Berichte

Gedächtnisfeier für die Verstorbenen
Freitag, 31. Oktober 2008

Zum ersten Mal gestaltet der Liturgieausschuss des Pfarrgemeinderates diese Andacht. Mitte Oktober wurden alle Familien, aus denen unsere Gemeinde seit dem Allerheiligenfest des vergangenen Jahres eine Person beerdigt hat, angeschrieben und zu diesem Gottesdienst nach St.Hedwig eingeladen. Gemeinsam wollen wir noch einmal für die vielen Verstorbenen der zurückliegenden zwölf Monate beten.

 

Auf den Altarstufen ist ein langes Tuch ausgebreitet worden; darauf stehen sechs Kerzen, die mit einem sich über alle Kerzen hinziehenden Regenbogen, dem Symbol des Bundes zwischen Gott und den Menschen, gestaltet ist. In der Mitte brennt die Osterkerze. Ruhige Musikstücke, nachdenklich stimmende Texte, tröstende Schriftworte und ermutige Lieder wechseln sich ab. Dann verlesen Pastor Dau und Pastor Schlegel die Namen der Verstorbenen. Ein Meßdiener legt dabei die Namenskreuze der Verstorbenen auf das ausgebreitete Tuch. Es ist ein beeindruckendes Bild wie sich schließlich alle Kreuze um die Kerzen gruppieren. Danach werden kleine Buchsbaumzweige gesegnet, die die Familien mitnehmen und auf die Gräber ihrer Verstorbenen stecken können. Zum Abschluß des Gottesdienstes bekommen die Familien auch die Namenskreuze ihrer Angehörigen überreicht. Ein Jahr haben die Namenskreuze beim Gebetsort für die Verstorbenen in der Hedwigskapelle gehangen und die sich dort versammelnden Werktagsgemeinden zum Gebet aufgefordert. Nun erhalten sie die Familien als Zeichen der Verbundenheit mit unserer Gemeinde geschenkt.

 

Zum persönlichen Nachdenken finden Sie hier drei Impulse aus dieser Andacht:

 

 

Erzählung „Über den Fluß schauen"

 

Einmal kam der Tod über den Fluß, wo die Welt beginnt. Dort lebte ein armer Hirt, der eine Herde weißer Gänse hütete. „Du weißt, wer ich bin, Kamerad?", fragte der Tod. „Ich weiß, du bist der Tod; ich habe dich auf der anderen Seite hinter dem Fluß gesehen". „Du weißt, daß ich hier bin, um dich zu holen und dich mitzunehmen auf die andere Seite des Flusses?" „Ich weiß; aber das wird noch lange nicht sein." „Oder es wird nicht lang sein! Sag', fürchtest du dich nicht?" „Nein", sagte der Hirt. „Ich hab immer über den Fluß geschaut, seit ich hier bin; ich weiß, wie es dort ist." „Gibt es nichts, was du mitnehmen möchtest?" „Nichts, denn ich habe nichts." „Nichts, worauf du noch wartest?" „Nichts, denn ich warte auf nichts." „Dann werde ich jetzt weitergehen und dich auf dem Rückweg holen. Brauchst du noch etwas? Wünschst du noch was?" „Brauche nichts, hab alles", sagte der Hirt. „Ich habe eine Hose und ein Hemd und ein Paar Winterschuhe und eine Mütze. Ich kann Flöte spielen, das macht mich lustig."

Als dann der Tod nach langer Zeit wiederkam, gingen viele hinter ihm her, die er mitgebracht hatte, um sie über den Fluß zu führen. Da war ein Reicher dabei, ein Geizhals, der zeit seines Lebens wertvolles und wertloses Zeug an sich gerafft hatte: Klamotten, auch Geld und Aktien und fünf Häuser mit vielen Etagen. Der Mann jammerte: „Noch fünf Jahre, nur noch fünf Jahre hätte ich gebraucht, und ich hätte noch fünf Häuser mehr gehabt! So ein Unglück, so ein Unglück!" Das war schlimm für ihn. Ein Rennfahrer war unter ihnen, der zeit seines Lebens trainiert hatte, um den großen Preis zu gewinnen. Fünf Minuten hätte er noch gebraucht bis zum Sieg. Da erwischte ihn der Tod. Ein Berühmter war dabei, dem ein Orden gefehlt hatte, nur ein einziger Orden, für den er Jahre aufgewendet hatte. Da holte ihn der Bruder Tod. Das war schlimm für ihn. Schlimm für sie alle.

