Berichte

Ökumenischer Gottesdienst in der Vahr
Sonntag, 27. Januar 2013

Seit sehr vielen Jahren feiern die evangelischen und katholischen Gemeinden in der Neuen Vahr Ende Januar einen Ökumenischen Sonntagsgottesdienst. Der diesjährige Sonntag (27. Januar) fiel zusammen mit dem Shoa-Gedenktag. Von da her lag es nahe, den Ökumenischen Gottesdienst, der dieses Mal in der evangelischen Christuskirche stattfand, unter diesem Gedanken zu gestalten. Auf unsere Einladung, den Gottesdienst mit uns gemeinsam zu gestalten und zu feiern, bat uns die jüdische Gemeinde Bremens freundlich, davon bitte abzusehen. Gerne aber würde man an einem Austausch im Anschluss an den Gottesdienst teilnehmen. Zu diesem Gespräch, das viele Facetten ansprach, blieben viele Gottesdienstbesucher und äußerten sich anschließend sehr beeindruckt.

Im Folgenden können sie den einleitenden Psalm, das ausgewählte Schriftwort sowie die Predigt unseres Pastoralreferenten Andreas Egbers-Nankemann nachlesen.

 

Eröffnender Psalm (Verse aus Ps 55)

Vernimm, o Gott, mein Beten; verbirg dich nicht vor meinem Flehen! // Achte auf mich, und erhöre mich! Unstet schweife ich umher und klage. // Das Geschrei der Feinde macht mich verstört; mir ist angst, weil mich die Frevler bedrängen. // Sie überhäufen mich mit Unheil und befehden ich voller Grimm. // Mir bebt das Herz in der Brust, mich überfielen die Schrecken des Todes. // An einen sicheren Ort möchte ich eilen vor dem tobenden Sturm. // Entzweie sie, Herr, verwirre ihre Sprache, denn in der Stadt sehe ich Gewalttat und Hader. // In ihr herrscht Verderben; Betrug und Unterdrückung weichen nicht von ihren Märkten. // Denn nicht mein Fend beschimpft mich, das würde ich ertragen; nicht ein Mann, der mich hasst, tritt frech gegen mich auf, vor ihm könnt ich mich verbergen. // Nein, du bist es, ein Mensch aus meiner Umgebung, mein Freund, mein Vertrauter // mit dem ich, in Freundschaft verbunden, gepilgert bin inmitten der Menge. // Der Feind legt Hand an Gottes Freunde, er entweiht ihren Bund. // Ich aber setze mein Vertrauen auf dich! Wirf deine Sorge auf den Herrn, er lässt den Gerechten niemals wanken.

 

Schriftwort (Verse aus Joh 4)

Jesus kam zu einem Ort in Samarien, der Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich an den Brunnen. Da kam eine (samaritanische) heidnische Frau, um Wasser zu schöpfen. Die Frau sagte zu ihn: Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet. Ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss. Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir aber beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden.

 

Predigt (Pastoralreferent Andreas Egbers-Nankemann)

Der Holocaust-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel schildert seine Ankunft in Auschwitz folgendermaßen: "In der Ferne schlugen gelbe und rote Feuergarben, ausgespuckt von gewaltigen Fabrikschornsteinen in die mondlose Nacht, als wollten sie den Himmel in Brand stecken. Eine Viertelstunde später lief unser Zug in einen kleinen Vorortbahnhof ein. Wer an den Luken stand, rief den Stationsnamen den anderen zu: ‚Auschwitz‘. Jemand fragte: ‚Sind wir angekommen?‘ Ein anderer antwortete: ‚Ich glaube, ja. Haben Sie den Namen Auschwitz schon einmal gehört?‘ ‚Nein, noch nie.‘ Dieser Name erweckte keine Erinnerung und keine Angst. Der Geographie unkundig wähnten wir uns in einem kleinen friedlichen Ort in Schlesien. Noch wussten wir nicht, dass er durch seine Bevölkerung von mehreren Millionen Toten bereits in die Geschichte eingegangen war. Eine Minute später haben wir es erfahren. Die Wagentüren öffneten sich mit ohrenbetäubendem Ächzen, und eine Armee ehemaliger Gefangener begann zu schreien: ‚Endstation! Alles aussteigen!‘ Als gewissenhafte Fremdenführer malten sie uns Überraschungen aus, die uns erwarteten. ‚Kennt ihr Auschwitz? Nein? Umso schlimmer, Ihr werdet es kennen lernen!‘ Sie grinsten höhnisch: ‚Ihr kennt Auschwitz nicht? Wirklich nicht? Es erwartet euch hier jemand. Wer? Der Tod. Der Tod wartet auf euch. Nur auf euch wartet er. Schaut nur, ihr könnt ihn sehen!‘ Und sie zeigten uns das Feuer in der Ferne".

