nicht nachkommt? Der richtige Weg zeigt sich durch das richtige Handeln. Jesus liefert in seiner Erzählung keine Hintergründe für die Entscheidung der Söhne. Ob ihre Antworten mit Stress, Zeitdruck, Überforderung, Vergesslichkeit oder vielleicht mit Beziehungsproblemen zum Vater zu tun haben, spielt hier keine Rolle. Es kommt Jesus einzig auf die Umkehr an. Das Gewissen meldet sich beim ersten Sohn deutlich zu Wort. Er ist auf dem falschen Weg. Richtig wäre die Annahme des väterlichen Auftrags. Er bereut seine Antwort, überdenkt die Entscheidung und folgt seinem Gewissen. Was sich leicht erzählen lässt, ist in der Realität oft ein mühsamer Prozess. Auch wenn sich das Gewissen bemerkbar macht, melden sich oft auch viele andere Stimmen zu Wort. Stimmen die behaupten: „Du hast dich entschieden, da gibt es kein Zurück mehr.“ Oder: „Wie peinlich ist das denn, wenn du jetzt doch einknickst?“ Oder: „Wenn du nicht willst, dann willst du eben nicht, du musst dich selbst auch ernst nehmen.“ … Die Wirklichkeit ist häufig gekennzeichnet durch das Ringen um den richtigen Weg. Wie schwer fällt es, auf sein Gewissen zu hören, die Reue über falsche Entscheidungen zu spüren und dann die Größe zur Umkehr zu besitzen?!? Andererseits ist aber auch klar, dass man sich immer tiefer in die Lüge verstrickt, wenn man den falschen Weg fortsetzt und kontinuierlich die Warnungen des Gewissens übergeht.

Die biblische Botschaft des heutigen Tages lautet nicht: Es gibt weder Sackgassen noch Einbahnstraßen auf eurem Lebensweg. Vielmehr gilt uns die Zusage: Umkehr ist möglich.

Und richtig!

Der Prophet Ezechiel schreibt: „Wenn ein Schuldiger von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben.“

Die Wege des Herrn sind unergründlich – manchmal ermutigen sie uns sogar zur Umkehr.

Andreas Egbers-Nankemann

An diesem Sonntag hören wir im Evangelium ein Gleichnis, an dem man sich so richtig abarbeiten kann. In diesem Evangelium hören wir von einem Weinbergbesitzer, der darauf angewiesen ist, Arbeiter*innen für die Weinlese zu gewinnen. Er macht es, wie man es zur Zeit Jesu tat. Er ging auf den Marktplatz und warb Mitarbeiter*innen an. Und als rechtschaffener Mann sprach er mit ihnen ab, was diese verdienen sollte. Im Laufe des Tages benötigte er mehr Arbeiter*innen. Vielleicht bemerkte er, dass die wenigen vom Morgen nicht alles allein schaffen konnten. Und so ging er wieder los, warb Arbeiter*innen an und verhandelte auch mit ihnen einen guten Lohn. Und so verhielt er sich noch ein drittes und ein viertes Mal. Jedes Mal wurde den Arbeiter*innen ein Denar versprochen – das war übrigens damals ein durchschnittlicher bis guter Lohn. Als es an die Auszahlung des Tagelohnes ging erhielten alle das, was ihnen der Weinbergbesitzer versprochen hatte. In diesem Fall einen Denar. Was uns als Leser*innen aufhorchen lässt, ist vielleicht genau das, was die Arbeiter*innen der ersten Stunde auch empört werden lässt. Sie, die seit dem Morgen arbeiten, bekommen genauso viel Lohn, wie die Arbeiter*innen, die erst am Abend, vermutlich so gegen 17.00 Uhr, mit der Arbeit begonnen haben. Die, die dann bereits nach einer Stunde mit der Arbeit fertig sind.

Ungerecht, Betrug, Frechheit, mag mancher denken. Habe ich zumindest gedacht, nachdem ich diesen Bibeltext das erste Mal in meinem Leben so wirklich wahrgenommen habe. Die Arbeiter*innen des Morgens schufften und rackern den ganzen Tag im Weinberg und erhalten genauso viel, wie die, die nur eine Stunde dabei sind. Das kann doch nicht ge-recht sein.

Ist es aber. Zumindest in der Wirklichkeit Gottes. Und ganz ehrlich: Hat nicht jeder erhalten, was ihm versprochen wurde? Niemand hat weniger bekommen, als mit ihm ausgemacht war. Die Arbeiter*innen zeigen das Gefühl der Ungerechtigkeit erst, als der Vergleich möglich ist. „Die anderen haben aber viel weniger gemacht. Ich war doch sooo fleißig. Warum der*die und nicht ich?“ Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie die Gedankengänge waren. Mich erinnern diese Gedanken an Geschwister-Neckereien. Da gibt es die ältesten Geschwister, die häufig sagen: „Meine jüngeren Geschwister hatten’s viel leichter als ich. Ich musste immer alles durchsetzen.“ Und was oft nach Spaß klingt, zeigt vielleicht wirklich ein Gefühl von Benachteiligung. Und die kleinen Geschwister sagen: „Mein großer Bruder hatte es viel besser als ich. Der durfte viel mehr. Der hat immer alles neu bekommen.“ Und wenn man die dazugehörigen Eltern mal befragt, werden diese vielleicht antworten: „Wir haben immer versucht, unseren Kindern das zu geben, was sie benötigen um gut aufwachsen zu können. An der einen Stelle brauchte der*die eine mehr Unterstützung, Hinwendung und Anleitung und in einer anderen Situation der*die andere.“ Und so wie in der Familie ist es doch auch in der Welt. Alle Menschen sind gleich an Würde, aber die Bedürfnisse der Menschen sind sehr unterschiedlich. Gott kennt die Bedürfnisse seiner Menschheit. Die eines jeden einzelnen. Wie im Psalm 139 beschrieben. Ob ich sitze oder stehe, ob ich liege oder gehe, du Gott, weißt um mich. Gott weiß um meine Sorgen, mein Sein, meine Gedanken, meine Freude. Und weil er darum weiß, kann er geben, was ich brauche. Und heute brauche ich vielleicht mehr, auch wenn ich noch gar nicht so viel geleistet habe und morgen benötige ich schon weniger. Dafür bekommt ein*e Andere*r mehr. Das ist nicht ungerecht, sondern das Beste, was jedem Menschen passieren kann.

Andrea Grote

Zwei Brüder leben in inniger Nachbarschaft. Sie arbeiteten miteinander und teilten gemeinsam, was sie ernteten. Alles begann durch ein Missverständnis. Fortan sprechen sie kein Wort mehr miteinander.

Eines Tages klopft ein Fremder an die Tür des einen Bruders. „Ich bin auf der Durchreise. Ich möchte etwas Geld verdienen. Haben Sie vielleicht eine Arbeit für mich?“

„Ich hätte schon Arbeit. Da, auf der anderen Bachseite steht das Haus meines Bruders. Wir leben in Unfrieden. Hinter meinem Haus findest du viele Bruchsteine. Damit sollst du eine hohe Mauer bauen. Ich will meinen Bruder nicht mehr sehen! Leider muss ich jetzt verreisen. In einer Woche bin ich wieder da!“

Als er nach einer Woche zurückkommt, ist der Mann fertig. Doch statt einer Mauer hat er aus den Steinen eine Brücke gebaut.

Da kommt auch schon der ältere Bruder gelaufen: „Was hast du da Wunderbares bauen lassen! Eine Brücke statt einer Mauer!“

Während sie Versöhnung feiern, sucht der Mann seine Sachen zusammen und will weiterziehen. „Bleibe doch bei uns, denn hier ist noch viel Arbeit für Dich!“

Der Mann antwortete „Nein, der Grund ist gelegt. Ich muss noch so viele Brücken bauen!“

Viele kleine Menschen

an vielen kleinen Orten,

die viele kleine Dinge tun,

können das Gesicht der Welt verändern!

Pastor Joachim Dau

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“  der Schlusssatz des heutigen Evangeliums bezieht sich dort auf eine Situation der Auseinandersetzung und des Ringens um den richtigen Weg. Er bezieht sich also zunächst auf eine Situation des alltäglichen Zusammenlebens und nicht auf eine gottesdienstliche Versammlung. Wir beziehen diesen Satz aber in der Regel auf unser Beten und die Feier eines Gottesdienstes.

In kirchlichen Kreisen wird der Satz häufig zitiert, wenn mal wieder nur eine kleine Schar zum Gottesdienst versammelt ist. Dann kommt es eher mit einem tröstlichen Unterton: „ach, kommt, auch wenn wir nur wenige sind, ist Jesus doch unter uns“. Das mag die Gefühlslage gut treffen, blickt aber zunächst aus der falschen Richtung. 2 oder 3 ist zwar deutlich weniger als 50, aber es ist eindeutig mehr als 1. Und darum geht es: es geht um den Aspekt der Gemeinschaft. Überall dort, wo ich nicht alleine bin, bin ich gezwungen, auch auf die Situation und die Bedürfnisse eines anderen zu blicken. Über die heutige Zeit wird oft gesagt, dass ein übertriebener Individualismus ein gesellschaftliches Problem darstellt. Viele Menschen sehen ihre ganz eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten als den Mittelpunkt ihres Denkens. Wie oft musste in den vergangenen Monaten darauf hingewiesen werden, dass z.B. das Tragen von Masken oder bestimmte Einschränkungen des öffentlichen Lebens wichtig zum Schutz für sich selbst und für andere sind. In unseren Gottesdiensten kommt der Gemeinschaftsgedanke ganz stark zum Tragen. In den Fürbitten machen wir uns die Anliegen anderer im Gebet zu eigen. Wir beten das „Vater unser“, nicht das „Vater mein“.

Wir Menschen sind auf Gemeinschaft hin geschaffen. Zwei oder drei können mehr bewirken als eine oder einer. Und diese „zwei oder drei oder auch viel mehr“ dürfen auf die Begleitung durch Jesus vertrauen. Im Alltag, im Gottesdienst, in Krisen und Konflikten, im Nachdenken und Suchen.

