Berichte

Triduum 2010 in St.Barbara, St.Godehard und St.Antonius
Donnerstag, 01. April 2010

Geteiltes - durchkreuztes - geöffnetes Leben"

Wir sind mit Christus auferstanden. Darum ist unser Weg kein Todesweg, sondern ein Lebensweg; vom Ziel her erhält der Weg seinen Sinn und seine Richtung. Speise für den Lebensweg hat der Herr uns gereicht. So gestärkt wollen wir danken und uns allen Menschen öffnen.

• Gründonnerstag - geteiltes Leben

• Karfreitag - durchkreuztes Leben

• Ostern - geöffnetes Leben

Predigt zu Gründonnerstag

Es herrscht Aufbruchsstimmung, Israel macht sich bereit zum Aufbruch aus Ägypten. Endlich frei aus der Sklaverei, eßt also das Passahmahl hastig, zieht auch schon einmal die Schuhe an und gürtet euch (Lesung)! Heute bricht Jahwe auf (er „geht vorüber" hat es geheißen), es ist also keine Zeit mehr! Auf diesen Aufbruch hat das Volk schon lange gewartet! Auch im Abendmahlssaal (Evangelium) herrscht „Aufbruchsstimmung". „Seine Stunde" sei gekommen, sagt Jesus, und er spricht von seinem Aufbruch zum Vater und von seiner „Erfüllung im Reich Gottes". Dieser Aufbruch hinterläßt allerdings ziemlich ratlose Jünger, schließlich bricht Jesus nicht nur äußerlich, sondern vor allem auch innerlich etwas auf. Schonungslos zerbricht er nämlich die vermeintlich einträchtige Stimmung im Apostelkreis und spricht offen von „Verrat" und „Auslieferung". Und heute: „Aufbruchsstimmung", auch bei uns? Eigentlich sitzen wir hier nicht, um heute in irgendeiner Weise aufzubrechen, eigentlich sind wir zusammen, um gerade im Hier-Zusammen-Bleiben seine Gegenwart mitten unter uns zu feiern! Eigentlich wünschen wir uns keinen Gott, der sich uns im „Vorübergang" zu erkennen gibt. Eigentlich möchten wir, daß ER bleibt und seßhaft wird und hier mitten unter uns Platz nimmt!

Was heißt denn für uns heute auch schon „Aufbruchstimmung"? „Aufbruch" das war einmal, aber diese Zeiten sind (vielleicht auch „Gott sei Dank"?) längst vorbei! Das waren nämlich die Nachkriegsjahre oder mein Weggang aus dem Elternhaus; das war in der Kirche die Zeit nach dem Konzil oder vielleicht noch einmal vor drei Jahren, als wir uns zum neuen Pastoralen Raum zusammenschlossen. An Aufbruchszeiten mögen wir vielleicht in einer nostalgischen Rückschau gerne erinnern, sie aber selber miterleben muß dann doch nicht immer sein! Denn „Aufbruchszeiten" (so sehr sie auch ein Mitgestalten ermöglichen) sind immer auch unsichere Zeiten oder zumindest Zeiten, die mich verunsichern. Hier in der Kirche und gerade auch jetzt bei diesem festlichen Gottesdienst wünsche ich mir dagegen keine Verunsicherung, sondern einen festen Anhalt an meinem Gott! Für das alte Israel war das Fest, auf das unsere Gründonnerstagsfeier zurückgeht, das Passah, ein Fest voller freudiger „Aufbruchsstimmung"! Und auch für Christus war kein Bleiben im Abendmahlssaal, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. Er wird die Türen vom Abendmahlssaal öffnen und hinausgehen in die Nacht, in die Unsicherheit, in die Angst des Garten Gethsemani, in den Tod, in die Erfüllung im Reich Gottes. Erst viel später (am Pfingsttag) werden dann die Jünger fähig sein, dieselben Türen selber zu öffnen, aber selbst dann brauchen sie noch einmal den kraftvollen Anstoß des Geistes.