Auschwitz ist heute ein Name, den wahrscheinlich jeder kennt. Auschwitz steht für Gräueltaten, unfassbare Verbrechen, die Menschen Menschen angetan haben. Am 27. Januar 1945 marschierten sowjetische Soldaten in das Konzentrationslager Ausschwitz ein. Das Datum der Befreiung von Auschwitz ist seit 1996 nationaler Gedenktag, seit 2005 auch Gedenktag der Vereinten Nationen. Dieser Gedenktag ist kein leichter Tag, wir können nicht in fröhlicher, dankbarer Erinnerung die Befreiung von Auschwitz feiern. Was in Auschwitz und vielen anderen Konzentrationslagern geschehen ist, verschlägt uns die Sprache. Die Bilder, die mir vor Augen treten, wenn ich den Namen Auschwitz höre, erzählen von einer Grausamkeit, die ich mir nicht vorstellen kann und auch nicht vorstellen will. Aber ich weiß, dass ich nicht einstimmen kann in den Chor derer, die rufen: ‚Es reicht! Lasst uns mit der Vergangenheit in Ruhe. Das war schlimm genug. Jetzt müssen wir nach vorne schauen. Wir wollen uns nicht länger mit der Schuld unserer Väter belasten.‘ Andere verweisen auf das Unrecht, das ihnen und ihren Eltern durch Stalin und die Siegermächte des zweiten Weltkriegs zugefügt wurde: ‚Die waren ja auch nicht besser als die Nazis‘, heißt es dann. Doch dieses Aufrechnen von Schuld antwortet nicht auf die Frage nach der eigenen Verantwortung. Wo erheben wir heute, hier in der Vahr, unsere Stimme für den Schutz bedrohten Lebens? Haben wir aus der Vergangenheit gelernt? Die Erinnerung an die Verbrechen des zweiten Weltkriegs ist eine große Herausforderung. Sie ist verbunden mit Schmerz und Schuld, Leid und Scham.

In seiner Rede am 27. Januar 2000 vor dem deutschen Bundestag sagte Elie Wiesel: "Gewiss wird es Stimmen geben, die sagen, man mache es sich zu leicht, wenn man einen Tag im Jahr dazu ausersehe, einen Gedenkspruch zu sprechen und sich dann wieder dem Alltag zuzuwenden. Das sei doch bloßer Schein. Doch ich bin nicht dieser Meinung. Ich nehme Ihren Schritt ernst. Ich glaube nicht, dass Sie sich der Befreiung von Auschwitz erinnern wollen, um Auschwitz zu vergessen. Im Gegenteil, Sie wollen diese Befreiung ins Gedächtnis rufen, um alles davor zu verurteilen und mehr darüber zu erfahren. Ebenso wenig glaube ich, dass Sie den unanständigen Stimmen in diesem Land Gehör schenken wollen, die Ihnen einflüstern, doch endlich ‚das Blatt zu wenden‘, weil Sie angeblich ‚diese Geschichten satt haben‘. Wer einen Schlussstrich ziehen will, hat es schon längst getan. Er hat nicht nur das Blatt gewendet, sondern es aus seinem Bewusstsein gerissen. Wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal. Das aber ist dann seine Last. Ich sehe mich veranlasst, hier zu wiederholen, was ich überall sage: Ich glaube nicht an Kollektivschuld; nur die Schuldigen sind schuldig; nur sie und ihre Komplizen. Nicht jene, die damals noch nicht waren, und schon gar nicht die Kinder." Berührende Worte eines Mannes, der selbst Auschwitz erlitten hat und dort den Tod seines Vaters und vieler anderer mit ansehen musste.