Ein Lied von Manfred Siebald, das wir in unserem Liederbuch haben, drückt diese Ausrichtung zum anderen Menschen und zu Gott, sehr schön aus:

Gut, dass wir einander haben, gut, dass wir einander sehn, Sorgen, Freude, Kräfte teilen und auf einem Wege gehen. Gut, dass wir nicht uns nur haben, dass der Kreis sich niemals schließt und dass Gott, von dem wir reden, hier in unserer Mitte ist.

Elisabeth Hunold-Lagies

Im Juli durfte ich im Auftrag des Bistums zu einer Fortbildung fahren, also ein bisschen musste ich auch, aber da ich bereits im ersten Modul viel Wissenswertes für die Tätigkeiten hier in St. Raphael mitnehmen konnte, ist es viel mehr dürfen als müssen. In diesem ersten Fortbildungsmodul haben wir uns mit einigen Texten des Propheten Jeremia beschäftigt, der diverse Male am Volk Israel verzweifelte. Aus den Worten Jeremias entsprang aber auch so viel Hoffnung und Aktualität, dass es fast ein bisschen unheimlich wurde. Das Volk Israel befand sich damals im Babylonischen Exil. Es war versprengt in alle Richtungen und musste sich mit der Situation abfinden. Und noch viel wichtiger, sie mussten irgendwie versuchen ihren Glauben lebendig zu halten, in der Fremde. Da wo so wenige an den Gott glaubten, den sie ihren eigenen nannten. Da wo vieles fremdartig war, Kultur, Sprache, Land, Lebensraum. Und wo eben nicht nur sie waren, sondern noch viele andere. Andere, die anders lebten, die anders glaubten – oder auch gar nicht glaubten. Kommen Ihnen gerade auch heutige Bilder in den Kopf? Bei mir war es so.

Am heutigen Sonntag ist wieder so ein Jeremia-Text in der Leseordnung der katholischen Kirche vorgesehen. Und auch dieser Text ist außergewöhnlich aktuell. Wir lesen oder hören von einem Menschen, der von Gott gepackt, angerührt und ergriffen wurde. Und der gleichzeitig zerrissen scheint, von Anfeindungen in seinem Umfeld, vom Unglauben, der ihn umgibt. Und der am Ende eben doch nicht lassen kann, von diesem Gott, der ihn betört hat und aus dem er letzten Endes auch immer wieder neue Kraft schöpft. Wie schön, von einem zu lesen, der wissen könnte, wie’s mir heute manchmal geht. So zwischen Glaubensträgheit und Diversität – die ich, nebenbei bemerkt, sehr schätze, die aber das Leben auch nicht einfacher macht, zwischen der Trägheit der Kirche, der Trägheit, die es auch in den Gemeinden immer wieder gibt und auch meiner eigenen, wenn ich gerade mal wieder nicht weiß, wo ich denn jetzt am besten anfange. Dr. Katrin Brockmöller, eine der Autor*innen, die die Sonntagslesungen für das Katholische Bibelwerk e.V. auslegt, deutet und Verstehenshilfen für die Leser*innen anbietet (zu finden auf www.bibelwerk.de), trifft es da ziemlich gut:

„Ich bleibe dabei. Mich fasziniert die Botschaft Jesu vom guten Leben für alle, deshalb bin ich bereit, mich in der Kirche und für meine Kirche zu engagieren. Ich ließ mich betören! Ja, ich liebe meine Gemeinde! Gleichzeitig sehe ich all das Lebensfeindliche und leide unter der mangelnden Transparenz im Blick auf die vielen Gewalttaten nicht nur im Blick auf sexuellen Missbrauch, sondern auch geistlich und strukturell. Gewalt und Unterdrückung im Blick auf Frauen, gescheiterte Paare, Menschen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen und Gotteserfahrungen, … Und wenn auch alle sagen, eure Kirche ist nicht zu retten, ich bleibe dabei – um Gottes Willen!“

Diese Worte und Jeremias Worte wirken auf mich wie ein Energieschub. Ein bisschen so wie früher Traubenzucker in der Klassenarbeit. Vielleicht gibt Ihnen und Euch das auch ein bisschen Energie.

Andrea Grote

Für alles gibt es einen Schlüssel: Hausschlüssel, Zimmerschlüssel, Autoschlüssel, den Schlüssel für das Fahrradschloss, den Büroschlüssel, den Schrankschlüssel und so weiter. Wer hat nicht schon einmal einen Schlüssel gesucht und ist dabei richtig fast wahnsinnig geworden? Schlüssel besitzen eine hohe Bedeutung. Wer einen Schlüssel hat, hat Macht. Mit einem Schlüssel entscheide ich, ob ich eine Tür öffne oder sie verschlossen halte; wem ich den Zugang zu meiner Wohnung, meinem Zimmer oder meinem Schatzkästchen erlaube. Und wenn mir mein Schlüssel abhandengekommen ist, dann gerate ich in Panik, denn ich habe nicht mehr die Kontrolle über „mein Reich“.

Wer sich einen Schlüssel geben lässt, übernimmt damit auch Verantwortung. Wann erhält mein Kind einen Hausschlüssel? Wem vertraue ich im Urlaub meine Wohnungsschlüssel an? Oder wer kann sich einen Schlüssel von unserer Kirche aushändigen lassen? Schlüsselgewalt bedeutet Verantwortung.

Manche Menschen tragen auch einen Schlüssel als Anhänger an ihrer Kette. Dieser Schlüssel symbolisiert den Zugang zu ihrem eigenen oder zum Herzen eines geliebten Menschen.

In Bremen findet sich das Symbol Schlüssel sogar im Wappen wieder. Hier ist er eine Anspielung auf den Heiligen Petrus, den Schutzpatron des Bremer Doms und wird bereits seit 1366 im Siegel der Stadt getragen. Der Heilige Petrus und das Symbol Schlüssel gehören zusammen. „Du bist Petrus, dir werde ich die Schlüssel des Himmelreiches geben“ (Mt 16,19), hören wir an diesem Wochenende im Evangelium unserer Gottesdienste. Die Macht und die Verantwortung, die Jesus seinem Jünger Petrus übergeben hat, und das Vertrauen, das er in ihn gesetzt hat, sind von enormer Bedeutung für die Kirche(n) und ihre Oberhäupter, in den Anfängen und auch heute!

Überraschend ähnlich zeigt sich auch das Thema in einem Abschnitt aus dem Buch Jesaja, der ebenfalls an diesem Wochenende gelesen wird: „Ich lege ihm (meinem Knecht Eljakim) die Schlüssel des Hauses David auf die Schulter. Wenn er öffnet, kann niemand schließen.“ (Jes 22,22)

Petrus und Eljakim, zwei biblische Gestalten, in die Gott ein besonderes Vertrauen gesetzt hat, denen er das Volk Israel bzw. die Kirche anvertraut hat. Auch ohne Blick auf die historischen Entwicklungen erscheint mir dieses Zutrauen Gottes wie eine Zumutung, die Schlüssel-Gewalt als Überforderung.

Ich werde nachdenklich und frage mich, ob ich mich auch manchmal von Gott überfordert fühle?

Und: welche Schlüssel hat Gott mir anvertraut? Bin ich als getaufter Christ nicht auch beauftragt, vom Reich Gottes Zeugnis zu geben und so anderen einen Zugang zu eröffnen? Traue ich mir das ernsthaft zu?

Vielleicht kann ein Blick auf die Schlüsselfigur des Volkes Israel Mut machen?! Moses trug am Ende seines Lebens der Versammlung Israels dieses Abschiedslied vor: “Der Herr hütete sein Volk wie seinen Augenstern, wie der Adler, der sein Nest beschützt und über seinen Jungen schwebt.“ (Dtn 32,10)

Moses vergleicht Gott mit einem Adler, der seine Brut das Fliegen lehrt. Der Theologe Huub Oosterhuis erzählt diese Szene mit den Worten: „Gott? Der mich trug auf Adlers Flügeln, der mich hat geworfen in die Weite und als ich kreischend fiel, mich aufgefangen mit den Schwingen und wieder hochwarf, bis dass ich fliegen konnte aus eigener Kraft.“ (aus: Huub Oosterhuis, „Alles für Alle“, S. 193)

Vielleicht kann diese Erfahrung wie ein Schlüssel auch für mein Leben sein:

Ich kann mir selbst vertrauen, weil Gott mir zuerst vertraut hat und mich immer begleitet. ER traut mir etwas zu. ER hat mir den Schlüssel zum Schatzkästchen mit verschiedenen Gaben anvertraut.

Andreas Egbers-Nankemann

„Frau, dein Glaube ist groß“ sagt Jesus zur kanaanäischen Frau im heutigen Sonntagsevangelium. Und das Fest Mariä Himmelfahrt, das am 15. August, also auch an diesem Wochenende, gefeiert wird, verehrt Maria – eine Frau, die sich glaubend auf eine ganz aufregende Wendung in ihrem Leben eingelassen hat.

Einen großen, festen Glauben zu haben ist alles andere als selbstverständlich. Erst am vergangenen Sonntag waren im Evangelium ganz andere Töne zu hören: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ musste sich da ein verängstigter Petrus fragen lassen. Unser Glaube ist Schwankungen ausgesetzt. Persönliches Leid kann ihn erschüttern, Krisen in der Welt stellen vieles in Frage, Zweifel und Fragen können uns zermürben.

Aber die andere Erfahrung gibt es auch: Glauben und Vertrauen setzen ungeahnte Kräfte frei, tragen durch schwere Zeiten und geben uns Halt. Das ist etwas Kostbares. An anderer Stelle können wir im Evangelium von einer „kostbaren Perle“ lesen, die dem Kaufmann, der sie findet, wertvoller als alles erscheint, was er besitzt.

Perlen kennen wir seit Jahrhunderten aus dem Rosenkranz – wir können uns im Gebet „festhalten“.

Ein anderes Modell für „Perlen des Glaubens“ wurde vom schwedischen Bischof Martin Lönnebo 1995 entwickelt: 18 Perlen bilden eine Gebetskette und sind unterschiedlichen Glaubenserfahrungen zugeordnet. Es gibt z.B. die Gottes- und die Ich-Perle, die Perle der Stille oder der Gelassenheit, aber auch die Wüstenperle.