Als sie an den Fluß kamen, wo die Welt aufhört, saß dort der Hirt. Und als der Tod ihm die Hand auf die Schulter legte, stand er auf, ging mit ihm über den Fluß, als wäre nichts, und die andere Seite hinter dem Fluß war ihm auch nicht fremd. Er hatte Zeit genug gehabt hinüberzuschauen; er kannte sich hier aus. Und die Töne waren noch da, die er immer auf der Flöte gespielt hatte. Er war sehr fröhlich. Das war schön für ihn. Was mit den Gänsen geschah? Ein neuer Hirt kam.

 

 

 

Lesung „Ein neuer Himmel und eine neue Erde"

 

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.   (Offb 21,1-5a

 

 

 

Gebet „Als ob es die Toten gäbe"

 

Als ob es die Toten gäbe! Herr, es gibt keine Toten! Es gibt nur Lebende auf unserer Erde und im Jenseits. Herr, den Tod gibt es, aber er ist nur ein Moment, ein Augenblick, eine Sekunde, ein Schritt. Der Schritt vom Vorläufigen ins Endgültige, der Schritt vom Zeitlichen ins Ewige. So stirbt das Kind, wenn der Jüngling zum Leben erwacht, die Raupe, wenn der Schmetterling davonfliegt, das Weizenkorn, wenn die Ähre sich ankündigt.

Tod, seltsames Wesen, Schreckgespenst für kleine Kinder, Phantasiegebilde, das es nicht gibt - du machst mich lachen. Aber du empörst mich. Du terrorisierst die Welt, du erschreckst und täuscht die Menschen. Und dennoch gibt es dich nur um des Lebens willen, und du bist nicht imstande, uns die zu entreißen, die wir lieben.

Doch, wo sind sie, Herr, die ich zu Lebzeiten liebgehabt habe? Sind sie im Einklang mit dem Dreifaltigen Gott, von heiliger Liebesverzückung ergriffen? Werden sie verbannt vom Verlangen, ohne Grenzen zu lieben? Sind sie verzweifelt, verdammt zu sich selbst, weil sie sich selber mehr geliebt haben als die anderen? Verzehrt vom Haß, weil sie nicht mehr lieben können?

Herr, meine Toten sind ganz nahe bei mir. Ich kenne sie, die im Schatten leben. Ich sehe sie nicht mehr mit meinen Augen, denn sie haben für einen Augenblick ihre fleischliche Hülle verlassen wie man ein gebrauchtes oder aus der Mode gekommenes Kleid ablegt. Ihre der Verkleidung beraubte Seele gibt mir nun kein Zeichen mehr.

Aber in dir, Herr, höre ich sie, die mich rufen, sehe ich sie, die mich einladen, höre ich sie, die mich beraten. Denn sie sind mir nun noch mehr gegenwärtig. Einstmals berührten sich unsere Leiber, aber nicht unsere Seelen. Jetzt begegne ich ihnen, wenn ich dir begegne. Ich nehme sie in mich auf, wenn ich dich aufnehme. Ich trage sie, wenn ich dich trage. Ich liebe sie, wenn ich dich liebe.

O meine Toten, ewig Lebendige, die ihr in mir lebt! Helft mir, daß ich in diesem kurzen Leben es lerne, ewig zu leben. Herr, ich liebe dich, und ich  will dich immer mehr lieben. Nur du machst die Liebe ewig, und ich will ewiglich lieben.

Amen.