Davon ist aber im Abendmahlssaal noch rein gar nichts zu spüren. Hier herrscht Verunsicherung, Verständnislosigkeit, Verschlossenheit. Das, was wir hier heute feiern, die Einsetzung des Altarssakramentes, darf aber nun einmal nichts mit „geschlossener Gesellschaft" zu tun haben! Wir müssen wahrnehmen, daß das erste Anliegen dieses Mahles keine Festlichkeit ist, keine weihevolle Atmosphäre, kein Kuscheln in einträchtigem Glauben, kein Bleiben in der Nestwärme Gottes und auch keine sich selbst genügende Innerlichkeit! Das erste Anliegen dieses Mahles ist und bleibt nach wie vor „Aufbruch", nämlich ein innerliches aufbrechen und damit offen werden für Gott und für die Menschen und für die Welt! Im Zentrum des Gründonnerstagsgeschehens steht das durch „Aufbruch" und „Vorübergang" geprägte Leben Gottes. Nur wer mit ihm (und durch ihn) „auf-bricht", kann mit ihm das Leben teilen! Denn nur wer innerlich „auf-bricht", bleibt nicht beim belanglos Vordergründigen stehen, sondern kann sich im wirklich Sinn „mit-teilen"! Und andererseits darf niemand, der sich wirklich „mit-teilen" will, warten, bis der andere zu ihm kommt, sondern muß zu ihm hin „auf-brechen"!

Diesen Spiegel erhalten die Jünger im Abendmahlssaal vorgehalten: Christus bricht im Innersten auf teilt sein Innerstes mit uns („Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut"). Das ist bis heute die Weise, in der er mit uns sein Leben teilt, denn seine Worte „Tut dies zu meinem Gedächtnis" meinen nicht bloß eine fromme Erinnerung an etwas vor zweitausend Jahren Geschehenes, sondern bewirken tatsächliches, aktuelles Teilhaben an diesem einen Abendmahl im Obergemach. Christus teilt im „geteilten Brot" mit uns das Leben! it ihm das Leben teilen, heißt mit ihm aufbrechen. it ihm aufbrechen, heißt mit anderen Leben zu teilen. „Geteiltes Leben": Was bricht heute für uns auf?... Was bricht heute von uns auf?... Mit wem teile ich Leben?... Amen.

Predigt zu Karfreitag

Aufbruchsstimmung - das war gestern am Gründonnerstag! Geteiltes Leben - auch das war gestern im Abendmahlssaal! War das schon gestern - oder war das noch gestern? Das hätte gestern eigentlich doch auch ganz anders weitergehen oder zumindest ausgehen können! Der Karfreitag schiebt sich quer in alle Erwartungshaltungen und Wünsche hinein. Kann man Gründonnerstag als Gedächtnis eines „teilenden" oder „geteilten Lebens" verstehen, so den Karfreitag als Gedächtnis eines „durchkreuzten Lebens". Wie ein Strich quer durch alle Pläne und Ziele! Wie ein Kreuz über und durch alle Hoffnungen!

Durchkreuztes Leben: „Das kann nicht sein"; fassungslos sitzt sie da; sechzehn gemeinsame Jahre; und dann der lapidare Satz: „Ich lasse mich scheiden..." -- „Damit du es weist: Ich habe dich nie gewollt!"; ich konnte nichts mehr sagen; meine Gefühle für meine Mutter waren nach diesem Satz wie abgeschnitten..." -- Er hatte immer gutes Geld verdient; er hatte das Haus gebaut; dann ging der Betrieb pleite; in seinem Alter keine Aussicht auf einen neuen Job; mit diesen Schulden stehe ich vor dem Ende..." -- „Das Unheil kam plötzlich; mein Kind war noch so jung; dann dieser Unfall; seitdem ist nichts mehr wie es war..." -- Kreuze über Kreuze durch Pläne, Ziele und Hoffnungen! Bis vor etwa 200 Jahren war in dem kleinen Ort Isenheim im Elsaß ein Kloster, im dem Kranke betreut und behandelt wurden. Bei der Aufnahme brachte man sie zuerst in die Kapelle vor den Hochaltar, um dort miteinander Gott um seine Hilfe zu bitten. Der Blick der Kranken fiel dabei auf ein ungemein gewaltiges Gemälde: Der Gekreuzigte, überlebensgroß, sein Körper übersät mit blutenden Wunden, die Finger der angenagelten Hände nach oben gespreizt, das Gesicht verzerrt vor Schmerz. Matthias Grünewald hat dieses Bild um 1500 gemalt. Auf den leidenden, auf den „mit-leidenden" Christus zu schauen, das war der Beginn der Therapie! Dieser Blick verändert zwar weder die Krankheit noch das Leid, aber er verändert die Haltung dazu! Auch als Kranker, als Leidender, als völlig Hilfloser weiß ich mich durch Blick auf den Gekreuzigten und Leidenden weder bestraft noch wertlos, sondern weiß ich mich nach wie vor geliebt und angenommen, gehalten und trotz aller Hilflosigkeit dennoch voller Würde! Denn auch das durchkreuzte Leben ist IHM nicht fremd geblieben, er hat es vielmehr am eigenen Leib gespürt! Daß Gott unser Leben teilt, hört beim feierlichen Gründonnerstag nicht auf, sondern reicht viel tiefer. Es reicht so tief, daß wir auch in der Situation gescheiterten oder durchkreuzten Lebens spüren dürfen, daß ER auch „das" mit uns teilt. Die „Aufbruchsstimmung" des Gründonnerstags bekommt damit eine sehr tiefe Dimension, denn ohne ein „durch-kreuztes Leben" verharmlosen zu wollen, wird durch dieses Anteilhaben Gottes selbst die Ausweglosigkeit des Leides für neue Hoffnung und Zuversicht aufgebrochen!