Mir gefällt diese Idee. Perlen – die wir immer mit „wertvoll“ assoziieren – sind Bilder für meinen Glauben. Dieser Glaube setzt sich aus vielen unterschiedlichen Einzelteilen / Perlen zusammen. Kleiner, größer, verschiedenfarbig. Die daraus entstehende Kette kann ich nach draußen sichtbar tragen, im Schmuckkasten verwahren und ab und zu in die Hand nehmen und mich daran festhalten. Und wenn mal etwas reißt: Ketten können auch neu aufgefädelt werden.

Vielleicht haben wir in der nächsten Woche Gelegenheit, ein paar unserer Glaubensperlen mal wieder etwas genauer oder mit einem neuen Blick anzusehen und uns an ihrem Wert zu freuen.

Elisabeth Hunold-Lagies

Stürmische Zeiten für die Jünger – im wirklichen wie im übertragenen Sinne. Die Anhänger Jesu hatten keine starke Lobby in der damaligen Zeit, waren sogar eher der Verfolgung durch herrschende Kreise der Juden, aber auch durch die Staatsmacht ausgesetzt.

Da braucht es schon starke Überzeugungen und einen festen Glauben, um diesem „Gegenwind“ standzuhalten. Das galt damals, das gilt auch heute: Was mache ich eigentlich, wenn die Stürme des alltäglichen Lebens an meinem Boot rütteln? Wie gehe ich mit Herausforderungen wie Krankheit, Tod, Angst um den Arbeitsplatz, zerbrochenen Beziehungen um? Wahrscheinlich möchte ich dann mit Petrus rufen: „Herr, rette mich!“.

Wie sehr bin ich im Glauben „verwurzelt“? Wie stürmisch darf es in meinem Leben zugehen, damit ich nicht den Boden verliere? Was traue ich Gott in meinem Leben zu?

Weiter hilft da nur der Glaubensmut, das Vertrauen, auszusteigen aus den scheinbaren Sicherheiten, neue Wege zu versuchen.

Das gilt auch mit Blick auf unsere Kirche. Verbissene Parolen, alle krampfhaften Versuche, die Lecks im Boot der Kirche abzudichten, helfen nicht; sie sind selber ein Zeichen der Angst und des Kleinglaubens. Was könnte aus unserer Kirche werden, wenn es mehr Menschen gäbe, die aussteigen, die die scheinbare Sicherheit von Kirchenrecht und Kirchenordnung hinter sich lassen, um neue Wege auf Jesus zuzugehen.

Aber das gilt auch für mich persönlich. Auch ich soll neue Wege gehen. Augen zu und weiterrudern, das hilft nicht, das bringt nicht voran. Die Angst bleibt. Es hilft auch nicht die Verdoppelung der Anstrengung, sondern nur das Vertrauen, dass er mich ruft, herausruft aus den vermeintlichen Sicherheiten meines Lebens. Im Vertrauen darauf darf ich aussteigen und dann vielleicht sogar spüren, dass der unsichere Boden unter mir, in mir, mich trägt.

Christian Adolf

Die Perikope von der wunderbaren Brotvermehrung oder den fünf Broten und zwei Fischen begleitet wohl viele von uns seit Kindertagen. Schon so oft gelesen, gehört, meditiert. Und jedes Mal spricht der Text in anderer Weise zu jedem von uns. Von einem Mal vor ein paar Jahren möchte ich Ihnen gerne berichten. Ich war auf der Suche nach einem Videoclip auf youtube. Den, den ich suchte fand ich nicht, aber dafür wurde ich auf einen anderen Clip aufmerksam. Ein junger Mann, einfach gekleidet, offensichtlich aus dem südamerikanischen Raum stammend, spielte auf einer Gitarre. Die Gitarre, und das ließ mich als ab-und-an-Lagerfeuer-Gitarristin aufmerken, sah ziemlich ramponiert aus. Und was das merkwürdigste war: sie hatte nur noch drei Saiten. Unmöglich, einem solchen Instrument irgendwie Schönes zu entlocken. Das hielt den jungen Mann aber nicht davon ab leidenschaftlich in die besagten drei Saiten zu hauen. Er spielte und das, was man zu hören bekam konnte sich schon blicken lassen. Es war wunderschön. Ich lauschte und staunte – wie da aus scheinbar sehr wenig ganz viel wurde.

Ähnlich, wie in der Perikope: Fünftausend Menschen, die sich versammelt hatten und diesem Jesus zuhören wollten. Vielleicht hofften sie ähnlich wie andere auf Heilung. Andere waren vielleicht einfach nur neugierig und wollten mal schauen, was es mit diesem Menschen auf sich hatte. Und am Abend, als der Hunger sich einstellt, musste natürlich etwas zu Essen besorgt werden. Wie sollen fünf Brote und zwei Fische für fünftausend reichen. Scheinbar unmöglich. Und doch, es reichte. Eben diese fünftausend gingen am Ende gesättigt und erfüllt wieder nach Hause. Aus ganz wenig wurde ganz viel. Auch aus scheinbar Geringem kann etwas Wunderbares erwachsen. Aus einem scheinbar ramponierten, kaputten Instrument kann dennoch schöne, unterhaltende, tröstende Musik erklingen. Wenn wir Gott trauen können, kann aus wenigem ganz schön viel werden. Ich wünsche Ihnen viele solcher wunderbaren Momente.

Andrea Grote, Gemeindereferentin

Salomo war noch ein junger Mann, als er zum König von Israel gesalbt wurde.

Als Nachfolger seines Vaters David musste er in große Fußstapfen treten.

Anders als sein Vater, der das Reich durch viele Eroberungen und Kämpfe geformt hatte,

wollte er seinem Namen („Salomo“: von hebräisch „Shalom“ = Friede) Ehre machen,

auf kriegerische Vergrößerungen des Reiches verzichten

und das Land friedlich einen.

Salomo, sei kein Träumer!

Du bist jung.

Du bist unerfahren.

Du bist aufgewachsen in gewalttätigen Zeiten.

Du willst das nicht.

Du willst anders sein.

Du hast hohe Ideale.

Du weißt nicht, ob Du verstanden wirst.

Und Du erlebst Intrigen und Fallen.

In dieser Situation bittest Du dennoch allein

um ein hörendes Herz,

um Unterscheidung von Gut und Böse,

um Einsicht und Weisheit.

Warst Du damals ein Vorbild?

Bist Du heute ein Vorbild?

Bist Du für mich ein Vorbild?

Ich wünsche es mir und deshalb bete ich:

Herr, gib mir den MUT, das zu ändern,

was ich ändern kann!

Gib mir die DEMUT, das anzunehmen,

was ich nicht ändern kann!

Und gib mir die WEISHEIT,

das eine vom anderen zu unterscheiden!

Amen.

Joachim Dau

sämänn
sät aus
auf gute erde
was mag d‘raus werden
ernte?

samen
wächst, gedeiht
verkümmert im boden
was mag d’raus werden
ernte?

Senkorn
so klein
unscheinbar und kraftvoll
wird zum großen Baum
unverhofft

gott
unwirkliche wirklichkeit
bist wirklich da
säst du mit mir
daswird

andrea grote

Dem „Mein Wort bewirkt, was ich will“ ist in der heutigen Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja der Satz „So spricht der Herr“ vorangestellt. Wenn das nur so einfach wäre! Ist es nicht vielmehr so, dass wir zwar eine ganze Reihe von wichtigen Gottesworten (und natürlich auch Jesusworten) kennen, sie aber nicht verinnerlichen oder beherzigen? Sie stoßen nicht automatisch auf fruchtbaren Boden.

Die Schilderung im heutigen Evangelium kommt der Wirklichkeit schon näher. Hier erzählt Jesus das bekannte Gleichnis von einem Sämann, der Samen ausstreut und damit leben muss, dass nur ein Teil der Saat aufgeht und Frucht bringt. Zu viele Risiken sind da: der Boden kann steinig sein oder Vögel können die Samenkörner aufpicken. Im Gleichnis wird der Samen mit dem Wort Gottes verglichen. Es gibt also neben dem selbstverständlichen „mein Wort bewirkt, was ich will“ auch die Möglichkeit, dass das nicht oder nur zum Teil gelingt.

Wir selber können das Bild des Sämanns benutzen, um zu verstehen, was unser eigenes Sprechen mitunter schwierig macht. Wir können Worte aussäen, haben aber keine Garantie, dass sie auf fruchtbaren Boden fallen. Sollen wir deshalb auf das Aussäen verzichten? Natürlich nicht. Schließlich enthält der Samen die zukünftige Frucht oder zumindest das Potential dafür.

Wir können versuchen, dem Samen, unserem ausgesäten Wort, möglichst gute Bedingungen zu verschaffen. Nicht jeder Zeitpunkt, nicht jede Umgebung ist geeignet für ein wichtiges Gespräch. Das Gesagte kann durch zu viel Ablenkendes untergehen. Worte brauchen Zeit, um sich zu entfalten. Ich kann nicht erwarten, dass alles sofort verstanden oder in die Tat umgesetzt wird; Geduld ist gefragt. Der keimende Samen braucht Nahrung; vielleicht ist meine Lebenserfahrung eine wichtige Ergänzung zum Gesagten. Und zu guter Letzt brauche ich Vertrauen. Ich bin nicht alleine dafür zuständig, dass das, was ich säe, so wächst, wie es meinen Vorstellungen entspricht. Dafür braucht es andere Menschen, mit denen ich im Austausch bin und die ihrerseits Worte aussäen und auf Frucht hoffen. Und dafür braucht es den, der sein Wort in unsere Welt gibt, der uns Menschen, seinen Geschöpfen, zutraut, reiche Frucht zu bringen – nicht immer, nicht sofort, nicht perfekt, aber „hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.“

Elisabeth Hunold-Lagies

„Kommt alle zu mir, die ihr geplagt und beladen seid!“ – Wer könnte da nicht etwas mitbringen an Last, an Fragen, an Müdigkeit oder Unruhe. Es gibt eben kein Leben, in dem alles glatt läuft. Brüche, Umwege, Enttäuschungen gehören dazu, auch wenn wir sie vielleicht nicht gerne anschauen oder gegenüber den Menschen in unserer Umgebung gerne die Fassade wahren wollen.