Wenn wir in diesem Sinn vielleicht keine Schuld tragen, so spüren viele doch die Verantwortung, die den nachkommenden Generationen in Deutschland auferlegt ist.
Wenn wir heute hier zusammen kommen als evangelische und katholische Christen, dann müssen wir auch den Blick zurück zulassen und nach unserer Verantwortung fragen. Wir richten unser Gebet an den Gott, von dem uns die Bibel erzählt, an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Gott Jesu, der auch unser Gott ist. Als Christen sind wir aufs tiefste mit dem jüdischen Volk und seinem Glauben verbunden. Wir sprechen die jüdischen Psalmen, hören die Erzählungen über Abraham, Noah und König David; wir verweisen auf einen Schöpfergott, der uns diese wunderbare Welt anvertraut hat; der das auserwählte Volk Israel aus der Sklaverei Ägyptens befreite und ihm die Zehn Gebote gab. Unser Glaube ist ohne seine jüdischen Wurzeln undenkbar, unsere Bibel ohne das Alte Testament unvollständig. Wieso sollten wir diese Nähe und Verbundenheit mit den jüdischen Gemeinden ausblenden? Wir haben in unserem Schrifttext heute gehört, wie Jesus selbst sagte: ‚Das Heil kommt von den Juden!‘ Wir haben nur einen sehr kurzen Ausschnitt des Gesprächs mit der heidnischen Frau ausgewählt, um gerade diesem wesentlichen Satz die nötige Aufmerksamkeit zu schenken: Das Heil kommt von den Juden.

Diese Aussage Jesu mag uns wie eine Provokation vorkommen. Haben denn nicht die Juden Jesus ans Kreuz geschlagen? Die Juden waren doch blind und haben den Messias nicht erkannt. Schließlich hat auch Jesus im Neuen Testament häufiger deutliche Worte gegen die jüdischen Eliten, die Pharisäer und Schriftgelehrten, gefunden. Immer wieder wurde von Christen eine Judenfeindlichkeit, ein Antisemitismus mit dem Neuen Testament begründet. Auch heute ist dieses Denken noch präsent. Wir können diese Passagen und Aussagen des Neuen Testaments nur verstehen, wenn wir sie in ihrer Zeit lesen: Die Jesusbewegung hat sich nach dem Kreuzestod Jesu von der jüdischen Welt abgegrenzt, um einen eigenen Weg zu suchen, um dem aufkeimenden Christentum eine Identität zu geben. Alles, was sich um Jesus von Nazareth drehte, war jüdisch geprägt. Jesu war als Jude, geboren, erzogen und aufgewachsen nach den Regeln des jüdischen Gesetzes. Seine Eltern Maria und Joseph waren Juden, seine Jüngerinnen und Jünger waren Juden, die Städte und Dörfer, in denen er wirkte waren jüdisch. So war es nur folgerichtig, dass auch die anfängliche Jesusbewegung aus Judenchristen bestand und nur eine von verschiedenen Strömungen innerhalb des Judentums war.