„Durch-kreuztes" Leben. Auch wenn wir gestern im Abendmahlssaal mit dem „Teilen des Lebens" das zentrale „Geheimnis des Glaubens" gefeiert haben, scheint mir unsere Kirche heute dennoch viel weniger eine Kirche des Gründonnerstags als eine Kirche des Karfreitags zu sein! Nämlich keine Kirche mit „offenen Türen" (wie wir es gestern am Gründonnerstag gefeiert haben), sondern eine mit enttäuscht in sich abgeschlossenen! Eben kein Ort spürbarer „Aufbruchsstimmung" (wie es schon beim ersten Passahmahl der Fall war), sondern eher ein Raum wehmütigen Klagens darüber, was einem heute zugemutet wird. Also weniger ein Ort, wo Leben geteilt wird, sondern eher ein Ort, wo der Tod geteilt wird - also des bitteren Betrauerns dessen was wieder einmal nicht mehr läuft oder bereits gänzlich weggebrochen ist! Solche Klagen sind da, und sie sind verständlich. Auch im Leben unserer Kirche haben die Zeitläufe schließlich vieles durchkreuzt, was uns lieb und teuer ist. Die Betroffenheit und Trauer über all das, was zerbrochen ist, braucht ihren Ort und braucht ihre Zeit. Aber wir dürfen auch wissen, daß Gott auch diese durchkreuzten Möglichkeiten seiner Kirche mit uns teilt und uns damit nicht allein stehen läßt.

Die Überlegungen zum „durchkreuzten Leben" dürfen in diesen Wochen auch die Skandale in unserer Kirche nicht außen vor lassen. Wir müssen deutlich aussprechen, daß im Namen unserer Kirche (oder zumindest in ihrem Raum) Lebenspläne und Hoffnungen ganz bitter und leidvoll durchkreuzt wurden. Daß also „durchkreuztes Leben" nicht allein mit einem anderen „Lauf der Zeit" zu hat, sondern eben gerade auch mit Handlungsträgern in der Kirche! Daß der Karfreitag Jesu Christi nicht für sich allein dasteht, das brennt deshalb bis heute wie ein Stachel.

Auch das zu erkennen und zu bekennen gehört zutiefst dazu, wenn wir diesen Tag ehrlich mitvollziehen wollen!

Karfreitag - das durchkreuzte Leben. Ein Gott, der es zuläßt, daß seine eigenen Pläne durchkreuzt werden?! Das können wir letztlich nicht verstehen, wir können darüber letztlich nur dankbar staunen: Ein Gott, der wirklich unser Leben teilt... Ein Gott, der also unser wirkliches Leben teilt!... Ein Gott, der durch dieses Handeln dann aber eben auch mit uns einen anderen Blick auf dieses Lebens teilt!... Amen.

Predigt zu Ostern

Ich erinnere mich aus meiner Kindheit an eine Situation, in der ich in Panik geriet. Ich stand vor dem Hauseingang von Bekannten meiner Eltern und dieser Eingangsbereich war als Windfang mit einer Außen- und einer Innentür angelegt. Die Klingel an der Außentür war defekt; man konnte diese Tür aber öffnen, ich ging also in den Windfang hinein und nutzte die Klingel an der Innentür. Hinter mir schlug jetzt aber die Außentür zu und diese fiel so ins Schloß, daß ich sie von innen nicht öffnen konnte. Da unsere Bekannten nicht da waren, stand ich jetzt gefangen in einem engen Windfang; vor mir machte keiner auf und hinter mir war die Tür auch zu; und niemand wußte, wo ich war... Ich leide nicht unter Klaustrophobie und ich kannte das auch nicht von mir, aber in dieser Situation stieg in mir dennoch plötzlich Panik auf. Gott sei Dank ließ sich ein kleines Fenster an der Außentür öffnen, so daß Frischluft hineinkam, und ich wurde dann auch bald gefunden...