Wer bräuchte nicht zwischendrin mal ein tröstendes Wort, eine aufrichtende Geste? Wahrscheinlich nur die Menschen, die glauben, alles selbst im Griff zu haben. Sie meinen, alles selbst schaffen zu können. Aber lässt sich alles planen, organisieren, vorhersagen?

Jesus kommt, um diese Lasten und Belastungen abzunehmen: Die Last der alltäglichen Anforderungen und Ansprüche, die Last des Lebens mit seinen Narben, Brüchen und Enttäuschungen, vielleicht sogar die Last eines Bildes von Gott, das von Angst und Vergeltung geprägt ist.

Jesus nimmt die Menschen an, wie sie sind, mit allem, was auch unvollkommen ist. Er schenkt Ruhe, keine Friedhofsruhe, sondern Vollendung des Lebens. Damit ist das heutige Evangelium ein lösendes und erlösendes Wort für uns alle. Jesus will uns befreien von aller übersteigerten Selbstrechtfertigung, vom krankhaften Leistungsdenken im Alltag aber auch im Glauben. Wir müssen uns nicht erst beweisen, um jemand zu sein.

Diese Annahme darf uns gelassener machen im Umgang mit den eigenen Nöten und Sorgen. Wir dürfen vertrauensvoll durch unser Leben gehen, auch und gerade dann, wenn unser Leben zu scheitern und zu zerbrechen droht. Gott wird auch die Scherben unseres Lebens aufnehmen und sie wieder zusammenfügen, damit daraus etwas Ganzes wird.

Mit diesem Vertrauen werden wir auch selbst zu Menschen, bei denen andere ihre Lasten ohne Angst ablegen können.

Christian Adolf

Zugegeben, so ganz einfach kommt der Evangeliumstext vom heutigen 13. Sonntag im Jahreskreis nicht daher. Nur weil ich Vater, Mutter, die eigenen Kinder mehr liebe als Jesus Christus, soll ich seiner nicht mehr wert sein? Das scheint ganz schön hoch gegriffen und mein erster Impuls geht dahin zu sagen: Ok, dann wohl ohne mich. Aber auch bei diesem biblischen Text lohnt es sich, weiter zu lesen und weiter zu denken, um vielleicht über die erste Empörung oder Unverständlichkeit hinaus zu kommen.

Die ersten Worte erschrecken, aber zum Ende hin wird ein Lohn in Aussicht gestellt. Wie dieser aussieht bleibt verborgen, aber man darf davon ausgehen, dass es jedem einzelnen Menschen angemessen sein wird. Die Aussage hinter dem Text könnte sein: „Stell Dich darauf ein, dass Christus-Nachfolge kein Spaziergang ist, dass sie Dich herausfordern, hinterfragen, vielleicht zweifeln lässt, aber stell Dich ebenso darauf ein, dass es Dein Leben bereichern wird.“ Vielleicht haben Sie in ihrem Leben bereits negative Erfahrungen gemacht, weil Sie im beruflichen oder privaten Kontext für Ihr christliches Engagement oder Ihre Zugehörigkeit zur katholischen Kirche angefragt, vielleicht sogar verurteilt wurden. Und vielleicht können Sie ebenso von der positiven Seite des Glaubens berichten, wo Ihnen unverhofft etwas Gutes zukam, wo Ihnen etwas geschenkt wurde, was so gar nicht zu erwarten war. Lassen Sie sich vom Abenteuer Glauben überraschen. Gewiss werden Sie nicht um Ihren Lohn kommen.

Und auch an diesem Wochenende wird wieder ein kleines Give-Away im Gottesdienst ausgegeben: ein schokoladiger Goldtaler.

Bleiben Sie behütet!

Andrea Grote

…und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“

Spontan dachte ich bei diesem Satz an Medien- und Presse-Arbeit, an den sogenannten Enthüllungsjournalismus, der aufdeckt, was manchmal mit großem Aufwand über lange Zeit sehr erfolgreich vertuscht worden ist. Dies kann alle Bereiche menschlichen Wirkens betreffen: die Politik, die Wirtschaft, das Show-Business, den Sport und auch  die Kirche.

Und wer einen Skandal aufdeckt, der wird nicht von allen für sein Engagement und seine “Wahrheitsliebe“ geachtet. Wer Unrecht und Ungerechtigkeit ans Licht bringt und die Verantwortlichen beim Namen nennt, der muss häufig um seine Existenz, ja sogar um sein Leben fürchten.

„Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“

In diesem Sinn kann der Satz als Warnung an alle verstanden werden, die meinen, Sie könnten die Wahrheit unterdrücken und schwerwiegende Fehler verschweigen.

Er lässt sich aber auch auf den sehr persönlichen Bereich, auf die dunklen Seiten in den Familiengeschichten übertragen. In der Zeitschrift „Publik-Forum“ las ich kürzlich einen bewegenden Artikel über dunkle Geheimnisse, schambehaftete Ereignisse in Familien, die tabuisiert sind und einfach totgeschwiegen werden. Doch dieses Verschweigen enthält eine zerstörerische Kraft, dunkle Geheimnisse können sich massiv auf die Psyche einzelner Familienmitglieder und die Beziehungen untereinander auswirken. In dem Artikel beschreibt ein Betroffener, wie bedrückend die Lüge, das unausgesprochene Schweigegelübde ist und wie befreiend und heilsam er das Aufdecken der Wahrheit erlebt hat.

„Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“

Dieser Satz kann auch als Ermutigung verstanden werden, sich trotz aller Angst und Scham mit schuldhaftem Versagen und peinlichen Fehlern auseinanderzusetzen und sich auszusöhnen; egal ob dies einem selbst widerfahren ist oder ob es in der Verantwortung von Eltern oder Großeltern liegt.

Wir hören den Satz an diesem Wochenende als Vers des Sonntags-Evangeliums (Mt 10,26). Dabei geht es Jesus weder um vertuschte Skandale noch um dunkle Familiengeheimnisse. Ihm geht es um das Wort Gottes, die Frohe Botschaft: Er ist in die Welt gekommen, um als Sohn Gottes von der Wahrheit Zeugnis zu geben. Er selbst ist die Wahrheit. „Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen“ (Mt 10,32). Das Bekenntnis zu Jesus Christus ist das Bekenntnis zu einem Leben in Wahrheit und Gerechtigkeit. Der Glaube an Jesus als den Erlöser, Retter und Heiland will zu einem Leben in Wahrheit ermutigen.  Der Glaube kann befähigen, Verborgenes bekannt zu machen, sich Unrecht entgegenzustellen, Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen und schuldhaftes Versagen einzugestehen.

Symbolisch sind alle Mitfeiernden der Gottesdienste an diesem Wochenende eingeladen, ein „verborgenes“ Licht mit nach Hause zu nehmen und es durch Knicken zum Leuchten zu bringen.

Andreas Egbers-Nankemann

Gute Frage. Die Gottesdienstbesucher*innen von St. Raphael werden sie an diesem Wochenende schriftlich mit auf den Heimweg bekommen, aber natürlich können alle, die das Evangelium dieses Sonntags (Mt 9,36 – 10,8) lesen oder hören, sie sich stellen.

Worum geht es? Jesus sieht viele erschöpfte Menschen und sie tun ihm leid. Er beauftragt seine Jünger, zu diesen Menschen zu gehen, sie zu heilen und unreine Geister auszutreiben, weiß aber auch, dass es, bildlich gesprochen, nur wenige Arbeiter für die große Ernte gibt. Im Text folgt dann die Aufzählung der Namen der Jünger.

Im Umgang mit biblischen Texten geübte Menschen wissen, dass es nicht nur um die Nacherzählung einer Begebenheit geht, sondern dass auch wir irgendwie immer mit betroffen sind.

Ein paar Gedankensplitter:

  • Wenn Jesus Menschen in seine Nachfolge ruft (ob damals die Jünger oder heute uns) oder ihnen wie hier im Text einen Auftrag gibt, ist dies immer etwas sehr Persönliches. Andernfalls wäre die Aufzählung der Jüngernamen überflüssig. Nicht irgendjemand, sondern ein konkreter Mensch ist gemeint.
  • Die oben gestellte Frage „Warum bin ich gesendet“ kann mit unterschiedlichen Betonungen gelesen werden. „Warum ausgerechnet ich und nicht andere“ könnte eine Lesart sein. Warum ich? Sollen doch die anderen! Es sind genug da. Ich hab keine Lust, keine Zeit.
  • Eine andere Lesart könnte sein: „Warum werde ich ausgesucht, warum wird mir zugetraut, diesen Auftrag der Sendung zu erfüllen?“ Da muss es doch etwas geben, eine Fähigkeit, eine Eigenschaft, die für diese Aufgabe wertvoll sein kann. Vielleicht etwas, das mir noch gar nicht so bewusst ist. Dann ist dieser Auftrag nicht in erster Linie lästig, sondern positiv herausfordernd.
  • Die Jünger werden gesendet zu den Menschen, mitten in die Welt hinein. Nachfolge Jesu spielt sich nicht im stillen Kämmerlein ab, Nachfolge Jesu ist nicht geprägt durch Passivität. Nachfolge Jesu wird gelebt von Menschen, die bereit sind, sich als konkrete Person rufen zu lassen, die ihren je eigenen Fähigkeiten vertrauen und die sich in Bewegung setzen.

Warum bin ich, bist du, sind Sie gesendet?

Elisabeth Hunold-Lagies

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ – eine äußerst geläufige Formel einerseits und Ausdruck eines komplizierten theologischen Sachverhalts andererseits.

Gott ist nicht einfach Gott. Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist. Aber auch das reicht ja nicht. Denn er ist ja auch noch Schöpfer, Retter, Burg, Fels, Helfer, Hirte… Wir können noch so viele Namen aufzählen, wir werden nicht fertig bzw. wir werden Gott nicht umfassend benennen können.

Eigentlich ist uns das aus unserem menschlichen Zusammenleben gar nicht so fremd. Ich trage einen Namen. Sagt der alles über mich aus? Natürlich nicht. Ich bin Ehefrau, Mutter, Kollegin, Nachbarin und vieles mehr. Jede Person, die mit mir zu tun hat, wird aus dem eigenen Blickwinkel etwas über mich aussagen können. Jede dieser Aussagen hat ihre Berechtigung, aber keine ist wirklich vollständig. Wenn das schon bei uns Menschen so komplex ist, wie viel mehr dann bei Gott.