Der Apostel Paulus hat als erster die neue christliche Religion aus dem Judentum herausgeführt und als ehemaliger Christenverfolger die Abgrenzung zum Judentum deutlich vorangetrieben.
Das sich ausbreitende nicht-jüdische Christentum sah sich als das neue Volk Gottes mit dem in Jesus ein Neuer Bund geschlossen war. Damit war der Alte Bund hinfällig, das ehemals auserwählte Volk Israel galt als von Gott verstoßen. Dieser Auffassung ist Paulus selbst noch mit großem Nachdruck entgegen getreten. Im Brief an die neue nicht-jüdische Christengemeinde in Rom schreibt er: "Hat Gott denn sein Volk verstoßen? Keineswegs! Denn auch ich bin ein Israelit, ein Nachkomme Abrahams, aus dem Stamm Benjamin. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat." (Röm 11,1) Dem wachsenden Selbstbewusstsein der neuen christlichen Religion folgte die Abwertung des Judentums. Die Juden hatten den von Gott gesandten Messias nicht erkannt. Sie töteten den Sohn Gottes und verspielten ihre Erwählung. Damit war der Platz frei für einen Neuen Bund mit einem Neuen Gottesvolk. Das Alte war überflüssig geworden. Ein solches Selbstbewusstsein lässt keinen Raum für Respekt und Toleranz, nicht einmal gegenüber den eigenen Wurzeln. Heute wissen und bedauern wir, wohin ein solches Denken und eine solche Haltung führen. Unheil und Leid wurde auch im Namen der Kirchen den Juden zugefügt. Deshalb sind wir aufgerufen, die Vergangenheit wach zu halten, zu erinnern, zu beten, voneinander zu lernen, energisch allen lebensfeindlichen Strömungen entgegen zu treten und durch unsere Kollekte das Projekt ‚Stolpersteine‘ zu unterstützen.

Wir werden gleich im Anschluss an diesen Gottesdienst Gelegenheit haben, uns mit zwei Vertreterinnen der jüdischen Gemeinde auszutauschen, sie zu fragen wie sie erinnern. Wir können uns nach ihren Erwartungen an unsere Kirchen erkundigen; ihnen danken, dass sie in diesem Land und in dieser Stadt jüdisches Leben und jüdische Kultur einbringen.

Eine ganz besondere Darstellung jüdischen Lebens in Bremen ist derzeit in der Bremer Bürgerschaft sehen. Bis zum 12. Februar präsentiert sich die Ausstellung "ins Gesicht geschrieben". Sie zeigt 19 Porträts jüdischer Aussiedlerinnen und Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion und beschreibt in Kürze ihre Lebensgeschichten. Der Blick in diese vom Leben gezeichneten, lächelnden Gesichter hat mich tief berührt. Es sind Menschen, die in der jüdischen Gemeinde ein neues Zuhause gefunden haben; Menschen, die für einen Glauben einstehen, in dem auch wir Christen unsere Wurzeln haben. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott Saras, Rebeccas und Rahels, der Gott Jesu, geht mit uns durch die Tiefen des Lebens, ist Hoffnung für Juden und Christen.

Wenn Jesus (wie im heutigen Evangelium gehört ) sagt ‚das Heil kommt von den Juden‘,
dann lassen wir uns hineinnehmen, in die Heilsgeschichte, die damit begann, dass Gott die Welt erschuf und sie dem Menschen anvertraute. Der Lobgesang für die Schöpfung und ihre Bewahrung verbindet uns mit allen Menschen, die sich für einen achtsamen Umgang mit der Natur stark machen. Wir gründen auf der Erfahrung des Exodus, die im brennenden Dornbusch ihren Anfang nimmt. Gott selbst offenbarte sich als der präsente, der nahe Gott, der ‚ICH BIN DA‘, der sein Volk aus der Sklaverei befreit hat. Für uns Christen hat diese Gegenwart Gottes in der Menschwerdung an Weihnachten eine konkrete jüdische Gestalt angenommen. Der Heiland ist aus der Mitte des jüdischen Volkes gekommen.

Deshalb bin ich dankbar, dass es trotz Auschwitz, dass es auch nach Ausschwitz wieder jüdische Gemeinden in Deutschland und in unserer Stadt gibt. In einem Interview mit der Wochenzeitung ‚DIE ZEIT‘ sagte der 39 Jahre alte, in Berlin ordinierte Rabbiner Paul Moses Strasko vor Kurzem: „Vielleicht gibt es kein besseres Land für Juden als Deutschland." Ich bin überzeugt, dass auch wir unseren Teil dazu beitragen können, den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt die Botschaft zu übermitteln: „Gut, dass Ihr in unserer Mitte lebt"!

Amen