Für viele Menschen fällt heute die Tür ins Schloß. Ich denke an Menschen, denen der Arzt die bittere Wahrheit sagen muß. Ich denke an die jungen Menschen, die unter Leistungsdruck scheitern oder keine Lehrstelle finden. Ich denke an die vielen 40/50jährigen, deren Betrieb pleite macht oder deren Arbeitsplatz wegrationalisiert wird. Ich denke an die Flüchtlinge oder Asylbewerber, für die die ersehnte Tür zur „Festung Europa" zufällt: Ich bin eingeschlossen und komme nicht heraus, ich werde ausgeschlossen und komme nicht hinein, ich selber bin verschlossen und komme nicht aus mir heraus. Mit all dem verbinden sich konkrete, schlimme und mitunter auch persönlich erniedrigende Situationen. Die verschlossene Tür ist für viele leidvolle Erfahrungen ein sehr zutreffendes Symbol: Die Tür ist dicht, Möglichkeiten sind verbaut. Es geht nicht mehr vorwärts, kein Ausweg ist da. Die Tür ist zu, ich komme nicht weiter. Schluß und Aus. Am Ende der Tod.

Aber jetzt feiern wir Ostern, und wir feiern es unter dem Eindruck einer für uns (wieder) weit geöffneten Tür! Schauen Sie sich das Titelmotiv auf unserem diesjährigen Osterpfarrbrief an, wir haben es sehr bedacht ausgewählt! Der Blick des Betrachters fällt auf diesem Motiv von einem dunklen Innenraum auf eine Tür, die den Weg nach draußen freigibt; und von draußen fällt helles Sonnenlicht hinein. Die Zeichen, die diese Tür trägt, sind Symbole für Jesus Christus: Wir erkennen die lateinischen Buchstaben P-X (für Pax, das heißt „Friede") - oder genauer die beiden griechischen Buchstaben Chi-Rho (für CH-R, also „Christus"). Die Tür, durch die das Licht fällt, heißt Christus; Christus ist die Tür, die aus allem Abgeschlossensein und Ausgeschlossensein und Verschlossensein (wieder) ins Weite führt!

Jesus Christus, „die geöffnete Tür" - aber wohin und zu welchem Raum? An Ostern feiern wir Christen seine Auferstehung und geben damit unserem Glauben Ausdruck, daß also die „Tür zum Leben" geöffnet ist! Das ganze Leben Jesu Christi (sein irdisches Wirken, sein Sterben und sein Auferstehen) zeigt uns, wie er für uns die geöffnete Tür ist, durch die wir selbst in neue Lebensräume gehen können, denn in seiner Haltung (in seiner Liebe und seiner Versöhnung) bleibt auch uns keine Tür verschlossen: weder zu Gott, noch zum Mitmenschen noch zu uns selber! Sein Friede ist der Weg, der alle Türen öffnet und neue Lebensräume und -möglichkeiten erschließt! Im Osterfest feiern wir, daß selbst der Tod keine verschlossene Tür ist, die uns den Weg versperrt und uns vom Leben aussperrt! Selbst den Tod dürfen wir in seiner Nachfolge als eine geöffnete Tür verstehen, die in einen neuen Raum des Lebens hineinführt! Deshalb bereichten die Osterüberlieferungen wieder und wieder von dem lebendigen Christus, der durch den Tod hindurchgegangen ist; und zugleich höre ich darin sein Wort: „Ich lebe - und auch ihr sollt leben!"

In besonders prägnanter Weise faßt diesen Gedanken ein Wort des heutigen Evangeliums zusammen: Die Frauen werden am Grab mit diesem Wort angesprochen: „Was sucht ihr, der lebt, bei den Toten?" Damit ist alles gesagt, denn wir stehen bis heute in der Versuchung, den der lebt, bei den Toten suchen, ob nun bei in dem was früher war und heute nicht mehr möglich ist, ob in toten Vorschriften oder in leblosen Strukturdebatten? Dort aber ist er nicht zu finden! Christus ist die Tür zu dem, was lebendig macht! Also lassen auch wir selber uns nicht immer wieder dort finden, was „tot" macht, was also innerlich lähmt, was resignieren läßt oder was verbittert macht! In Christi Nachfolge finden wir doch auch für uns selbst offene, weite, lichterfüllte Räume des Lebens! Jedes Osterfest stärkt uns unüberbietbar in diesem Vertrauen und Frieden! Laßt uns also dem von Gott eröffneten Leben trauen, weil er es mit uns lebt - Tag für Tag! Amen.