Eine wichtige Beobachtung: all die Bezeichnungen im vorigen Absatz haben etwas mit Beziehung zu tun. Sie beschreiben, was ich für jemanden bin, in welcher Beziehung ich zu ihm oder ihr stehe. Und wie ist es mit Gott? Auch hier geht es in den vielen Namen für ihn um den Versuch auszudrücken, in welcher Beziehung Gott zu mir steht / ich zu ihm stehe. Bei einer lebendigen Gottesbeziehung ist es doch so, dass im Laufe meines Lebens – auch meines Glaubenslebens – jeweils unterschiedliche Aspekte im Vordergrund stehen. Ich fühle mich geborgen und gehalten in der väterlichen (und mütterlichen) Fürsorge und bestaune seine Größe; ich brauche die konkreten, so menschlichen Erfahrungen, von denen der Sohn Jesus etwa in den Gleichnissen erzählt; ich spüre belebende, überraschende Wendungen in meinem Denken und weiß manchmal gar nicht genau, woher sie kommen.

Kurz: ich erlebe, dass Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist mich umgibt, hält und trägt von allen Seiten, an allen Tagen, in den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Ich selber kann mich diesem Geheimnis annähern, aber werde es nie ganz erfassen. Ich glaube, dass die verschiedenen Seiten Gottes unlösbar und geheimnisvoll miteinander verbunden sind.

Zum Schluss ganz alte Worte des armenischen Mönchs und Heiligen Mesrop Maschtoz (360 – 440):

„Die Sonne ist nicht ohne Licht und Wärme, die Quelle nicht ohne Wasser und Wegfluss,

der Verstand nicht ohne Wort und Geist. So war auch der Vater nie ohne den Sohn und den Heiligen Geist.“ 

Elisabeth Hunold-Lagies

Der diesjährige Ökumenische Gottesdienst am Pfingstmontag auf dem Gelände des Klinikums Ost musste abgesagt werden. Wie angekündigt, folgen hier Gedanken des Vorbereitungsteams rund um diesen Anlass, im Anschluss ein Gebet des Ökumeneteams des Bistums Osnabrück.

Vor 20 Jahren, am 30. Mai 2000, wurde auf dem Gelände des Klinikums Ost der „Irrstern“ der Künstlerin Marikke Heinz-Hoek zur Erinnerung an die Opfer der NS-Psychiatrie in Bremen eingeweiht. Die Erinnerung an dieses Kapitel Bremer Krankenhausgeschichte wird seit 1995 auch in einer Dauerausstellung des Krankenhausmuseums wachgehalten.

Das Wegsperren von Menschen mit psychischen Erkrankungen, in vielen Fällen mit tödlichem Ausgang, ist ein schweres Verbrechen in der NS-Zeit gewesen. Das Thema tritt in der Wahrnehmung oft neben den Verbrechen an Juden in den Hintergrund.

Aufgrund der zeitlichen Nähe des Pfingstmontags am 1. Juni zum Gedenktag am 30. Mai war der Gedanke bei der Vorbereitung des geplanten Ökumenischen Gottesdienstes, die Botschaft des Mahnmals mit einfließen zu lassen.

Ein erster Arbeitstitel entstand: „Gottes Geist aushalten“ – zunächst noch mit dem Zusatz „und einander“. Das Wegsperren oder zumindest Nicht-zur-Kenntnis-nehmen von Menschen, die „anders“ sind, ist ja kein einmaliges Geschehen der NS-Zeit. Es ist für ganz viele Menschen, auch für solche, die sich mit Selbstverständlichkeit christlich nennen, eine gängige Praxis, gründlich zu sortieren zwischen Menschen, die „normal“ und „in Ordnung“ sind und deshalb dazugehören dürfen und solchen, bei denen das nicht der Fall ist. Andersartigkeit wird schwer ausgehalten und sehr häufig bewertet.

Dem setzen biblische Texte eine klare Botschaft entgegen. Im ersten Korintherbrief (1 Kor 12,13) formuliert Paulus: „Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.“ Und bei der Betrachtung des Körpers heißt es etwas weiter (diesmal in der Übersetzung der `Bibel in gerechter Sprache‘): „Nein! Gerade auf die Körperteile, die unbedeutender zu sein scheinen, kommt es an. Den Körperteilen, die wir für weniger beachtenswert halten, lassen wir besondere Achtung zukommen…“

Der Geist hat Gaben im Gepäck – er kann trösten, ermutigen, stärken, heilen. Er hat aber auch Zumutungen im Gepäck – er kann korrigieren, provozieren, herausfordern, in Frage stellen. Die Menschen in meiner Umgebung mögen anders sein als ich, anders denken und handeln oder andere Fähigkeiten haben als ich. Sie sind aber nicht unbedeutender (oder umgekehrt) als ich. Sie gehören zu einem Ganzen, „zu einem Leib“, wie es Paulus formuliert.

In diesen Wochen prägen andere Themen unser Leben. Die Corona-Pandemie war über Wochen fast das einzige Thema in Nachrichten und Zeitungen und in den Gesprächen der Menschen. Vielleicht hätten wir vor diesem Hintergrund eher den Titel „Gottes Geist vertrauen“ gewählt, weil wir uns verunsichert und ratlos fühlen mit Sorgen in die Zukunft blicken.

Wenn wir uns nach danach sehnen, gestärkt und aufgerichtet zu werden, dürfen wir nicht vergessen, dass diese Sehnsucht etwas ist, was Menschen verbindet und vereint. Es ist gut und richtig, darum zu beten, dass der Heilige Geist uns stärken möge. Es ist gut und richtig, nach Zeichen der Hoffnung zu suchen und sich gegenseitig zu unterstützen. Es ist gut und richtig, am Pfingstfest an vielen Orten und in ökumenischer Verbundenheit zu beten. Es ist aber genauso gut und nicht nur richtig, sondern wichtig, sich klar zu machen, dass Gottes Geist den anderen, den „Komischen“ und „Eigenartigen“ genauso zugewandt ist.

Elisabeth Hunold-Lagies 

Das Ökumeneteam des Bistums Osnabrück hat das folgende Gebet verfasst, das die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Niedersachsen an viele Gemeinden geschickt hat in der Hoffnung, auf diesem Weg eine ökumenische Verbundenheit am Pfingstmontag zu stärken:

Gnädiger Gott,

du sendest deinen Geist aus – und du erneuerst das Antlitz der Erde.

In diesem Glauben sind wir verbunden, die wir an unterschiedlichen Orten zu dir beten.

Wir bitten dich:

Sende deinen Geist der Hoffnung, wo uns Sorgen und Ängste umtreiben.

Sende deinen Geist des Vertrauens, wo Krankheit und Tod herrschen.

Sende deinen Geist der Stärke, wo Geduld und Langmut nötig sind.

Sende deinen Geist der Weisheit, wo wir umsichtige Entscheidungen treffen müssen.

Sende deinen Geist der Achtsamkeit, wo uns Dankbarkeit und Respekt fehlen.

Sende deinen Geist der Glaubenskraft, wo wir im Zweifel stecken bleiben.

Sende deinen Geist der Gemeinschaft, wo Distanz und Einsamkeit unseren Alltag prägen.

 

Du Gott des Lebens,

wir sehnen uns nach einem kräftigen Brausen und frischer Kraft!

Segne uns mit deinen vielfältigen Gaben.

Lass uns in dieser Vielfalt gemeinsam wachsen und zur Einheit finden

Im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe.

Amen.

„Komm, Schöpfer Geist“ – diese ersten Worte aus dem bekannten Pfingsthymnus machen Wesentliches des Pfingstfestes deutlich. Wenn ich das Wort „Schöpfer“ höre, klingen sofort andere Wörter mit: Anfang, Entwicklung, Gestaltung, Kreativität, etwas Neues, das vorher noch nicht da war.

Der Heilige Geist mit seinen sieben Gaben Weisheit, Einsicht, Erkenntnis, Stärke, Rat, Gottesfurcht und Frömmigkeit sorgt immer wieder für Bewegung und Überraschung. Auf einmal verstehen sich Menschen, die ganz verschiedene Sprachen sprechen oder es setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Glaube an Jesus kein „Exklusivrecht“ ist.

Nicht nur diese Beispiele, die auf biblische Erzählungen aus der Apostelgeschichte zurückgehen, gehören hierher. Genauso gehört in diesem Zusammenhang erwähnt, dass wir wohl alle schon einmal Momente erlebt haben, in denen uns plötzlich ein ganz neuer Gedanke kommt (ein „Blitzlicht“), der uns in einer verfahrenen Situation hilft. Oder wir sehen den ungeliebten Kollegen auf einmal in ganz neuem Licht. Oder wir trauen uns etwas zu, von dem wir vorher immer behauptet haben: das kriege ich ja doch nicht hin. Eine endlose Diskussion bekommt auf einmal eine Wendung, weil jemand eine überraschende Idee hat.

Das sind pfingstliche Erfahrungen. Menschen geraten in Bewegung, entweder in ihrem Denken oder in ihrem Tun. Das, was sie tun, bekommt neue Energie und neuen Schwung. Be-Geist-erung.

Der Geist Gottes wird auch als „Ruach“, als Hauch oder Atem, bezeichnet. Auch hier kommt durch das Wort das Lebendige zum Ausdruck. Ein bekanntes neueres Pfingstlied (im Gotteslob die Nummer 346) hat den Kehrvers:

Atme in uns, Heiliger Geist, brenne in uns, Heiliger Geist,

wirke in uns, Heiliger Geist, Atem Gottes, komm!

Uns allen wünsche ich begeisternde Momente!

Elisabeth Hunold-Lagies

„Sie verharrten einmütig im Gebet“ – So endet die heutige erste Lesung aus der Apostelgeschichte. Nachdem Jesus in den Himmel aufgefahren ist, sind die Apostel jetzt aufgerufen, den neuen Weg selbständig weiter zu gehen. Es klingt ein wenig einsam, wenn man im Bibeltext liest „Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben (…).“ Dennoch: Alle sind versammelt, in einem Raum, im Obergemach, dort beten sie. Vielleicht um neue Wege zu finden, wie sie nun die Idee Jesu weitergehen können, wo er nicht mehr bei Ihnen ist. Sie sind Männer und Frauen, sie sind zuhause, sind bei einander.

Ich finde mich in diesen Personen sehr gut wieder. Ich durfte in den vergangenen Wochen erfahren, wie schwer es ist allein zu glauben. Nicht, dass Gott auf einmal weg wäre, aber mir gelingt Glauben, Austausch und Gebet in Gemeinschaft besser. Das muss nicht einmal gleich die große Gottesdienst-Gemeinde sein. Da reicht ein Mensch, der mit mir zusammen betet, schweigt, einen Blick in die Ferne wirft.

Möglicherweise kennen Sie diese Gedanken auch? Dann können vielleicht die Impulse hilfreich sein, die Sie nun hier auf unserer Homepage für einen Gottesdienst oder eine Andacht zuhause finden. Sie sind vom Bistum Hildesheim vorbereitet und geben Einzelpersonen, kleinen Gruppen und Familien Anregungen für das einmütige Gebet zuhause.

Ihnen allen eine gesegnete Woche,

Andrea Grote

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ Wir haben diese Frage aus der Apostelgeschichte wahrscheinlich schon so oft gehört, dass sie uns kaum noch befremdet. Ausgerechnet am Fest Christi Himmelfahrt soll der Blick nicht nach oben, in den Himmel gehen?

Der ausschließliche Blick nach oben lässt die Wirklichkeit, die uns umgibt, außer Acht. Der ausschließliche Blick nach oben wäre für die Jünger gleichzeitig ein Blick zurück: „Ach, das waren noch Zeiten, als Jesus unter uns war und uns sagte, was zu tun ist.“

Das Fest Christi Himmelfahrt wird genau 40 Tage nach Ostern gefeiert. Die Zahl 40 hat in der Bibel eine besondere Bedeutung: 40 Jahre wanderte das Volk Israel durch die Wüste, 40 Tage fastete Jesus in der Wüste. Nach 40 Tagen beginnt etwas Neues. Nach der Phase, in der Jesus den Jüngern nach seiner Auferstehung erschien, in der er sie auch gedanklich darauf vorbereitete, dass sie ohne ihn zurechtkommen müssen, sind sie nun aufgefordert zu handeln und eigene Entscheidungen zu treffen. Das mögen sie als Zumutung empfinden. Es ist aber auch eine Ermutigung; dieses Handeln wird ihnen nicht nur zugemutet, sondern auch zugetraut.

Die Nachfolge Jesu bewährt sich im Alltag, im konkreten Tun, im genauen Blick auf unsere Umgebung. Der evangelische Theologe Jörg Zink hat einmal sehr klar formuliert: „Wer nicht weiß, was er beten soll, lese die Zeitung.“ Auch hier: ganz konkret, gegenwärtig, erdverbunden. Mal den Blickwinkel zu verändern, ist grundsätzlich hilfreich – nicht nur bei der Frage „oben“ oder „unten“. Unverwandt immer nur in eine Richtung zu schauen zeugt von Unbeweglichkeit im Wahrnehmen, Denken, Beurteilen und schließlich auch im Handeln.

Und wenn wir so in verschiedene Richtungen schauen, werden wir feststellen, dass es die klare Trennung von oben und unten gar nicht gibt, dass der Himmel nicht nur weit weg ist. Ein auch uns gut bekanntes Lied formuliert es so: „Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns“ (Gl 873)

Elisabeth Hunold-Lagies

An diesem Wochenende – dem 6. Ostersonntag – werden wir nach vielen Wochen zum ersten Mal wieder Gottesdienst feiern. Ein großer Teil der Fastenzeit, die Kar- und Ostertage, die ersten Ostersonntage: alles ohne „richtige“ Gottesdienste. Wir werden in den Gottesdiensten nicht das Evangelium vom Tage vorlesen, sondern das Emmausevangelium, das wir normalerweise am Ostermontag hören.

Dieses Evangelium passt deshalb gut, weil es ein „Wegetext“ ist. Die beiden Jünger gehen einen längeren Weg. Sie sind niedergeschlagen, verunsichert, verzweifelt und merken erst am Ende des Weges, wer da als Begleiter mit ihnen unterwegs war. In Bezug auf diese Gefühlslage trifft der Text wohl ganz gut unsere eigene gegenwärtige Situation.

In verschiedenen Ostererzählungen begegnen wir ähnlich verunsicherten Menschen. Ihr Alltag hat sich radikal verändert. Der Mann, mit dem sie die letzten Jahre verbracht haben, Jesus, ist nicht mehr da. Sie sind verängstigt, verriegeln ihre Türen, machen sich niedergeschlagen auf den Weg in ihr altes Dorf, versuchen sich vorsichtig an ihren Alltag als Fischer wieder heranzutasten. Nichts ist mehr wie vorher. Und dann machen sie die Erfahrung, dass dieser Jesus doch noch da ist – anders als vorher, nicht wirklich zu erkennen, aber so, dass sie sich erinnern an gemeinsam Erlebtes, an den Auftrag, den sie haben, an ihre Ressourcen. Sie erkennen, dass ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Darauf müssen sie sich einlassen, indem sie zu Veränderungen bereit sind. Sie betreten neue Lebensräume.

Und hier haben wir den Bogen zu den eigentlich vorgesehenen biblischen Texten dieses Sonntags. Gegen Ende der Osterzeit hören wir davon, wie Jesus seine Jünger darauf vorbereitet, dass sie ohne ihn auskommen müssen. Zumindest sichtbar, physisch wird er nicht mehr bei ihnen sein. Aber er verspricht in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums (am heutigen Sonntag ist es der Abschnitt Joh 14, 15 – 21), seinen Vater um einen Beistand für die Jünger zu bitten. Er kündigt den „Geist der Wahrheit“ an; er verspricht, dass durch das Band der Liebe die Verbindung zu ihm und seinem Vater bestehen bleibt.

Der heutige musikalische Gruß ist der alte Pfingsthymnus „Komm, Heilger Geist, der Leben schafft“. In einer Strophe heißt es: „Komm Tröster, der die Herzen lenkt, du Beistand, den der Vater schenkt; aus dir strömt Leben, Licht und Glut, du gibst uns Schwachen Kraft und Mut.“

Das ist unsere Bitte: Trost, Kraft und Mut zu erfahren, sich gestärkt fühlen durch die Gottesdienstgemeinde, aber auch durch viele andere Formen des Verbundenseins und auf Gottes Begleitung zu vertrauen – auch da, wo sie nicht sofort erkannt wird.

Elisabeth Hunold-Lagies

„Gut gemacht, Mama. Ich bin toll geworden!“ So stand’s in einer Werbe-E-Mail, die auf das Angebot von Postkarten zum Muttertag hinwies. Ich musste über diese Karte etwas schmunzeln. Vielleicht müsste die Karte im Moment auch lauten: „Gut gemacht, Mamas! Ihr macht das toll!“ – gerade in dieser schweren Zeit, die mal wieder zeigt, dass insbesondere auf den Frauen eine hohe Belastung liegt. Und von den wenigsten höre ich Klagen. Die Frauen, die ich im privaten und dienstlichen Umfeld persönlich erlebe, gehen mit einem hohen Maß an Pragmatismus an die Bewältigung der Situation: Homeoffice, Dienst im Krankenhaus, Arbeiten als Reinigungskraft, Einsatz in der ambulanten Pflege, im Supermarkt, im Kindergarten, in der Telefonseelsorge und nahezu nebenbei Pflege von Angehörigen, die Betreuung der Kinder, Enkelkinder und manchmal sogar Urenkel im Kleinkind-, Schul- und Teeniealter. Nicht selten sind diese Frauen es, die das Leben der Familie zusammenhalten.

Dass sie damit einem ziemlich prominenten Beispiel alle Ehre machen ist umso schöner: Maria, die junge Frau, die keine Angst hat, den völlig verrückten Auftrag Gottes anzunehmen und seinen Sohn zur Welt zu bringen. Ich gebe zu, ich habe mit Maria immer wieder meine Schwierigkeiten. Das in der Kirche tradierte Bild einer Maria, die scheinbar naiv zu allem Ja und Amen sagt und die auf einem Sockel sitzt, den ich mich kaum zu berühren traue. Ja, damit tue ich mich schwer. Der Maria, der ich mit dem Anzünden einer Kerze in der Kirche meine Sorgen und Bitten anvertrauen kann, der fühle ich mich deutlich näher; ebenso der Maria, die so manche Konvention bricht und fast schon rebellisch den Willen Gottes auf Erden verwirklichen will. Als solche ist sie Vorbild für starke Frauen im Hier und Heute, die ihren Weg gehen und die sich ganz und gar dem Leben stellen.

Allen Müttern, Großmüttern und Urgroßmüttern einen schönen Muttertag!

Herzlich,
Andrea Grote,

hör mal
maria

ich glaube
du kennst das

ahnen und hoffen
angst und bange sein

sich trauen und doch
fragen und zweifeln

nicht wissen und doch
ja sagen

zu anfang und neubeginn
zu abschied und lassen

ich glaube
du kennst das

ob du wohl
mitgehen magst

aus: Schwarz, Andrea (2016): Eigentlich ist Maria ganz anders. Freiburg im Breisgau: Herder, S.29.

Der 4. Ostersonntag wird auch der „Sonntag des guten Hirten“ genannt. Im Evangelium lesen wir einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium. Es geht in diesem Text um das Verhältnis des Hirten zu seinen Schafen, aber es begegnet uns noch ein weiteres der sogenannten „Ich-bin-Worte“ Jesu – Bildworte, in denen Jesus sich selbst beschreibt. Besser gesagt, in denen Jesus beschreibt, was er für die Menschen bedeuten kann. Und so lesen wir: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.“

Die Tür – ein ganz konkretes Bild; für jede und jeden verständlich. Tagtäglich begegnen uns Türen; sie verschaffen uns Zutritt zu Häusern und Räumen oder schützen uns vor Kälte, Lärm oder ungebetenen Besuchern. Voraussetzung für eine offene Tür ist entweder, dass ich einen Schlüssel habe oder dass jemand mir die Tür öffnet. Beide Voraussetzungen machen aus mir einen Menschen, der – als Inhaber eines Schlüssels – berechtigt ist, hineinzugehen oder jemanden, der erwartet wird und willkommen ist. Beruhigende Vorstellungen: ich darf kommen, ich bin berechtigt zu verweilen, ich bin willkommen. Und es geht noch weiter: wenn ich hineingehe, habe ich eine Perspektive – „wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden.“ Und dann? Schnell Tür zu und sich ein-igeln im sicheren Raum?

Gewiss nicht. Ganz wichtig an diesem Bildwort ist die Weiterführung „er wird ein- und ausgehen“. Die Möglichkeit des Kommens und Gehens ist eine Voraussetzung für Freiheit. Das Positive des geschützten Raumes, der sicher verschlossen ist, ist nur gültig, wenn ich diesen Schutz suche und brauche. Der geschützte Raum kann zum Gefängnis werden, wenn ich ihn nicht aus eigenem Antrieb verlassen kann oder darf.

Eine Tür ist für uns Menschen nur dann wertvoll und richtig, wenn sie nach Bedarf offen oder geschlossen ist. Sie soll mich weder ein- noch aussperren, sie verbindet meine innere und meine äußere Welt. Als eine solche Tür bietet sich Jesus an. Das Bild lädt mich aber auch selber ein, darüber nachzudenken, wem ich in meinem Leben und durch mein Verhalten Türen öffne und verschließe.

Elisabeth Hunold-Lagies

Nun schreiben wir schon den dritten Sonntag der Osterzeit. Die Einschränkungen, die uns die Corona-Pandemie auferlegt sind immer noch da. Und auch wenn seit Beginn dieser Woche Lockerungen für einige Geschäfte gelten, bleibt vieles eingeschränkt und begrenzt. Und es wird zunehmend klarer, dass Corona nicht eine kleine Episode im Frühjahr 2020 ist, sondern uns noch eine lange Weile begleiten wird. Ich kann dieser Zeit mitunter wohl Positives abgewinnen und das schon genießen, aber die Herausforderungen bedrängen auch mich sehr. Ich habe weitaus mehr Fragen als Antworten. In mir herrscht Unruhe über das, was das Corona-Virus mit den Menschen, mit der Gesellschaft, mit der Kirche macht. Ich werde traurig, wenn ich an all die denke, die in ihrer Existenz direkt und indirekt durch das Virus bedroht sind. Ich fühle mich hilflos, wenn ich daran denke, was eigentlich alles zu tun wäre. Ich habe Angst davor, dass Menschen in meinem Umfeld schwer erkranken. Ich vermisse so viele Menschen in der nahen und weiten Umgebung, Freunde und Familie. So viele Gefühle, die in mir sind und die sich in dieser Situation ansammeln und die ich nur selten loswerde. Vielleicht kennen Sie das auch.

Wie kann es also weitergehen? Segen drauf und alles wieder gut? Wohl eher nicht. Das wäre mir zu einfach. Am Horizont blitzt ein wenig Zuversicht auf wenn ich die Texte des heutigen Sonntags anschaue. Da scheint die Liebe Gottes für den Menschen durch, der im Tod nicht im Grab belassen wird, sondern der sich auf das neue Leben freuen darf. Jesus ist auferstanden, aber nach Ostern müssen die Jünger*innen sich damit abfinden, dass er nicht mehr bei ihnen ist – sie sehen ihn zumindest nicht immer. Aber trotzdem ist er da, auferstanden für alle. Das negiert das Schwere, die Herausforderungen, die Verzweiflung, die Traurigkeit und die Angst nicht. Aber es macht sie erträglich und das ist gerade schon mal ganz gut.

Bleiben Sie behütet!

Andrea Grote

Die biblischen Texte zum Sonntag lesen Sie hier https://www.erzabtei-beuron.de/schott/schott_anz/index.html?datum=2020-04-24

 

Herr, bleib bei uns und bei allen Menschen.

Bleib bei uns, wenn es Abend wird,

wenn Trauer und enttäuschte Hoffnungen

unser Herz verdunkeln.

 

Herr, bleib bei uns und bei allen Menschen.

Bleib bei uns, wenn Fragen uns bedrängen,

wenn wir dich nicht mehr finden

im Gewirr unserer Zeit und unseres Lebens.

 

Herr, bleib bei uns und bei allen Menschen.

Bleib bei uns, wenn wir unsere Schwachheit spüren,

wenn Alter, Krankheit oder Sucht

die Möglichkeiten des Lebens begrenzen.

 

Herr, bleib bei allen Menschen,

die hungern müssen und unterdrückt sind,

denen man die Menschenwürde raubt,

die ausgeliefert sind an die Mächte der Finsternis.

 

Schenke ihnen und uns allen

den Anfang neuen Lebens!

 

Ferdinand Kerstiens

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf

Stehen wir zur Auferstehung auf

Mitten am Tage

Mit unserem lebendigen Haar

Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.

Keine Fata Morgana von Palmen

mit weidenden Löwen

Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken

Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht

Und dennoch unverwundbar

Geordnet in geheimnisvoller Ordnung

Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Marie Luise Kaschnitz

 

Bei Gott hat unser Leben eine Zukunft – über den Tod hinaus! Das ist die Botschaft von Ostern. Eine frohe Botschaft für uns und alle Menschen, die Bestätigung unserer Hoffnung, unserer Sehnsucht, unserer kühnsten Träume.

Auferstehung heißt Aufstand gegen alles, was Tod bedeutet, Aufstand gegen die Angst, die lähmt, gegen Unterdrückung und Ausgrenzung von Menschen.

Und dort, wo sich diese Zeichen des Lebens, der Hoffnung schon jetzt Bahn brechen und in unserem Alltag sichtbar und spürbar werden, dort wird Auferstehung zeichenhaft erfahrbar.

Wo wir in unserem Alltag Leben ermöglichen, anderen Menschen Lebendigkeit schenken, dort sind wir Botinnen und Boten dieses österlichen Lebens. Alles Gute, das wir tun oder erleben, ist bei Gott aufgehoben und hat deswegen Zukunft. Der Glaube an die Auferstehung ist keine Vertröstung auf ein Später, sondern er verändert das Jetzt.

Auferstehung kann schon hier und heute geschehen – durch mich.

Christian Adolf

Noch am Gründonnerstag haben wir vom Schöpfen aus einer Kraftquelle gehört – nun ist die Quelle versiegt.

Wir kennen Situationen, in denen die Kraft zu Ende ist, keine Perspektiven in Sicht sind, Weggefährten ausbleiben, alle Hoffnung zerschlagen ist. Wir kennen solche Situationen sowohl im persönlichen Bereich bei unheilbarer Krankheit, Trauer oder zerbrochenen Beziehungen; wir kennen sie aber auch im politischen Bereich bei Kriegen, Hungersnot, Naturkatastrophen, Flüchtlingsdramen oder Seuchen. Wo bleibt Hilfe? Und vor allem: wo ist Gott? Warum greift er nicht ein und hilft? Nicht einmal seinem eigenen Sohn? „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ruft Jesus am Kreuz. Es ist schwer, die scheinbare Abwesenheit Gottes zu ertragen. Der Schrei Jesu am Kreuz zeigt uns einen Menschen, der nicht aufhört, nach Gott zu rufen; der Gottes Barmherzigkeit nicht still erbittet, sondern einfordert, der die Beziehung zu Gott auf keinen Fall preisgeben möchte. Noch im Tod erinnert er sich daran, dass Gott ihm Kraft, Quelle und Leben war, auch wenn seine eigene Kraft am Ende ist.

Jesus hat gelebt, geglaubt, gepredigt, geheilt, geliebt, gelitten – nun ist der Wendepunkt erreicht, nun ist allein Gott an der Reihe. Mit dem Satz „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ endet das Aufbäumen und Fragen. Mit diesem Satz gibt Jesus sich hin; sein Leben bekommt auch im Tod noch eine Richtung, eine Zukunft. Das ist die Botschaft des Karfreitag: die Quelle mag zeitweise versiegen, nicht mehr sichtbar sein, aber sie verschwindet nicht. Sie bleibt und wird wieder strömen.

Elisabeth Hunold-Lagies

Der Gründonnerstag ist der Tag des Beschenktwerdens. Brot und Wein wird den Jüngern, wird uns in die Hand gegeben, um daraus Mut, Hoffnung, Kraft zu schöpfen – „zu seinem Gedächtnis“.

Was bereits mit der Geburt Jesu als Glaubensherausforderung beginnt – Gott wird ein wehrloses Kind – findet hier seine Fortsetzung: Jesus Christus, der am Palmsonntag noch als König bejubelt wurde, macht sich klein, er kommt den Menschen unendlich nahe in einer sich verschenkenden Liebe, in einer dienenden Haltung. Bezeichnenderweise berichtet das Evangelium am Gründonnerstag nicht vom letzten Abendmahl (davon berichtet eine der Lesungen), sondern von der Fußwaschung, vom Sich-hinab-beugen Jesu. Es fällt Petrus schwer, diesen Dienst anzunehmen. Es passt nicht, dass der Lehrer dem Schüler, der Meister dem Jünger die Füße wäscht. Und es fällt auch nicht leicht, die eigene Bedürftigkeit und Abhängigkeit zuzugeben. Lieber behalten wir das Heft des Handelns in der Hand. In diesen Tagen erleben wir, wie schwer es zu akzeptieren ist, dass Entwicklungen völlig anders verlaufen als wir es erwarten. In diesen Tagen erleben wir auch, welche Größe in den dienenden Handlungen der Pflegenden und Helfenden liegt.

Das Geschenk dieses Tages anzunehmen, ist herausfordernd. Es ist ein großes Geschenk. Es ist wertvoll und stärkend. Und zugleich ist es ein Geschenk, das unmittelbar vor dem Abschied und der Bedrohung des Todes überreicht wird. Das ist unser Leben – ein Zustand des „dazwischen“: zwischen Stärke und Schwäche, zwischen Gestaltungsmöglichkeiten und Zerbrechlichkeit. An diesem Tag können wir Hoffnung und Kraft schöpfen, die auch den Ernst des Abschieds aushält.

Elisabeth Hunold-Lagies

Von göttlicher Gestalt war er.
Aber er hielt nicht daran fest,
Gott gleich zu sein –
so wie ein Dieb an seiner Beute.

Sondern er legte die göttliche Gestalt ab
und nahm die eines Knechtes an.
Er wurde in allem den Menschen gleich.
In jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.

Er erniedrigte sich selbst
und war gehorsam bis in den Tod –
ja, bis in den Tod am Kreuz.

Deshalb hat Gott ihn hoch erhöht:
Er hat ihm den Namen verliehen,
der allen Namen überlegen ist.

Denn vor dem Namen von Jesus
soll sich jedes Knie beugen –
im Himmel,
auf der Erde
und unter der Erde.
Und jede Zunge soll bekennen:
»Jesus Christus ist der Herr!«

Das geschieht,
um die Herrlichkeit Gottes, des Vaters,
noch größer zu machen.

(Phil 2, 6-11, Basisbibel)

Menschen breiten ihre Kleider auf der Straße aus. Sie schneiden Zweige von den Bäumen und streuen sie auf die Straße. Sie rufen »Hosanna!« und jubeln Jesus beim Einzug in Jerusalem zu.

Diese bekannte Palmsonntagsszene ist eindrucksvoll und lässt gleichzeitig fragen: Was versprechen sich die Menschen von diesem Jesus, dass sie ihn so freudig und voller Hoffnung begrüßen?

Dieser Jesus ist einer, der sich im guten Sinne unter die Menschen mischt. Er hat keine Allüren und lässt sich auf sie ein. Er nimmt sie ernst und spürt ihre Sorgen und Ängste. Er ist sensibel für Ausgrenzungen und Erniedrigungen. Er wendet sich besonders denen zu, die am Rande der Gesellschaft stehen. Und er hat eine andere Perspektive und Vorstellung vom Leben.

Das spüren die Menschen zu damaliger Zeit: Da ist jemand, der Hoffnung und Heil stiftet!

Die heutige Lesung macht deutlich, dass Jesus ein ganz anderer König ist. Eigentlich braucht und will er gar keinen roten Teppich oder eine königliche Verkleidung. Ihm geht es nicht um Privilegien und den schönen Schein.

Jesus wird stattdessen Mensch, denen gleich, die ihn brauchen. In der Lesung ist von ›Sklave‹ und ›Erniedrigung‹ die Rede; Begriffe, die so gar nicht königlich daherkommen. Jesus wird Mensch und erlebt alle Tiefen und Abgründe des menschlichen Lebens. Ihm geht es nicht um Macht, Anerkennung oder Ruhm. Ohne jegliche Vorbehalte widmet er sich aus Liebe den Menschen. Er ist zutiefst solidarisch mit ihnen, auch wenn ihn dieser Weg an das Kreuz führt.

Christian Adolf

Voll das wilde Leben…

Betende Hände in schwarz-weiß, daneben das Zitat aus dem Johannesevangelium „Ich bin die Auferstehung und das Leben- wer an mich glaubt, wird leben.“ – ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich eine solche Todesanzeige in unserer Tageszeitung zuhause gelesen habe. Und bestimmt genauso häufig habe ich mich gefragt, ob das so muss. Heute mindestens 20 bis 25 Jahre später bin ich glücklicherweise etwas gereift und schaue mit einem anderen Blick auf das Zitat.

„Ich bin die Auferstehung und das Leben – wer an mich glaubt wird leben“, so steht’s geschrieben im Evangelium vom 5. Fastensonntag. Und rundherum spinnt sich die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Und was total technisch klingt ist in der Perikope ein Chaos von Emotionen – Liebe, Leid, Leben und Tod, alles ist enthalten. Trauer um den Verstorbenen, der Freund Jesu und Bruder Marias war, der geliebt wurde, vermisst wird, vom Moment seines Todes an fehlt. Da gibt es die Jünger, die noch nicht verstanden haben, dass Lazarus nicht einfach krank ist, sondern stirbt. Da ist Marta, die fast den Eindruck erweckt, als wäre sie sauer, dass Jesus erst so spät kommt. Zu spät ihrem Empfinden nach, denn Lazarus ist bereits gestorben. Von Heilung kann also niemand mehr ausgehen. Und von Jesus, von dem wir in den biblischen Geschichten selten seine Gefühle mitgeteilt gekommen, erfahren wir, dass er erschüttert und innerlich erregt ist und das gleich zwei Mal. Am Ende der Geschichte herrscht dann große Freude über den Auferweckten. Die, die das sahen, waren überzeugt. Dieser Jesus, der ist wer. Der ist der Messias, der Retter, der Gesandte.

Zurück zur Todesanzeige: Heute ahne ich, dass Menschen, die dieses Zitat für die Todesanzeige ihrer Lieben ausgewählt haben, etwas von diesem Emotionschaos kennen. Sie haben das Leben des verstorbenen Menschen vielleicht vor Augen, dass vielmals voll war von Freude, Leid, Glück, Chaos, Traurigkeit, Sehnsucht, Leidenschaft… Und vermutlich haben sehr viele der Trauernden den Wunsch, die Sehnsucht und den festen Glauben, den lieben Menschen irgendwann einmal wieder zu sehen. Und dann drückt die Zusage Jesu doch ganz gut aus, was war, was ist und was sein wird. Und das hat dann auf einer Traueranzeige einen wirklich guten Platz.

Andrea Grote

  1. März 2020

Ein laaaanges Evangelium, dass heute in der Leseordnung vorgesehen ist und eines, das es lohnt, in dieser Länge gelesen zu werden.

Wir lesen und erfahren von der Heilung eines Blinden – nichts Neues eigentlich, wenn man auf die vielen anderen Heilungsgeschichten der Bibel schaut. Und doch ist es etwas anders: da wird ein Mensch sehend. Und das, wenn man der Geschichte folgt, nicht nur rein physisch, sondern er gewinnt so etwas wie eine Herzenssicht. Denn am Ende der Erzählung sieht er Jesus als DEN Menschen-Sohn. Als das Licht der Welt, als der, der von Gott kommt, der ihm, dem ehemals Blinden Sicht verleiht. Er sieht und erkennt.

Kennen Sie das auch? Dass Sie Stück für Stück ein bisschen mehr erkennen, dass es da wirklich diesen Gott gibt, der für Sie da ist? Vielleicht hilft Ihnen diese Erkenntnis in diesen ver-rückten Tagen mehr denn je.

Propst Wichmann aus Oberhausen hat zu einer beeindruckenden Aktion aufgerufen. Er forderte die Christ*innen seiner Gemeinde auf, jeden Abend um 19.00 Uhr eine Kerze zu entzünden, sie sichtbar in ein Fenster zu stellen und dann ein Vater unser zu sprechen – in ökumenischer Verbundenheit. Jede*r Beter*in wird damit zu einem Lichtzeugen – für den Menschen-Sohn, für Hoffnung, Solidarität und Liebe. Ich finde, das ist eine tolle Aktion und mache gerne mit! Eine Kerze, die für mich Christus als das Licht der Welt symbolisiert, der uns gerade jetzt nicht verlässt. Eine Kerze, die mir gerade jetzt zeigt: Ich bin nicht allein und mit vielen Menschen verbunden. Ich hoffe, diese Erkenntnis bleibt.

Andrea Grote

Gott,
du bist der Gott unseres Lebens.
Auf dich setzen wir unsere Hoffnung
in diesen Tagen der Krise.
Wir dürfen darauf vertrauen:
Du bist da!

Du siehst uns
mit unseren Sorgen und Fragen,
mit unseren Stärken und Hoffnungen.

Wir bitten dich:
Leite und begleite uns.
Stehe den kranken und schwachen Menschen bei.
Stärke und ermutige die Menschen,
die gerade für uns sorgen:
Menschen, die Verantwortung tragen,
Menschen, die sich um Kranke und Hilfsbedürftige kümmern,
Menschen, die ihre Zeit solidarisch für andere einsetzen.
Lass uns als deine Gemeinschaft
solidarisch miteinander verbunden bleiben.
Schenke uns Mut und Phantasie,
in diesen Tagen neue Formen des Miteinanders zu entdecken.

Segne uns,
du Gott des Lebens.

Amen.

Impulse als Ton- oder Videodokument

Anlässlich der Einführung des neuen Pfarrers Marc Weber hat Wolfgang Prevot ein Video erstellt zum LIed „Vertraut den neuen Wegen“. Das Lied wurde eingespielt von Christian Jaschke, Trompete, und Wolfgang Prevot, Orgel.

Eigentlich war die Reihe der musikalischen Impulse nur bis Pfingsten geplant – nun geben uns Christian Jaschke (Trompete) und Wolfgang Prevot (Orgel) noch eine Zugabe. Im eingespielten Choral (Gl 393) geht es um die Vielfältigkeit der Christengemeinde „Nun lobet Gott im hohen Thron, ihr Menschen aller Nation; hochpreiset ihn mit Freudenschalle ihr Völker auf der Erden alle“ und um die Dreifaltigkeit „Lob sei dem Vater und dem Sohn, dem Heilgen Geist auf gleichem Thron, im Wesen einem Gott und Herren, den wir in drei Personen ehren.“

Die musikalische Bitte um den Heiligen Geist haben Katharina Gaster Irrazabal (Altflöte) und Wolfgang Prevot (Orgel) eingespielt.

Mit dem Allegretto C-Dur für Flötenuhr von Ludwig van Beethoven sendet der Organist Ulrich Matyl einen musikalischen Gruß aus St. Hedwig. Die Musik passt mit ihrer heiteren Gelassenheit zur Osterzeit, zum Frühling und zum Muttertag. Und sie kann uns Zuversicht und Geduld für die nächsten Wochen schenken. Die Fotos von W. Habel u.a. hat Wolfgang Prevot zusammengestellt.

Zum Sonntag des Guten Hirten hören Sie „Mein Hirt ist Gott der Herr“, eingespielt von Katharina Gaster Irrazabal, Altflöte, und Wolfgang Prevot, Orgel.

Der Choral wird gespielt von Christian Jaschke, Trompete, und Wolfgang Prevot, Orgel

»Singt dem König Freudenpsalmen« – mit den Klängen dieses Prozessionsliedes möchten wir Sie einladen, mit dem Palmsonntag den Weg auf das Osterfest mit uns zu gehen.